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Oper Graz

Starke Frauen

Neben den großen Klassikern bietet man in der Steiermark in der aktuellen Spielzeit auch ein paar lohnenswerte Entdeckungen an.

Nicht nur, aber vor allem zur Adventszeit hat Puccinis „La bohème“ wieder einmal Hochkonjunktur an den Theatern, denen das Gütesiegel Puccini volle Kassen garantiert. Seine ohrwurmträchtigen Melodien und das Gespür für die wahrhaftige Darstellung menschlicher Schicksale haben dem Italiener einen festen Platz auf den Spielplänen gesichert. Bei näherer Betrachtung kennen wir Puccini aber womöglich noch gar nicht so gut, wie wir auf den ersten Blick vielleicht glauben. Gibt es doch auch abseits seiner großen Dauerbrenner einige Werke, die bis heute ein ungerechtfertigtes Nischendasein führen. So etwa die 1917 im mondänen Monte Carlo aus der Taufe gehobene lyrische Komödie „La rondine“, die man ab 18. Januar 2017 nun an der Grazer Oper neu entdecken kann. Hörenswerte Raritäten wie diese – oder Zemlinskys „Zwerg“, der in der aktuellen Spielzeit noch folgen wird – haben am zweitgrößten Opernhaus Österreichs ebenso Tradition wie unterschiedlichste Regiehandschriften. Man denke etwa an die Arbeiten Peter Konwitschnys, der hier unter anderem mit „Aida“ und „La Traviata“ zwei seiner berühmtesten Interpretationen realisierte, die von Graz aus durch Europa wanderten.

Villazón inszeniert Puccinis „Schwalbe“

Für Puccinis vernachlässigtes Meisterwerk nimmt im Regiestuhl nun Startenor Rolando Villazón Platz, der seine bereits in Berlin erfolgreich gezeigte Produktion neu einstudiert und mit sehr klaren Vorstellungen an die Arbeit geht: „Die Musik ist transparent, aber trotzdem leicht kitschig und sehr naiv in ihren – sehr schönen – Melodien.“ Doch sollte man sich davon keineswegs in die Irre führen lassen: „Wir versuchen das Ganze nicht als Hochzeitstorte zu servieren. Es geht um den Kampf zwischen romantischer und freier Liebe. Eigentlich ziemlich feministisch. Deswegen war mir wichtig, die Hauptfigur als Frau zu zeichnen, die gerade darin stark ist, dass sie ‚Nein‘ sagt“, so Villazón.
Verkörpert wird diese starke Frau von Sophia Brommer, die nach Anfängen in Augsburg 2015 GMD Dirk Kaftan nach Graz folgte und mit Partien wie Micaela, Violetta, sowie einem sensationellen Erfolg in Gounods „Romeo et Juliette“ zu Spielzeitbeginn auch an ihrem neuen Haus schnell zu einem umschwärmten Publikumsliebling wurde. Interessant werden dürfte die Produktion aber ebenfalls durch den aufstrebenden Münchner Gärtnerplatz-GMD Marco Comin, der nach seinem gelungenen Einstand mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ nun bereits zum zweiten Mal in den Grazer Orchestergraben steigt.
Zuvor aber gehört die letzte Premiere des alten Kalenderjahres zunächst noch einem anderen vorweihnachtlichen Klassiker, wenn Ballettchef Jörg Weinöhl am 3. Dezember seine Lesart von Tschaikowskis „Nussknacker“ präsentiert. Ein Stück, das schon für Generationen von kleinen und großen Kindern die erste Berührung mit dem klassischen Tanz markierte. Diese kindliche Perspektive steht auch für Weinöhl im Zentrum, der seit Herbst mit seinen Tänzerinnen und Tänzern an der Neudeutung dieses wortwörtlich „zauberhaften“ Märchens arbeitet. Neben den großen Nummern aus Tschaikowskis Originalpartitur greift er für seinen „Nussknacker und Mäusetraum“ dabei noch auf andere Werke des Komponisten zurück, die sich zu einem klangvollen Mosaik zusammensetzen werden. Ein Arbeitsprozess, der besonders vom gegenseitigen Geben und Nehmen aller Beteiligten bestimmt ist. Das bestätigt auch die baskische Tänzerin Clara Pascual Martí, die bei dieser Premiere in die Rolle ihrer Namensvetterin Clara schlüpft. „Er kombiniert Details mit Emotionen, und so entsteht eine wunderbare Mischung aus Qualität und Gefühl. Er zeigt uns, dass es nicht immer um die großen Dinge geht, sondern um viele einzelne Elemente.“ Auf diese Art entwickelt sich die Geschichte ganz natürlich. „Es ist ein Märchen, aber nicht nur für Kinder. Ich möchte versuchen, es möglichst natürlich zu vermitteln, denn ich glaube, dass man auch an Kinder am besten auf natürlichem Wege herantritt. Es braucht nicht immer eine ‚kindgerechte‘ Verpackung. Kinder verstehen so viel, dass dies gar nicht immer nötig ist.“

Tschaikowski: „Nussknacker und Mäusetraum“
Premiere: 3.12.,
weitere Vorstellungen:
4./7./11./14./18./23./26.12.,
14./19.1.

Puccini: „La rondine“
Premiere: 12.1.,
weitere Vorstellungen:
15./18./25.1.,
2./5./10.2., 5./11./18./24.3.

www.oper-graz.com


Der Tausendsassa auf dem Regiestuhl

Rolando Villazón zählt zweifellos zu den populärsten Sängern unserer Tage und wird von Opernfans für seinen Humor und vor allem für die bedingungslose Hingabe an die von ihm verkörperten Bühnenfiguren geschätzt. Sein dramatisches Gespür stellte er aber ebenso unter Beweis, als er 2011 mit Massenets „Werther“ sein viel beachtetes Regie-Debüt in Lyon gab. Auf diesen Erfolg bei Presse und Publikum folgten unter anderem „L’elisir d’amore“ und eine mit viel Schauwerten ausgestattete „La Traviata“ für das Festspielhaus Baden-Baden, sowie eine witzig überdrehte Version von Donizettis „Viva la Mamma“, mit der er an der Wiener Volksoper den Theaterbetrieb liebevoll aufs Korn nahm.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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