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(c) Harald Hoffmann/DG

Seong-Jin Cho

Eine Frage des Timings

Im vergangenen Jahr gewann der koreanische Pianist den Warschauer Chopin-Wettbewerb. Nun ist seine erste Studio-Aufnahme erschienen.

Musikalische Reife ist eine Größe, die nur bedingt an das Lebensalter gekoppelt ist. Lebenserfahrung hilft zwar ohne Zweifel bei der mentalen und emotionalen Durchdringung komplexer Inhalte, aber mancher spielt eben doch mit taufrischen 23 Jahren schon so, als würde ein Mittfünfziger auf ein prallvolles Leben mit Höhen und Tiefen zurückblicken. Zumindest, was seine Chopin-Interpretationen angeht, kann man dem 1994 in Korea geborenen Seong-Jin Cho für sein erstes Studio-Album ohne Übertreibung musikalische Weitsicht und Souveränität attestieren. Chopins e-Moll-Konzert spielt er in der Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von Gianandrea Noseda erstaunlich trittsicher. Cho spielt dabei keineswegs defensiv, sondern leistet sich durchaus eigenwillige, beinahe wagemutige Rubati, nichts aber wirkt dabei manieriert oder kalkuliert. Sein Ton bleibt stets kontrolliert und kultiviert, franst nicht aus oder versteckt sich hinter einem gnädigen Pedal-Schleier. Im Gegenteil, der Gesamtklang bleibt transparent, seine helle Brillanz steht nicht unter Druck und gerät ihm selbst in den hochvirtuosen Passagen nicht forciert. Chos Chopin steht sehr wohl unter energetischer Hochspannung, klingt aber unangestrengt, kein harter Ton sticht heraus. Auch bei den vier Balladen erstaunen die Ruhe der Gestaltung, die Fähigkeit zum singenden Legato-Forstspinnen der Ober- und Mittelstimmen und vor allem das traumwandlerische Timing. Wie leicht können übertriebene, zu dick parfümierte Rubati bei Chopin doch in Schaustellerei kippen?

Chopins pochendes Herz

Seong-Jin Cho wirkt auch am Telefon aus dem fernen Südkorea unaufgeregt und entspannt. Dabei ist der Gewinner des vorjährigen Internationalen Chopin- Wettbewerbs in Warschau in seiner Heimat bereits ein Popstar. Im wahrsten Sinne: Das aus seinem furiosen Auftritt in Warschau hervorgegangene Live-Album der Deutschen Grammophon schoss dort stante pede an die Spitze der Pop-Charts und erreichte innerhalb einer Woche Verkaufszahlen von Dreifach-Platin. Inzwischen ist das Album in Korea bei Neunmal-Platin und auch im Heimatland Chopins, in Polen, hat es Goldstatus erreicht.
Das ist aber nur der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. Bereits in den Jahren zuvor hatten jeweils ein dritter Preis beim Tschaikowski-Wettbewerb 2011 in Moskau und bei der Rubinstein International Piano Master Competition Seong-Jin Cho den Weg zu seinem Warschauer Triumph geebnet. Seit 2012 lebt Cho nun in Paris und studiert dort bei Michel Béroff.
Der Beginn seiner Laufbahn war unspektakulär, ohne den Druck des Wunderkind-Verdachts: „Am Anfang wollten meine Eltern, dass ich Klavier lerne. Aber nur als Hobby, ohne große Pläne. Ich liebte es aber sofort sehr und wollte gleich ein richtiger Pianist werden. Im Alter von 10 bekam ich dann professionellen Unterricht. Meine Eltern sind keine Musiker, aber sie interessieren sich immer schon für klassische Musik, und wir hatten zuhause eine Menge Aufnahmen, die ich hören konnte.“
Seit er den Chopin-Wettbewerb gewonnen hat, wollen alle nur das eine: „Spiel’ Chopin!, sagen alle. Und ja, Chopin ist natürlich einer meiner bevorzugten Komponisten. Aber ich habe von Anfang an vor allem das klassische deutsche Repertoire gespielt, also Mozart, Beethoven und Brahms. Ich habe auch eine große Vorliebe für die russische Musik, besonders gern Prokofjew! Also, ich kann nicht sagen, dass Chopin für mich der wichtigste Komponist ist. Wenn ich im Februar nach Deutschland komme, möchte ich, dass das Publikum nicht nur Chopin hört und kombiniere ihn daher mit Alban Berg und Franz Schubert.“ Über die Frage, was aber denn bei der Chopin-Interpretation das Wesentliche sei, muss er nicht lange nachdenken: „Sehr wichtig ist das Timing. Und die natürliche Phrasierung. Aber das allerwichtigste ist – wie bei jedem anderen Komponisten auch – natürlich immer das richtige concept!“
Was er mit dem englischen Wort meint, ist mit dem etwas steifbeinigen deutschen „Konzept“ schlecht übersetzt, denn Cho meint eher die emotionale Substanz eines Werks: „Man kann die Tragik Chopins nicht erfassen, wenn man ihn spielt wie Haydn. Der emotionale Background ist entscheidend. Ich lese auch Literatur über Geschichte und Hintergründe der Werke, aber die entscheidenden emotionalen Impulse gehen doch von der Musik selbst aus.“
Dass seine erste Live-Aufnahme in Polen so beliebt ist, spricht dafür, dass Cho genau das, die emotionale Essenz, das pochende Herz Chopins wohl erfasst hat. Auf die Frage nach pianistischen Vorbildern zögert er zunächst ein wenig: „Also, ein Vorbild habe ich eigentlich nicht, aber es gibt Pianisten, die ich mehr als andere schätze. Zum Beispiel Radu Lupu, Krystian Zimerman, Grigori Sokolov und natürlich Martha Argerich. Etwa vier Stunden übt Seong-Jin Cho pro Tag: „So viel wie möglich“, sagt er vieldeutig. Und dabei trennt er technisches Training nicht von musikalischer und interpretatorischer Arbeit. „Man kann das gar nicht trennen, es läuft immer gleichzeitig.“

Neu erschienen:

Frédéric Chopin

Klavierkonzert Nr. 1, Balladen

Seong-Jin Cho, London Symphony Orchestra, Gianandrea Noseda

DG/Universal

Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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