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Wagner-Opern für Einsteiger

Sie wollen es mit Wagner versuchen? Wir verraten Ihnen, mit welchen Aufnahmen Sie sich eine gute Basis-Diskothek schaffen.

Viele neue Einspielungen von Wagner-Opern wird es zum 200. Geburtstag des Komponisten im nächsten Jahr vermutlich nicht geben. Lediglich in Berlin hat man schon im vergangenen Jahr einen Wagner-Zyklus begonnen, dort werden alle seine Opern – unter Aussparung der drei Frühwerke – konzertant in der Philharmonie aufgeführt und bis Ende 2013 von PentaTone nach und nach auf SACD veröffentlicht. Neben der hervorragenden Klangqualität punktet diese Edition mit dem versierten Wagner-Dirigenten Marek Janowski am Pult des ausgezeichneten RSO Berlin, mit der arg durchwachsenen sängerischen Seite ist allerdings kaum Staat zu machen, keiner der Mitschnitte ist da konkurrenzfähig.
Welche Aufnahmen sollte man sich nun anschaffen, wenn man ins Universum Wagner eintauchen möchte? Historische Aufnahmen werden hier bewusst ausgeklammert, auch wenn sich darunter etliche Schätze befinden, denn zum richtigen Kennenlernen eines Werkes gehört einfach auch ein guter Klang. So werden nur Produktionen aus der StereoÄra empfohlen, wobei es schon auffällig ist, dass in den letzten 30 Jahren mit wenigen Ausnahmen kein ernstzunehmender Nachschub für die Spitzenplätze mehr entstanden ist.

Mit wem ins Wagner-Universum eintauchen?

Wer seinen Wagner vollständig haben möchte, bekommt auch die Frühwerke in ansprechenden Interpretationen. Wolfgang Sawallisch hat zum letzten Wagner- Jubiläum 1983 bei den Münchner Opernfestspielen alle Werke des Meisters auf die Bühne des Nationaltheaters gebracht und auch selbst dirigiert. Das Label Orfeo hat davon sowohl Die Feen (Linda Esther Gray, June Anderson, Kurt Moll) und Das Liebesverbot (Sabine Hass, Pamela Coburn, Hermann Prey) als auch Rienzi (Cheryl Studer, René Kollo, Jan- Hendrik Rootering) als – erfreulicherweise nach wie vor lieferbare – Live-Mitschnitte herausgebracht.
Für die meisten aber fängt der unverzichtbare Wagner erst mit dem Fliegenden Holländer an. Die unzweifelhafte Referenz ist in diesem Fall die Einspielung unter Antal Dorati (Decca) aus dem Jahr 1960. Leonie Rysanek liefert darin eine vor Intensität lodernde Senta voll dramatischem Furor, eine perfekte Ergänzung zu George Londons stimmmächtigem, ausdrucksstarkem, wenn auch nicht immer ganz intonationssauberem Holländer. Eine gute Alternative bietet der Bayreuth-Mitschnitt von 1971 mit Karl Böhm (DG), dem nachdrücklichen Thomas Stewart in der Titelrolle, der leidenschaftlichen Senta von Gwyneth Jones und Karl Ridderbusch als balsamisch strömendem Daland. Auch beim Tannhäuser findet sich eine Bayreuther Aufnahme in der Topgruppe. Wolfgang Sawallisch dirigierte diese Produktion (Philips, 1962), in der Anja Silja mit ihrer geraden, eher kühlen Jungmädchen- Stimme als Elisabeth einen reizvollen Kontrast zur glutvollen Venus von Grace Bumbry bildet. Wolfgang Windgassens Tenor verführte nie durch Schmelz oder Schönheit, seine durchdachte Interpretation und kluge Stimmdisposition sorgten aber stets für eine hochrangige Leistung – so auch als Tannhäuser. Die Alternative hier heißt René Kollo, der ebenfalls durch seine gestalterische Intelligenz überzeugt. Unter Georg Soltis energiegeladener – SawalSawallisch überlegener – Leitung (Decca, 1970) kämpfen mit Helga Dernesch und Christa Ludwig zwei exzellente Sängerinnen um den Ritter.

