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Prügelfuge als Pogrom: Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“

Bayreuther Festspiele

Ein Sinfonieorchester. Das lässt Regisseur Barrie Kosky am Ende seiner Bayreuther Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ als Sinnbild für die deutsche Kunst hereinfahren, die ein einsamer Richard Wagner/Hans Sachs als sein Lebensideal verteidigt. Kosky findet einen versöhnlich-nachdenklichen, aber einen auch einfach gestrickten Schluss für eine hochkomplexe Sache. Er möchte die Geschichte dieses Werks nicht unterschlagen, aber er will sich davon nicht erdrücken lassen. Bayreuths Geister sollen gebannt sein, aber ein wenig soll der jüdische Dibbuk in sie fahren.
So geht er dreiteilig vor. Er verändert den Schauplatz, die Identität der Figuren und die Bedeutung. Zunächst einmal aber bebildert er schon die Ouvertüre, die Philippe Jordan zurückhaltend spielen lässt. Wir sind – mal wieder – im Hause Wahnfried, eben kommt der Meister selbst vom Spaziergang. Cosima hat Migräne, ihr Vater Franz Liszt ist da. Und auch Kapellmeister Hermann Levi: der gehasste wie gebrauchte „Hausjude“, der an Wagneritis erkrankt ist, der später den „Parsifal“ uraufführen wird. Das biografische Spiel mutiert zum Surrealen. Aus dem Klavier steigen lauter Wagners und mittelalterlich verhüllte Meistersinger.
Cosima, die angestrengte Anne Schwanewilms, ist jetzt Eva, der famose Johannes Martin Kränzle übernimmt vom Levi den Beckmesser. Der junge Wagner entpuppt sich als tenortrompetender Klaus Florian Vogt, der noch jüngere als sein Lehrbub David (Daniel Behle). Und der dritte ist der souveräne Michael Volle als Hans Sachs. So fügen sich der komische Günther Groissböck (Liszt und Pogner) und Wiebke Lehmkuhl (Zofe und Magdalene) in die Familienaufstellung aus dem Geist der Renaissance.
Am Ende des Aktes kommt zwar der Saal der Nürnberger Prozesse als mahnende Kulisse dazu, darin passiert dann aber zu wenig. Die Prügelfuge als Pogrom mit Beckmesser als Judenkarikatur – nichts Neues, deshalb nicht richtiger. Am Ende bleibt es im Ansatz stecken. Es wurde aber fein musiziert und so gut gesungen wie schon lange nicht mehr am Hügel.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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