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Patricia Kopatchinskaja (c) Marco Borggreve

Kissinger Sommer

Klassische Revolte

Der „Kissinger Sommer“ startet mit neuem Intendanten durch – und ruft mit neuem Namen gleich zur „Revolution“ auf.

Klassik-Zeit: Bade-Zeit. Die größten Virtuosen – von Franz Liszt bis Cecilia Bartoli – waren traditionell gern in Kur- und Badeorten zu Gast. Noch heute merkt man das, wenn man Bad Kissingen, Bad Ischl oder Baden-Baden besucht. Dass Klassik einen Wellness-Charakter keineswegs verhehlen muss, war im 19. Jahrhundert kein Problem. Erst mit Wagner zog ein heiliger Ernst in die Sache ein. Die Formate wurden lang und länger. Musik artete in Arbeit aus.
Anders in Bad Kissingen. Hier wird seit gut 30 Jahren eine so harmonische Beziehung von Kurpark und Musik-Vollbad, zwischen Lauschen und Plauschen, Kaffeesieren und Musizieren gepflegt, wie man es sich in großen Metropolen der Kulturvermittlung – wie Berlin, Paris oder Salzburg – kaum vorstellen kann. Mit Sauna-Volldampf in die Entschleunigung!
Nebenbei könnte man die Frage nach der Gründungsfigur des Bad Kissinger Aufschwungs aufwerfen. Also: Was macht eigentlich Kari Kahl-Wolfsjäger? Die flamboyante Festival-Chefin, eine resolute Mutter Courage der Klassik, leitete den „Kissinger Sommer“ die bisherigen 30 Jahre hindurch. Mit Darlings der Szene wie Cecilia Bartoli, Lang Lang, aber auch schon mit Svjatoslav Richter sorgte sie für Glamour in Unterfranken. Letztes Jahr lief ihr Vertrag aus. Doch die hyperaktive, meist mit Hut erscheinende Organisatorin – Deutschlands erfolgreichste Lobbyistin und Branchen- Fürstin – hat ihre Kontakte nicht vergessen. Sie zog ein Haus weiter. Und plant ein Mai-Festival in München.

Revolution mit Näschen

Ihr Nachfolger in Kissingen, Tilman Schlömp, war wiederum klug genug, die Gründungsintendantin nicht ganz ziehen zu lassen (sie betreut weiterhin die LiederWerkstatt). Der weiche Übergang, den man ab diesem Jahr übt, zeigt sich an kleinen Neuerungen und Festival- Debüts. Die barfüßige Patricia Kopatchinskaja etwa schüttelt als „Artist In Residence 2017“ erstmals ihr Haar beim Sibelius-Konzert (unter Sakari Oramo, 24.6.), außerdem für Kammermusik von Schumann, Bartók und Ravel (25.6., Rossini-Saal) sowie in bunterer Besetzung; wozu auch ihr Vater, der berühmte Cymbalom-Spieler Viktor Kopatchinski gehört (9.7., 16 Uhr)
„Wir symbolisieren das Gegenteil von Kurorchester, hoffe ich!“, sagt Tilman Schlömp mit Recht. Da Kissingen über einen der schönsten Holz-Konzertsäle überhaupt verfügt (den Regentenbau), der allerdings bei großen Besetzungen leicht überakustisch tönt, hat Schlömp den sehr klugen Einfall in die Tat umgesetzt, die Kammerphilharmonie Bremen als Festivalorchester zu casten. Gleich bis 2021 wollen die Bremer in Kissingen Akzente setzen. Das berühmte, auf internationalen Festivals noch unvernutzte Ensemble ist so gut, dass sein Chefdirigent, Paavo Järvi, einmal freimütig bekannte, der Unterschied zwischen der Kammerphilharmonie und größeren Sinfonieorchestern bestehe für ihn darin, dass er, Järvi, die Kammerphilharmonie nicht wirklich zu dirigieren brauche … Die wissen von selber, wie der Hase läuft. (So beim Eröffnungskonzert am 16.6. mit Hilary Hahn, 18.6. mit Arcadi Volodos und 9.7. bei Mendelssohns „Sommernachtstraum“).
„Allerhöchste Qualität zu bieten, dazu sind wir verdammt“, sagt der neue Intendant, der früher beim Konzerthaus Dortmund und beim Beethoven-Fest in Bonn arbeitete. Wie jeder gute Kulturmanager bringt er Ideen nicht einfach aus diesen früheren Jobs mit. Sondern muss in der Lage sein, unter neuen Rahmenbedingungen unvermutete Perspektiven zu öffnen. Seine aktuellen Künstler, so etwa Franz Welser-Möst (BR-Orchester, 1.7.), die Bamberger Symphoniker (unter Manfred Honeck, 4.7.) und das DSO unter Kent Nagano (16.7.) sind Paradebeispiele dafür, dass man auch ohne brachiales Aufdrehen, ohne pauschales Lautspielen musikalisch prunken kann.
„Mit dem Festival-Motto ‚Revolution’ wollen wir an Bestehendes anknüpfen, aber auch Aufbruch signalisieren“, so Schlömp. Mit einem raren Gastspiel von Mirga Gražinytė-Tyla und ihrem City of Birmingham Symphony Orchestra (7.7.) zeigt man, dass man das Gras wachsen hört: Einen angesagteren Namen als den der Nachfolgerin von Andris Nelsons in England gibt es derzeit überhaupt nicht. „Kissingen soll der place to be sein“, so Schlömp. Das muss er natürlich sagen. Und das soll er dann auch ruhig beweisen.