„Lohengrin“-Referenz: Rudolf Kempe, 1962

Seltene Eintracht herrscht bei Opernfans, wenn es um den besten Lohengrin geht. Völlig zu Recht wird da zuerst die Einspielung unter Rudolf Kempe (EMI, 1962) genannt. Elisabeth Grümmers seelenvoll-inniger Sopran und Christa Ludwigs saftiger Mezzo allein würden diese Wahl schon rechtfertigen, doch steht in Jess Thomas auch noch ein prachtvoller Ritter bereit. Mit Dietrich Fischer-Dieskau und Gottlob Frick sind zudem auch die übrigen Herren erstklassig besetzt. Rafael Kubelik (DG, 1971) verfolgt einen ähnlich schlanken Ansatz wie Kempe, auch er kann mit einer sehr guten, wenn auch nicht ganz gleichwertigen Vokalcrew aufwarten (Gundula Janowitz, Gwyneth Jones, James King, Thomas Stewart, Karl Ridderbusch).
Christa Ludwig und Wolfgang Windgassen sind auch bei einem anderen Klassiker mit von der Partie. 1966 für die DG mitgeschnitten, erfreut sich Tristan und Isolde unter Karl Böhm bis heute ungebrochener Begeisterung, was neben Ludwig und Windgassen in erster Linie an Birgit Nilssons souverän-müheloser Isolde liegt. Eine ganz andere, keinesfalls weniger überzeugende Lesart der weiblichen Titelrolle liefert Margaret Price in Carlos Kleibers allein schon orchestral überragender Aufnahme (DG, 1980-82). Der Dirigent studierte die Partie minutiös mit Price ein, da sitzt jede Nuance, Tenorpartner René Kollo übernimmt diese fast schon liedhaft-intime Herangehensweise.
Wenig Grund zu Diskussionen über den Spitzenplatz liefern auch Die Meistersinger von Nürnberg. Rafael Kubeliks Münchner Aufnahme von 1967 (Calig) protzt mit einer prominenten Besetzungsliste, die hält, was die Namen versprechen: Gundula Janowitz, Brigitte Fassbaender, Sándor Kónya, Thomas Stewart, Franz Crass. Doch gibt es bei diesem Werk auch einmal eine neuere – gleichwohl mittlerweile bereits 20 Jahre alte – Einspielung, deren Anschaffung sich lohnt. Wolfgang Sawallisch (EMI) versammelte dafür 1993 Cheryl Studer, Ben Heppner, Bernd Weikl und Kurt Moll im Studio.

Die Herrn des „Ringes“: Solti, Böhm und Karajan

Womit wir zum Ring des Nibelungen kommen, von dem es eine Trias von anschaffenswerten Gesamtaufnahmen gibt. Georg Soltis Einspielung (Decca) entstand Anfang bis Mitte der 60er-Jahre, Karl Böhm (Philips) und Herbert von Karajan (DG) folgten in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Bei Solti bekommt man eine klanglich überragende Produktion, deren aufnahmetechnisch hochgepeitschte Drastik aber oft zu viel des Guten ist. Bei Böhm handelt es sich um einen Mitschnitt seines Bayreuther Zyklus mit einem durchweg überzeugenden dramatischen Fluss. Und Karajan steuert eine fein gezeichnete, ungeheuer delikate und bestens durchhörbare Gourmet-Version bei. Die Entscheidung ist letztendlich Geschmackssache. Zumal sich Solti und Böhm mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen als Brünnhilde und Siegfried zwei der Protagonisten teilen. (Karajan verfügt dafür mit Thomas Stewart über den besten Wotan.) Bei einem Riesenwerk wie dem „Ring“ gibt es verständlicherweise immer auch weniger glückliche Besetzungen, doch ist das Gesamtniveau jeder der drei Zyklen enorm hoch.
Bleibt nur noch der Parsifal, eine ganz besondere Spezialität von Hans Knappertsbusch. Auf dem von ihm geleiteten Mitschnitt (Philips, 1962) mit Irene Dalis und Jess Thomas ist das Werk von einem großen Atem, einer opulenten Weite durchzogen, die den Hörer schon im Vorspiel gefangen nimmt. George Londons beklemmend intensiver, innerlich verbrennender Amfortas adelt diese Aufführungen zusätzlich. Auch beim „Parsifal“ ist Georg Solti (Decca, 1971) mit Christa Ludwig und René Kollo in den Hauptrollen wieder unter den Spitzenreitern. Initiierungswillige sollten sich deshalb überlegen, ob sie nicht mit der günstigen Solti- Wagner-Box von Decca in die Zauberwelt des Meisters einsteigen.

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 6 / 2012



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