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Unterm Strich

Ramsch oder Referenz? CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Musikkritiker hatten Hausverbot bei den musikalischen Privataufführungen Arnold Schönbergs in Wien. „Besprechungen in Zeitungen sowie jede Reklame für Werke oder Personen sind unzulässig“, so der Passus im Prospekt des Vereins. Damals, vor 99 Jahren, ging es noch um neue Werke. Heute geht es, unterm Strich, nur noch um die Verkäufe kultiger junger Interpreten.
Es wäre also zu überlegen, ob Schönbergs Maßnahme dem Musikbetrieb heute wieder nützlich sein könnte, vielleicht einmal im Jahr, in Bayreuth oder Salzburg oder so. Probehalber, wie ein autofreier Sonntag, als eine Art Detox-Ritual.

Henk Guittart und sein nach Schönberg benanntes Ensemble Gruppo Montebello haben die Grundidee des Privatmusikvereins der neuen Wiener Schule, Neue Musik bekannt zu machen durch scharf geschneiderte, klein besetzte Kammermusik-Arrangements, adoptiert, aber auch historisiert. Sie bearbeiten nicht Stücke von heute lebenden Komponisten. Sie arrangieren Klassiker abermals neu, Wagner, Zemlinsky, Berg und Schönberg, und folglich enthält ihr Album „Verein für musikalische Privataufführungen Vol. 3.“ (Et’Cetera/hm KTC 1485) lauter „Erstaufführungen“. Lauter blank polierte Ohrenschmeichler, gläsern durchsichtig musiziert von jungen Interpreten, wie dem ins Ensemble integrierten Schumann Quartett. Ach, wären die Sänger nur halb so gut! Das Schwelgen des Tenors (Axel Everart) wird in Schönbergs op. 8 von den Instrumenten zugedeckt. Der Mezzosopran (Nan Hughes) flackert, er sitzt nicht im Fokus, schmerzlich vor allem in Zemlinskys Maeterlinck-Gesängen. Und beide artikulieren irgendwie irgendwas, man versteht kein Wort.

Mit einem angesagten „Instrumagic PES Butterfly D Set“ hat der Luxemburger Starpianist Jean Muller seinen Steinway fit gemacht für eine Neueinspielung der Goldbergvariationen (hänssler CLASSIC/Profil HC 17059). Wenn die famose Goldbergvariationenfanclub-Webseite www.a30a.com richtig mitgezählt hat, wovon man aber unbedingt ausgehen darf, dann handelt es sich hierbei um die 582. Einspielung dieses unkaputtbaren Meisterwerks, von dem wir eigentlich nie genug kriegen können. Doch diese Aufnahme hätte nicht sein müssen. Starres Metrum, schulmeisternde Phrasierung, kein Glanz, kein Gesang. Und auch das Aufpimpen des Klangbilds klappte offenbar nicht wie versprochen. Muller hat diesmal noch weniger Farben in den Fingern als sonst.

Und sogar ein Bösendorfer Imperial klingt ja nicht ganz von allein nach Wien. Die Ersteinspielung sämtlicher Klavierwerke von Franz Schubert, nicht nur der Sonaten und Impromptus, auch aller Variationen, Fantasien, Ländler, Scherzi, Ecossaisen, Walzer, Märsche und Galopps, nebst den Fragmenten dazu, auf dem damaligen Stand der Schubertforschung, ist dem Salzburger Mozarteumspianisten Gilbert Schuchter zu danken. Er spielte an einem Bösendorfer Flügel im Studio Casino Baumgarten, in Wien; 1969 kam beim Schweizer Label Tudor die Vinyl-Edition heraus. Eine gefeierte Referenzaufnahme! Ein Jahrhundertwurf! Wie seltsam vergesslich der Musikbetrieb diesbezüglich sein kann! Wienerisch kantabel, aber auch kraftvoll klingt Schuchters Schubert, biegsam im Metrum, hat einen glockenhellen Zauber, eine abgründig ernste Leichtigkeit, die von beiden späteren Gesamtaufnahmen (Jan Vermeulen, 2010, auf einem Hammerflügel von Nannette Streicher, sowie Gerhard Oppitz 2007 – 2014, auf einem Steinway) nicht wieder erreicht wurde. 1989 starb Schuchter, der inzwischen auch noch Mozarts Gesamtklavierwerk und das von Hans Pfitzner eingespielt hatte. Ihm zum Gedächtnis wurde die Schubert- Edition damals auf CD umgetopft, das Klangbild erwies sich als überraschend sehr gut. Und jetzt kam, endlich, die Zweitauflage zustande. (12 CDs; Tudor/Naxos TUD 1640). Ein kultiger alter Interpret! Zugreifen!

Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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