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Marie-Nicole Lemieux

Pavarotti öffnete die Himmelstür

Sie war schon immer schnell und ist nicht nur deshalb eine famose Mrs. Quickly. In Wien hat die kanadische Altistin Marie-Nicole Lemieux Verdis »Falstaff«-Heldin agil und stimmstark verkörpert und sich zwischen Probe und Vorstellung mit unserem Mitarbeiter Rainer Wagner über Barockmusik, Brüssel und die Liebe zu Tenören unterhalten.

Wer in der kanadischen Provinz aufwächst, muss sich seine Unterhaltung selbst machen. Ihr Vater liebte Tenöre und brachte Luciano Pavarottis Weihnachtsalbum »Holy Night« mit nach Hause. Da war Marie-Nicole 10 Jahre alt, hörte das »Sanctus « von Hector Berlioz und dachte: »Ich bin im Himmel«. Dass das etwas »kitschy« war, störte sie nicht: »In jedem Kitsch steckt auch ein bisschen Wahrheit.« Zwar wurde zu Hause in Dolbeau-Mistassini (»dreieinhalb Autostunden von Quebec entfernt, im Winter vier Stunden«) immer gesungen: »Mehrstimmig beim Teppichreinigen«. Sie lernte Flöte, sang im Kirchenchor, doch Musik als Berufs- und Lebensziel entdeckte die 17-Jährige erst, als sie sich auf der Schule den Naturwissenschaften widmete und keine Zeit für Musik mehr hatte: »Nach einem Vierteljahr war ich wie ausgetrocknet.« Als sie ihrer Mutter eröffnete, sie wolle klassische Sängerin werden, war die Ansage: erst Diplom, dann Musikstudium.
Ihre Ausbildung begann sie als Sopran, fühlte sich aber dabei nicht wohl: »Das war nicht ich.« Erst Maureen Forrester, Christa Ludwig und Janet Baker öffneten ihr die Ohren: »Da habe ich mich wiedererkannt – aber wenn man anfängt, setzt man sich keine Grenzen.« Erst nach fünf Jahren sagte ihre Lehrerin Marie Daveluy: »Du wirst Alt«.
Für eine Altistin ist man mit 24 Jahren noch blutjung. Dennoch setzte sich Marie-Nicole Lemieux im Mai 2000 zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Flugzeug und flog nach Brüssel, zum »Concours Reine Elisabeth«. »Ich hatte nichts erwartet, wollte nur wissen, wo ich stehe, wollte vielleicht ein paar Verbindungen knüpfen.« Niemand kannte sie, aber man lernte sie kennen: Sie gewann nicht nur den 1. Preis, sondern auch noch einen Spezialpreis für Liedgesang. Worauf sie stolz ist, weil ihre Lehrerin gesagt hatte: »Als Opernsänger kann man auch mal schreien, aber als Liedsänger muss man etwas zu sagen haben und das ist selten.«
In die Barockmusik wurde die Mahler-Verehrerin mit einem weiteren Faible für französische Musik von Dirigenten wie Jean-Christophe Spinosi oder Alan Curtis gelockt. Mit Curtis und dem Orchester Il Complesso Barocco hat sie gerade zusammen mit Kollegin Karina Gauvin das Händel-Programm »Streams Of Pleasure« vorgelegt, ein »homemade drama« mit Arien und Duetten aus Händels Oratorien: »Es macht Spaß, von Charakter zu Charakter zu springen«.
Zwar nicht sprunghaft, aber doch von Charakter zu Charakter hat sie sich auch »Giulio Cesare« erarbeitet: Die Cornelia war ihre erste Opernbühnenrolle überhaupt, doch im Winter geht sie mit der Curtis-Truppe auf Konzert-Tournee, diesmal in der Titelrolle: »Cesare ist als Charakter so stark – und die Musik ist pures Vergnügen.«

Georg Friedrich Händel

Streams Of Pleasure

Karina Gauvin, Marie-Nicole Lemieux, Il Complesso Barocco, Alan Curtis

Naïve/Indigo

Rainer Wagner, RONDO Ausgabe 6 / 2011



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