Das Geld den Künstlern

Interessant ist, wie sich ein solches Festival finanziert. „Wir geben Künstlerhonorare von knapp 1,4 Millionen Euro aus“, so Schlömp. Von einem Gesamtetat in Höhe von 2,4 Millionen werden 700.000 Euro von der Stadt gedeckt. Daraus folgt: Beim Festival kommen die Eintrittsgelder wirklich bei den Künstlern an (wo sie hingehören). Und diese Künstler bestehen nicht nur aus landläufig bekannten Stars, sondern ebenso aus zahllosen jungen No Names. „Das Brückenbauen zwischen den Generationen gehört traditionell zur Zielsetzung des Festivals.“ Man darf übrigens aus alldem auch folgern: In der Klassik-Branche kann man, wenn man Glück hat, immer noch gutes Geld verdienen.
Genau deswegen kriegt man, wen man braucht. Mit einem Schumann-Liederabend von Christian Gerhaher (22.6.), bei Bach-Kantaten mit Andreas Scholl (29.6.) und in einer Liederwerkstatt mit Axel Bauni (1./2.7.) beweist man, dass man den Führungsanspruch in Sachen Lied keineswegs aufgibt. Die Einladung ans Cuarteto Casals (20.6.) gilt, rundheraus: der interessantesten Streichquartett-Formation der Gegenwart. Und für Künstler, die in den letzten Jahren rätselhafterweise in den Hintergrund getreten sind, beweist man gleichfalls Gespür; so für Thomas Zehetmair (Paganini-Capricen, 1.7.) und Measha Brueggergosman (Weill-Chansons, 16.7., 16 Uhr).
Ohne Education und ohne Querformate geht heute selbst in Kurorten gar nichts mehr. In diese Sparte fallen „Nigel Kennedy spielt Jimi Hendrix“ (23.6., Luitpoltpark), das Konzert „Rockmusik auf dem Cello“ (mit Anthony Romaniuk, 8.7., 11 Uhr, Salon Fontane) und ein Chanson- Abend mit der frisch renovierten Ute Lemper (8.7.). Von jungen Super-Talenten könnte Dmitry Masleev der interessanteste sein (15.7., 16 Uhr). Und Klassiker wie Grigori Sokolov kommen natürlich auch wieder (14.7.). Mit Cecilia Bartoli wird schon für die nächsten Jahre verhandelt.
So kann der „Revolution“-Jahrgang unter neuer Leitung getrost kommen. Übrigens: Der Herr Schlömp dient dem Festival gleichfalls freiberuflich. Er kriegt ebenso ein Festhonorar wie die Künstler. Dafür kann er den Rest der Zeit und ohne schlechtes Gewissen – baden gehen.


Konzert in Keramik

Kissingen ist nicht allein. Die Festivals von Bad Hersfeld und Bad Ragaz sind zwar in diesem Jahr schon vorüber. Der „Internationale Musiksommer Bad Schallerbach“ (Oberösterreich) dafür dauert noch bis Dezember. Die „Schostakowitsch-Tage“ im sächsischen Kurort Gohrisch (bei Pirna) stehen just bevor (22. – 25.6.). Das „Belcanto Opera Festival“ in Bad Wildbad (13. – 23.7.) lehrt im Kurtheater: „L’occasione fa il ladro“ („Gelegenheit macht Diebe“). Folgt noch „Schubert in Bad Gastein“ (14. – 17.9.). Diagnose: Von Bad Kissingen bis Bad Ischl („Lehár-Festival“, 15.7. – 3.9.), von Baden-Baden bis Bath könnte man sich festivalmäßig das ganze Jahr hindurch vom einen Bad in das andere fortbewegen.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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