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(c) Lars Borges

Benjamin Appl

„Ich bin kein Verkäufer-Typ“

Der deutsche Bariton Benjamin Appl war der letzte Schüler von Dietrich Fischer-Dieskau. Er wird uns wiederbegegnen!

Der „letzte Schüler von Dietrich Fischer- Dieskau“? Wer kann das so genau wissen?! „Seine Frau sagt es“, so Benjamin Appl lakonisch. Gemeint ist Julia Varady, Sopranistin und dritte Ehefrau des legendären Lied-Baritons. Sie dürfte die Tür aufgemacht haben, wenn der junge Mann aus Regensburg zu Privatstunden regelmäßig in Berg am Starnberger See erschien. Drei Wochen vor Fischer-Dieskaus Tod, im Frühjahr 2012, war er zum letzten Mal dort. „Fischer- Dieskau wirkte ein wenig müde“, so Appl. Jahrelang war er bei öffentlichen Meisterkursen als ‚regelmäßiger Überraschungsgast’ von Fischer- Dieskau eingeladen. Der Tod kam für den Schüler überraschend. Denn: „Spitzbübisch war Fischer-Dieskau bis zum Schluss.“
Appls schlanker, heller, in der Tiefe schieferfarbener Bariton ähnelt mitnichten demjenigen von Fischer-Dieskau. Auch dann nicht, wenn Appl den Lehrmeister gelegentlich imitiert (wie in Peter Warlocks „The Bachelor“). Etwas farbarm, etwas staksig noch, aber jugendlich drängend, handelt es sich bei Appl um ein durchaus typisches Beispiel heutiger Stimmkultur. Die Individualität der Programme und Vorlieben mag groß sein. Aber die Stimme? Große Sänger früherer Zeiten klangen fast grundsätzlich unverwechselbarer, persönlichkeitsstärker und intensiver. Das ist paradox, wenn man bedenkt, dass keine Zeit sich jemals so viel auf ihre Individualität und persönliche Entfaltungskraft zugutehielt wie die unsere.

Deutsche Liedkunst für London

Geboren am 26. Juni 1982, blickt Appl längst auf eine ausgeprägte Laufbahn zurück. Als Knabe kam er zu den Regensburger Domspatzen. Nach dem Stimmbruch nahm er zwei Jahre „guten Gesangsunterricht“, wie er sagt. Und hat öffentlich in Oratorien mitgewirkt. Sich beruflich festzulegen, konnte er sich nicht vorstellen. Also begann er eine Ausbildung zum Bankkaufmann und ein Studium der Betriebswirtschaftslehre. Und bewarb sich trotzdem – mit der Einstellung: „Die nehmen mich ja doch nicht!“ – an der Hochschule für Musik und Theater in München. Kaum aufgenommen, folgte er seiner dortigen Lehrerin Edith Wiens an die Juilliard School nach New York. Endlich hatte er Blut geleckt.
Schließlich landete er in London, wohin ihn Rudolf Piernay lockte, der Lehrer von Bryn Terfel. An der Guildhall School of Music besaß er gewiss nicht die größte Stimme von allen. Die Lieder-Karriere, die er sich rasch danach aufbaute, hat ihn zu einem regelmäßigen Stammkünstler in der Wigmore Hall gemacht. Sieben Konzerte hat er dort allein im letzten Jahr singen dürfen. In Textausdeutung und Farbauftrag orientiert er sich eher an der deutschen, nicht an der (vom Chorgesang kommenden) dezenten Liedkunst der britischen Inseln.
Fischer-Dieskau, so kommt er noch einmal auf seinen größten Lehrer zurück, „wollte auf jedem Ton ein Vibrato hören“, so Appl. Wenn die Stimme gleichmäßig schwingt und nicht stockt, berichtet er, intensiviere das die Legato-Linie. „An Fischer-Dieskau hat mich wahnsinnig beeindruckt, wie ernst man eine Sache nehmen kann“, so Appl. „Und wie weit man in eine Sache eindringen kann und muss, bevor man sie gut darstellen kann.“

Im Repertoiresprung in die „Heimat

Das CD-Debüt beim neuen Label ist nicht Appls erste CD. Sowohl mit Graham Johnson wie mit Malcom Martineau – zwei der besten Lied-Begleiter der Gegenwart –, als auch auch mit Lieblingspianist James Baillieu liegen bereits Aufnahmen vor. Auf das Album „Heimat“ (ein ebenso großer wie prätentiöser Titel) hat Fischer-Dieskaus Anspruch offenbar schlagend eingewirkt. Zu sehr? Was Appl geritten hat, thematisch so hoch zu greifen, kann er im Gespräch nicht wirklich begründen. „In England, wo ich lebe, hat man einen ganz eigenen Heimat-Begriff“, weicht er aus. Doch das erklärt das Thema nicht, das zu groß (und zu unklar) gewählt ist, um es gewinnbringend oder gar erschöpfend zu betrachten.
Konzeptalben dieser hochgestochenen Art sind seit etlichen Jahren in Mode. Künstler wie Christiane Karg („Verwandlung“) haben damit umso mehr Erfolg gehabt, je abenteuerlicher der von ihnen gespannte Repertoirebogen war. Ähnlich bei Appl. Zwischen Schubert und Hugo Wolf, Franz Schreker und Richard Strauss, Britten und John Ireland, Henry Bishop und Max Reger wechselt Appl verwegen hin und her. Ob man dabei Aufschluss über das Heimatgefühl des Interpreten erhält, ist umso unklarer, als Titel wie Brahms’ „Wiegenlied“ oder Griegs „Ein Traum“ überhaupt keinen Heimatbezug aufweisen. Extremstes, erratisches Beispiel: Der kleine Tango „Ich weiß bestimmt, ich werd’ dich wiedersehn!“ gehört zu den letzten Werken, die Adolf Strauss in Theresienstadt komponierte, bevor er 1944 in Auschwitz ermordet wurde.
Gelegentlich neigt Appl zu einem (Fülle suggerierenden) Eindunkeln der Stimme. Grundsätzlich erinnert der 34-Jährige an den jungen, noch nicht ganz fertigen Christian Gerhaher. Auch der hat sich noch stark entwickelt. Keine Frage, dass mit Appl eines der hoffnungsfrohsten Lied-Talente der letzten Jahre vor uns steht. Vielleicht sollte er mehr Oper singen? „Ich bin kein Verkäufer-Typ“, sagt er. Könnte ihm vielleicht trotzdem nicht schaden. Dranbleiben!

Neu erschienen

Franz Schubert, Max Reger, Hugo Wolf, Johanns Brahms, Franz Schreker u.a.

Heimat (Lieder)

Benjamin Appl, James Baillieu

Sony


Lead-Sänger

Kein Lied-Sänger der Bariton-Generationen nach Dietrich Fischer-Dieskau (1925 – 2012) blieb von ihm unbeeinflusst. Entweder sie haben direkt bei ihm studiert – wie etwa Thomas Hampson, Matthias Goerne und Christian Gerhaher. Oder sie wurden von ihm kontaktiert (wie im Fall von Thomas Quasthoff). Manche haben ihn imitiert, ohne bei ihm lange in die Lehre gegangen zu sein (Roman Trekel). Indes wusste niemand genauer als Fischer-Dieskau selber, dass seine Nachfolger auch das übernahmen, was er „meine Fehler“ nannte. Nach Jahren grassierender Fischer-Dieskau-Skepsis ist heute die Zeit reif für eine Neubewertung. Wenn schon Fischer-Dieskau, dann bitte: das Original!


Kai Luehrs-Kaiser, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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