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(c) Yann Orhan/Sony

Lucas Debargue

Wien im Nebel

Der Pianist über Franz Schubert, schlaflose Nächte in Hamburg und über Kollegen, die auf Brillen schwören.

RONDO: Herr Debargue, haben Sie Ihren ECHO Klassik 2017 – Glückwunsch! – gut verkraftet?

Lucas Debargue: Ja, allerdings leider schlaflos. Ich leide an Schlaflosigkeit. Und hätte deswegen sogar beinahe unsere Verabredung verpasst. Mein Verstand arbeitet im Bett leider besser als außerhalb. Zumindest intensiver! Ich kann meine Gedanken nicht abstellen. Und nehme das ernst, denn ich glaube nicht daran, dass die Vernunft alles ist. Ich respektiere die Macht des Irrationalen. Und zweifle an allem. Diese Zweifel werde ich wahrscheinlich nur dann vorübergehend los, wenn ich musiziere.

RONDO: Bei Ihrem CD-Debüt schrieben alle, Sie seien Autodidakt. Stimmt das überhaupt?

Debargue: Nein, das mit dem Autodidakten hatte sich irgendwie verselbständigt. Es stimmt nicht ganz. Ich wollte ursprünglich kein Pianist werden, sondern spielte E-Bass in einer Band, studierte Kunst und Literatur und hatte das Klavierspielen aufgegeben. Doch ich brauchte immer jemanden, der mir in die Parade fährt und Paroli bietet. Solche Leute – und Lehrer! – fand ich auch. Und habe sie bis heute. Ich war früher sehr messy, also unorganisiert, und irrlichterte umher wie eine Motte ums Licht. Das ist jetzt beinahe ins Gegenteil umgeschlagen. Ich bin ein Kontroll-Freak geworden und habe mein ganzes Leben erstaunlich gut im Griff.

RONDO: Ihre beiden ersten Alben hatten ein jeweils scharf umgrenztes Thema – Architektur und Improvisation. Und das neue?

Debargue: Soll eine musikalische Landschaft abbilden. Mir ging es um die kalten und kratzigen Aspekte Franz Schuberts. Ich würde ihn nicht unbedingt als freundlichen oder lieblichen Komponisten beschreiben. Sondern als bitteren. Das ist für mich nichts Negatives, sondern steht auch für die Strukturklarheit seiner Sonaten. Ich würde nie etwas von Schumann spielen, dessen Fragmenthaftes und Ungeordnetes mich irritiert. Von Schubert dagegen führt eine direkte Brücke hin zu Karol Szymanowski und seiner wunderbaren Kompromisslosigkeit.

RONDO: Was ist Ihre Erklärung für die sogenannten „himmlischen Längen“ in Schuberts Sonaten?

Debargue: Die Weiterentwicklung. Schubert bleibt schließlich auch in den langen Sätzen nie stehen. Er weiß, dass alle Musik auf Variation basiert. Dadurch kommt etwas Mysteriöses in sie hinein. Schuberts Sonaten strahlen für mich etwas ungemein Feuchtes und Nebliges aus, und sind doch von großer Klarheit. Das ist genau jene Paradoxie und Balance, die ich zu treffen suche.

RONDO: Wer unter Ihren Vorgängern hat die beiden Sonaten Ihrer Aufnahme am besten gespielt?

Debargue: Die beste Aufnahme der a-Moll-Sonate, die ich kenne, stammt von Svjatoslav Richter. Sie wurde in den 60er Jahren live in London mitgeschnitten. Die A-Dur-Sonate bevorzuge ich in der Version von Alfred Brendel. Diese ist sehr frei und trifft alle Aspekte des Werkes, soweit sich davon sprechen lässt, vorzüglich.

RONDO: Was halten Sie von den jüngst wiedererschienenen Schubert-Aufnahmen von Paul Badura-Skoda?

Debargue: Mit seinen Ortskenntnissen, fürchte ich, kann ich nicht konkurrieren. Ich war noch nie in Wien. Und versuche weder eine lokale noch eine historische Nähe vorzutäuschen. Ich bin zu jung dafür.

