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Alisa Weilerstein

Das Wundertier

Sie ist die einzige Cellistin, die für Daniel Barenboim das Elgar-Cellokonzert spielen darf. Mit dem ersten Cello-Solovertrag der Decca seit 30 Jahren.

Im Dezember 2008 ereignete sich in einem Hotelzimmer in New York eine folgenschwere Begegnung. Daniel Barenboim, der an der Metropolitan Opera soeben sein (spät nachgeholtes) Dirigenten-Debüt absolviert hatte, wurde von seinem Ex-Assistenten Asher Fisch einer blutjungen Cellistin vorgestellt. Alisa Weilerstein, damals 26 Jahre alt, erinnerte den berühmten Mann womöglich an seine erste Ehefrau, die Cellistin Jacqueline du Pré. Er lud sie ein, wenig später in Mailand mit ihm in privatem Rahmen das große Dvořák- Konzert durchzugehen. Dabei hat es offenbar gefunkt.
Kurz darauf erklärte Barenboim seinen Mitarbeitern: „Mit der mache ich das Cello-Konzert von Edward Elgar!“ Die Mitarbeiter dürften erstaunt gewesen sein. Denn erstmals seit der berühmten gemeinsamen Aufnahme 1970 sollte er zu einem Werk zurückkehren, das mit der Legende Jacqueline du Pré verbunden ist wie keines sonst. Es ist ihr Stück, würden Kenner ohne weiteres zugeben.

„Das Elgar-Konzert? Never!“

„Ich war zu Tode erschrocken und taumelte wie angetrunken 45 Minuten lang durch den Central Park“, erzählt Weilerstein über den Augenblick der Nachricht, dass sie mit Barenboim dieses Werk aufnehmen sollte. Das Cello-Konzert von Elgar, so räumt sie heute ein, sei tatsächlich das einzige Werk gewesen, das sie mit Barenboim nicht, und zwar unter gar keinen Umständen habe aufnehmen wollen. „Never!“, schäumt sie fast. „Und zwar aus Respekt vor Jacqueline du Pré, die ich mein Leben lang verehre wie keine andere Cellistin.“ Natürlich tat sie es später doch. Und man kann es ihr nicht verdenken.

Cellostunden auf der Rice-Krispies-Box

Die Aufnahme, entstanden mit der Berliner Staatskapelle, sorgte dann auch innerhalb der Szene für so viel Aufsehen, dass sogar Yo-Yo Ma, der berühmte amerikanische Cellist, Weilerstein anschließend vertraulich anstuppste und neugierig fragte: „Hast du von Barenboim die Fingersätze erfahren?!“
Aufgewachsen in einer musikalischen Familie, blieb Alisa Weilerstein von Anfang an scheinbar keine Wahl. „Ich war umzingelt“, gibt sie ehrlich zu. Ihr Vater Donald Weilerstein war 1969 Mitbegründer des Cleveland Quartetts. Ihre Mutter ist die Pianistin Vivian Hornik. „Es dürfte naheliegend gewesen sein, dass ich mit Cello anfangen würde“, lacht Weilerstein. „Aber so einfach war es nicht, denn man ließ mich durchaus frei entscheiden.“ Bis die Oma der Familie ein bisschen nachhalf, als sie ihr – die Enkelin war zwei Jahre alt! – ein kratziges Mini- Cello aus einer Rice-Krispies-Box bastelte. Das wirkte.
Seit sie sechs Jahre alt ist, spielt Alisa mit ihren Eltern Klaviertrio. „Ich war unabhängig und hätte mich wehren können“, insistiert sie. „Mein Lieblingsspielzeug“ wurde das Kindercello, das man der quängelnden Tochter endlich versprach. „Ich war selig und übte viel.“ Gott, diese Eltern müssen Genies in der Motivation ihres Kindes gewesen sein! Bis heute geht Alisa Weilerstein gemeinsam mit ihren Eltern alljährlich auf Trio- Tour.
Eine Woche vor ihrem zehnten Geburtstag ereilte das Mädchen eine weitere, folgenschwere Nachricht. Bei ihr wurde Diabetes Typ 1 diagnostiziert. Eine eher seltene Spielart der Krankheit, von der etwa nur 10% aller Diabetes-Patienten betroffen sind. „Es bedeutete ein Stigma und eine lebenslängliche Veränderung“, so Weilerstein. Sie musste sich angewöhnen, zu spritzen, zu pumpen, Kalorien zu zählen und ihren gesamten Lebensrhythmus darauf einzustellen.
„Ich bin durch die Krankheit nicht eingeschränkt“, meint sie. Bis sie 24 Jahre alt war, erzählte sie davon nicht einmal ihrem Manager. „Ein Befreiungsschlag“, so kommentiert sie ihren schließlich getroffenen Entschluss, mit der Krankheit offensiv umzugehen – auch öffentlich. Heute fungiert sie als spokesperson der Juveniles Diabetes Research Foundation in den USA.

Töne aus granitener Quelle

Wer die im Konzert sichtlich schuftende, geräuschlüstern schnaufende und auftrumpfende Weilerstein erlebt hat, realisiert die Ernsthaftigkeit dieses Talents. Sie schürft und schlürft die Töne wie aus granitener Quelle. So wundert man sich nicht, dass sie als erste Cellistin seit 30 Jahren bei der Decca einen Solo-Vertrag erhielt. Das Mädchen muss ein Wundertier sein.

Edwart Elgar, Elliott Carter

Cellokonzerte

Alisa Weilerstein, Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin

Decca/Universal


Elgars Cello-Konzert

Das Cello-Konzert op. 85 von Edward Elgar wurde durch Jacqueline du Pré berühmt. Komponiert kurz nach dem 1. Weltkrieg, geriet die Uraufführung 1919 zum Desaster, obwohl Elgar selbst dirigierte. Schon Casals, Rostropowitsch und Paul Tortelier nahmen das Werk auf. Doch erst Jacqueline du Pré (1965 unter John Barbirolli und 1970 unter Barenboim) sorgte dermaßen für Furore, dass ihre Aufnahmen als ihre wichtigsten Vermächtnisse bis heute betrachtet werden. 1966 heirateten du Pré und Daniel Barenboim. Ihre Erkrankung an Multipler Sklerose zwang sie 1973 zur Aufgabe ihrer Karriere. Sie starb 1987.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2012



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