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(c) Wiener Staatsoper

Wiener Staatsoper

Elysium der Opernfans

Die Wiener Staatsoper kann es sich leisten, als konservativ bezeichnet zu werden – sie ist der Mittelpunkt aller Opern-Welten.

Wer den Rang eines Opernhauses ermessen will, muss auf die Umbesetzungs- Listen achten! Da kann es im Fall der Wiener Staatsoper vorkommen, dass die international renommierte Sopranistin Nino Machaidze absagt und stattdessen die noch bessere Sonya Yoncheva singt. Jahrelang war niemand Geringeres als Elīna Garanča eine häufige, weil fest engagierte Einspringerin. Gut erinnere ich mich an Zeiten, wo etwa die beiden Hauptrollen im „Figaro“ ausfielen, und plötzlich standen Gundula Janowitz und Hermann Prey auf der Bühne. Daran erkennt man, was ein Haus kann.
Die Wiener Staatsoper ist ein Gebäude, dessen Loblied nicht hoch genug gesungen werden kann. Als einziges Opernhaus neben der Metropolitan Opera New York kann sie es sich erlauben, auf alle aufgesetzte Progressivität zu pfeifen. Und sich als Mittelpunkt ihrer selbst zu feiern. Kein Opernhaus möchte als konservativ gelten, aber die Wiener Staatsoper könnte sich selbst das leisten. Big Names der internationalen Opernregie (wie Stefan Herheim oder Dmitri Tscherniakov) gelangen hierher grundsätzlich mit jahrzehntelanger Verspätung. (Und kommen dann immer noch früh genug.) Wenn ein Weltstar wie René Pape im Haus am Ring erstmals den Boris Godunov singt – eine Rolle, die seit 2007 zu seinen Prachtpartien zählt –, dann heißt es in Wien: „René Pape singt erstmals die Titelpartie in ‚Boris Godunow’“. Solch ein Selbstbewusstsein ist beneidenswert.

Superlative einer Saison

Die Superlative könnte man noch mit etlichen Zahlen unterfüttern: Größtes Repertoirehaus der Welt mit 1000 Mitarbeitern und 300 Sängern pro Saison; allabendliche Traumauslastung von deutlich über 99%; ein 148 Personen zählendes Orchester, aus dem sich nebenbei die Wiener Philharmoniker rekrutieren. Hinzu kommen Ballett und Chor à 100 Köpfe. In puncto elektronischer Medien, Streaming und digitaler Zugangsweisen nimmt das Haus seit Jahren eine Vorreiterrolle ein. In manchen Städten, wo man die Übertragungen aus Wien im Kino verfolgen kann, sind die Leute von ihrem eigenen Stadttheater abgefallen – zugunsten von Oper im Film. Auch im Internet sind zahllose Aufführungen zu verfolgen.
Denn am Ring in Wien werden sage und schreibe 50 Operntitel pro Saison über die Bühne gehievt. Das erklärt, warum sich das Publikum zwar zu 30% aus Touristen zusammensetzt, der stolze Rest aber aus Wiener Zuschauern besteht. In der Tat: Die Wiener selbst kommen wieder und immer wieder. Kein Wunder, gelten die Geschehnisse vor und hinter der Bühne doch immer noch für seismografisch in Bezug auf den Zustand des österreichischen Staates. Opernkrisen bedeuteten hier schon immer Regierungskrisen. Der Intendant wird auch beim Wurstkauf rundheraus mit „Herr Direktor“ angeredet.
Intendant Dominique Meyer war es, der seit 2010 (als Nachfolger von Ioan Holender) den Fokus etwas von den Premieren weg verschob – und das Repertoire stärker in den Mittelpunkt rückte. „Mehr als sechs Premieren pro Spielzeit können wir uns nicht leisten“, so Meyer. „Aber mehr gute Vorstellungen: immer!“ Sein Vorsatz war, „in jeder Spielzeit zwei Opern herauszubringen, die man hier noch nie gespielt hat“. Dass darunter bislang so bekannte Werke waren wie „Anna Bolena“, „Alcina“, „Die Sache Makropoulos“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, zeigt, wo der Nachholbedarf lag. Erstaunlich!
Dass die Wiener Staatsoper das Herz der Opernwelt ist, behaupten vor allem die Sänger selber. „Ich möchte mehr in Wien singen“, sagt etwa Renée Fleming (von der man annehmen würde, sie sei an der MET gut ausgelastet). Thomas Quasthoff, der hier eine von insgesamt nur zwei szenischen Produktionen seines Lebens sang (Amfortas im „Parsifal“), erzählt stolz, bei seinem Bühnenrückzug sei es die Wiener Staatsoper gewesen, die sogleich angerufen habe. Theo Adam verkündete bei seinem 50-jährigen Hausjubiläum im Jahr 2004 von der Bühne herab, das Publikum hier sei vorzüglich, aber eben zugleich auch „treu“.

Glamouröse Besetzungen in Folge

Ehrensache ist, dass bei der Neuproduktion von Verdis „Falstaff“ (Dirigent: Zubin Mehta, Regie: David McVicar, ab 4.12.) ein epochaler Sänger auf der Bühne steht: Ambrogio Maestri, einer der besten Sänger der Gegenwart. Beim neuen „Trovatore“ sieht es – mit Anna Netrebko und Roberto Alagna (ab 5.2.) – nicht anders aus. Im Repertoire trifft man derweil Eva-Maria Westbroek und José Cura in „La fanciulla del West“ (ab 27.11.). Bryn Terfel singt in „Elisir d’amore“ (ab 5.12.), Juan Diego Flórez in der „Sonnambula“ (ab 7.1.) und Klaus Florian Vogt in „Tote Stadt“ (ab 9.1.). Es ist geradezu eintönig, wie glamourös die Vorstellungen besetzt sind.
Im Jahr 2014 kam dem Haus ein Chefdirigent namens Franz Welser-Möst abhanden. Das ist nicht sehr verwunderlich. Starke Intendanten und starke Dirigenten gehen selten gut zusammen. Man mag das Pariser Palais Garnier oder das Brüsseler „La Monnaie“ für noch schönere Theaterbauten halten. Die Wiener Staatsoper aber bleibt die superiore Insel der Opern-Seligen schlechthin. Verklärt in ihrer erhabenen Einmaligkeit. Und wie aus der Zeit gefallen. Sie ist das konkurrenzlose Sanctissimum des internationalen Opern-Fetischismus. Jede Reise wert.

www.wiener-staatsoper.at


Defilee der Direktoren

Früher galt die Wiener Staatsoper als Direktoren- Falle, an der selbst die Größten scheiterten. Allein Herbert von Karajan kündigte zwei Mal, erst 1962 und endgültig 1964, nachdem er versucht hatte, das Haus in einen internationalen Stagione-Betrieb umzubauen (statt des bis heute geltenden Repertoire- Systems). Seinem Vorgänger Karl Böhm hatte man vorgeworfen, dem Haus nicht genug Zeit zu widmen. Lorin Maazel ergriff 1984 frustriert die Flucht. Ruhe kehrte erst ein, nachdem sein Nachfolger Eberhard Waechter tot im Wienerwald umgekippt war und die Geschäfte an seinen ursprünglichen Stellvertreter, Ioan Holender, übergeben wurden. Dieser blieb über 18 Jahre. Und hinterließ das Haus blitzsauber dem seither regierenden Dominique Meyer


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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