RONDO: Warum ist es bisher niemandem, auch nicht Simon Rattle, gelungen, die Musik Szymanowskis populär zu machen?

Debargue: Szymanowski ist so ein ähnlicher Fall wie Nikolai Medtner. Dieser stand im Schatten Rachmaninows und verkörpert doch – ähnlich wie Szymanowski – eine ganz eigene Welt. Worauf es mir ankam bei Szymanowski, sind die vielen, sehr puren und schönen Linien. Die polyphone Schönheit! Seine 2. Sonate, da gibt es kein Vertun, ist ein Meisterwerk.

RONDO: Außerdem gibt es noch ein weiteres neues Album von Ihnen: Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“. Wie kam es dazu?

Debargue: Der Impuls dazu ging von dem Klarinettisten Martin Fröst aus. Ich war begeistert und bin naiv an die Sache herangegangen. Was das Analysieren von neuen Werken anbetrifft, bin ich ein Freak. Ich bin versessen darauf. Hier war ich in der glücklichen Lage, damit nicht ganz allein zu sein.

RONDO: Auf Ihren bislang vier Alben spielen Sie nicht weniger als acht Komponisten. Mit welchem möchten Sie wirklich assoziiert werden?

Debargue: Mit Domenico Scarlatti. Er ist für mich der absolute, sinnliche Meister der Form. Und der Erste, bei dem ich sogar über eine ganze CD nachdenken würde.

RONDO: Was würden Sie niemals spielen?

Debargue: Außer Schumann? Brahms! Dafür fühle ich mich nicht reif genug.

RONDO: Sie sind einer der wenigen Pianisten, die mit Brille auftreten. Warum?

Debargue: Ganz einfach, ich kann keine Kontaktlinsen vertragen. Sie tun mir weh. Auch bekomme ich Kopfschmerzen, wenn ich meine Brille absetze. Ich bin stark kurzsichtig – minus fünf Dioptrien. Also habe ich keine andere Wahl. Es steckt aber keine höhere Absicht dahinter. Ich bin übrigens nicht der einzige. Auch Brendel, Richter und Friedrich Gulda – alles sehr gute Schubert-Interpreten! – trugen eine Brille.

RONDO: Und Schubert selbst auch … – Wussten Sie, dass Sie äußerlich ein wenig dem amerikanischen Schauspieler Steve Buscemi ähneln?

Debargue: Dem aus „Pulp Fiction“ und „The Big Lebowski“? Danke für das Kompliment! Den finde ich ausgezeichnet. Ich weiß wohl, ich bin ein tollpatschiges Riesen-Äffchen, wenn ich auf die Bühne komme. Was soll’s?! Solange es nicht erfunden ist …! Authentizität zählt, finde ich.

Neu erschienen:

Franz Schubert, Karol Szymanowski

Klaviersonaten D. 664 & 784, Klaviersonate Nr. 2

Lucas Debargue

Sony

Olivier Messiaen

Quatuor pour la fin du temps

Martin Fröst, Lucas Debargue, Janine Jansen, Thorleif Thedéen

Sony


Zeitumstellung

Der Pariser Lucas Debargue (27) geriet durch den Tschaikowski-Wettbewerb 2015 in den Fokus der Öffentlichkeit. Zwar erhielt er nur den 4. Platz (hinter Dmitri Masleev und anderen) sowie den Preis der Musikkritiker, doch die exzentrische Ausstrahlung sowie die Tatsache, dass Debargue weitgehend ‚auf eigene Faust’ das Klavierspiel begonnen hatte, brachten ihm einen Schallplattenvertrag ein. Seine ersten Alben forcierten und dehnten Chopin und Liszt. In Scarlattis Uhrwerken stellte er die Zeit um. Mit Medtner (auf seiner zweiten CD) fand er in das – romantischere – Fahrwasser, in dem er schön schwimmen kann. Debargue zählt zu den ganz wenigen Pianisten-Neustartern bei großen Labels, da kommt ansonsten derzeit wenig.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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