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(c) Natalie Berezina

Kristine Opolais

„Schönheit allein reicht nicht“

Die lettische Sopranistin über den Wechsel ins schwere Fach, ihre Ehe mit Andris Nelsons und warum ihr Hündchen auf dem Land lebt.

RONDO: Frau Opolais, im Mai singen Sie im Wiener Musikverein in Beethovens Neunter, danach folgt Ihre erste Elsa in London. Ist das ein Wendepunkt – oder nur ein kleiner Ausflug ins schwerere Fach?

Kristine Opolais: Es kann, wenn alles gut geht, gerne ein Wendepunkt werden. Ich brauche Herausforderungen und lerne leicht. Vor allem möchte ich dringend aus meiner Puccini-Schublade heraus. Nichts gegen Puccini! Ich liebe ihn, aber wenn man ständig zwischen Tosca, Butterfly und Bohème hin und her pendelt, kann es einem manchmal zu viel werden.

RONDO: Wohin soll die Reise dann gehen?

Opolais: Am liebsten zu Senta, zu Salome und – in zehn Jahren – zu Isolde! (lacht) Na klar, ich weiß schon, dass man da vorsichtig sein muss und diese Rollen heute viel zu heftig für mich wären. Träumen wird man aber noch dürfen! Ich will Tosca und Butterfly nicht ganz hinter mir lassen. Und ich weiß auch, dass man, sobald man Wagner singt, nur noch nach Wagner gefragt und dafür gebucht wird. Nur: Mit Puccini ist das genau dasselbe! Da kommt man auch nicht wieder heraus.

RONDO: Ist Wagner dankbarer als Puccini – oder wird er nur besser bezahlt?

Opolais: Wird er?! Na, das wird ja immer interessanter … Aber Vorsicht: Man kann Wagner-Rollen nicht so oft singen wie Mimì oder Suor Angelica. Bei mir ist es leider so, dass Mozart mir relativ fremd ist. Und Belcanto, der niemandem schadet, ist auch nicht meins. Mir kommt es vor allem darauf an, auf der Bühne nicht nur zu singen, sondern agieren zu dürfen. Und da, scheint mir, hat Wagner mehr zu bieten.

RONDO: Einige Sänger sagen, man müsse dramatischere Rollen angehen, weil die lyrischen an junge Sänger gehen. Stimmen Sie zu?

Opolais: Das ist tatsächlich ein Problem. Ab 45 wird es schwierig in unserem Beruf. Das treibt viele Sänger vorzeitig in dramatische Rollen, mit denen sie glauben, länger im Geschäft bleiben zu können. In Wirklichkeit besteht die Gefahr, dass diese schweren Rollen die Karriere verkürzen.

RONDO: Ihre Mutter sang gleichfalls. Ihre Lehrerin war sie aber nicht?

Opolais: Das würde wohl auch nicht klappen … Meine Mutter besitzt eine große Stimme, sie wäre eine gute Opernsängerin gewesen – in dramatischeren Partien als ich sie singe. Ich lasse mich gern in allem möglichen von ihr beraten, aber nicht beim Singen. Sie hat mir die Gene vererbt, mit dem Rest muss ich selber klarkommen.

RONDO: Die Mutter – zugleich Lehrerin – Ihrer Kollegin Elīna Garanča ging bei Übertragungen aus der Metropolitan Opera stets ins Kino und rief ihre Tochter in der Pause an, um ihr Ratschläge zu geben!

Opolais: Elīna Garanča hat die schönste Stimme von allen, wenn Sie mich fragen. Aber wenn meine Mutter mich in der Pause anrufen würde, wäre die Vorstellung für mich gelaufen. Das könnte mich vollkommen aus der Bahn werfen.

RONDO: Ihr Vater wiederum spielt Trompete – ganz wie Ihr Ehemann, der Dirigent Andris Nelsons. Zufall?

Opolais: Es gibt ja bekanntlich keine Zufälle im Leben. Mein Vater spielte Trompete in einer Militärkapelle. Ich gebe zu, dass ich, als ich Andris kennenlernte, zuerst dachte: Das wird der Vater meines Kindes!

RONDO: Sie sind eine sehr attraktive Sängerin. Was halten Sie von der Vorstellung, das Publikum zu verführen?

Opolais: Insofern viel, als ich beim Singen auf der Bühne die Vorstellung habe, vor nur einer Person aufzutreten. Nicht vor vielen! Ich stelle mir zwei Augen vor – und ein Gesicht. Ich habe oft Zweifel an meinem Beruf und verstehe dann kaum, warum ich das eigentlich mache. Würde mir jemand anbieten, meine Sängerkarriere gegen eine Schauspieler-Karriere einzutauschen, ich weiß nicht was ich täte. Ich muss mich psychologisch entblößen können, um mich gut zu finden.

RONDO: Ihre Stimme strahlt Frische, beinahe Coolness aus. Dumm gefragt: Ist das typisch baltisch?

Opolais: Ich weiß nicht. Ich glaube, dass es Stimmen gibt, die sich durch ein besonders schönes Timbre auszeichnen, und solche, die eine perfekte Technik haben. Das trifft aber beides nicht auf mich zu. Ich will eine Persönlichkeit verkörpern. Bin also das, was man im Italienischen eine cantant’attrice nennt. Bei Schönheit stehenzubleiben, halte ich für falsch.

RONDO: Ursprünglich haben Sie Ihre Karriere von derjenigen Ihres Mannes sauber getrennt. Jetzt treten Sie oft gemeinsam auf!?

Opolais: Anfangs hasste ich die Vorstellung, als Ehefrau betrachtet zu werden. Ich musste mir erst selbst einen Namen machen, bevor ich es gut fand, dass Andris und ich mehr zusammen machen. Heute, mit unserer kleinen Tochter, ist es viel einfacher gemeinsam zu reisen und zu arbeiten.

RONDO: Hatten Sie nicht früher auch einen kleinen Hund?!

Opolais: Der ist jetzt auf dem Lande. Unsere Tochter würde es lieben, wenn er immer dabei wäre. Aber mit Kind, Nanny und Doggy, nein, das macht das Reisen einfach zu kompliziert.

www.kristineopolais.com


Von Riga nach New York

Die Sopranistin Kristine Opolais, geboren am 12. November 1976 im lettischen Rēzekne, studierte in Riga und Amsterdam. 2003 debütierte sie an der Lettischen Nationaloper, 2006 folgte ihr Debüt an der Berliner Staatsoper (als Tosca). Nach Gastspielen als Mimì in Mailand und Wien feierte sie 2010 ihren Durchbruch als „Rusalka“ (Regie: Martin Kusej) – eine Aufführung, die sie auch heute noch für die beste hält, in der sie mitwirkte. 2013 sang sie erstmals an der Metropolitan Opera in New York, wohin sie seither regelmäßig zurückgekehrt ist. 2009 heiratete Opolais den Dirigenten Andris Nelsons. Die beiden haben eine Tochter (geboren 2011). Die Familie lebt in Riga.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2018



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