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(c) Johannes Lovund

Nils Petter Molvaer

Kulturtechnik

Mit einem Crossover aus Jazz, Rock, Ambient, Drum’n’Bass und anderen Stilen der populären Musik mischte er die Jazzszene auf. Im direkten Gespräch wirkt der Trompeter hingegen sehr bodenständig.

Ich gehe jeden Tag zur Arbeit“, sagt Nils Petter Molvaer und meint damit den täglichen Gang ins Studio. „Wenn ich angekommen bin, kann es sein, dass ich einfach Luft durch das Instrument blase und spiele. Oder dass ich komponiere, mit Sounds arbeite, nach Grooves und melodischen Mustern suche.“
So geregelt wie in den letzten Jahren war sein Leben nicht immer. Bei einem früheren Interview im Jahr 2000 kündigte der 1960 geborene Musiker noch an, er müsse disziplinierter werden und sich eine vernünftige Arbeitsumgebung schaffen, indem er ein eigenes Studio aufbaut.
Die Infrastruktur hat er inzwischen geschaffen; er hat sogar zwei Studios eingerichtet: eins in Oslo und eins im heimischen Sula, wo seine Familie wohnt. Ein Luxus? „Ja“, sagt er. „Besser: eine Notwendigkeit.“
Eigentlich verfüge er sogar über ein drittes Studio, ergänzt er lachend. Dieses passe ins Reisegepäck, denn Sounds und Kompositionssoftware liegen auch auf dem Laptop. „Ich kann auch in einem Hotelzimmer arbeiten. Aber es ist schöner, einen Ort zu haben, der einzig für meine Musik gemacht ist. Dann geht man rein und befindet sich – auf eine gewisse Art – in seinem Übungsraum.“
Molvaer lebt auf der Insel Sula, auf der er geboren wurde, und er arbeitet in der Kulturmetropole Oslo. Auf den rund acht Stunden dauernden Fahrten zwischen den beiden Orten versuche er immer, ein nettes Hörbuch zu finden – vor allem Romane. „Ich kann fahren, und wenn das gute Sprecher sind, erfasst man das Buch und bewegt sich zur gleichen Zeit vorwärts. Das ist cool. Ich brauche dazwischen noch etwas Kaffee und Schokolade. Und Wasser.“

Mit Drum’n’Bass den Jazz elektrisiert

Das hört sich wesentlich bodenständiger an, als es Nils Petter Molvaers Musik vermuten lässt. Immerhin ist er einer der bedeutendsten Grenzüberschreiter zwischen Jazz, Rock, Drum’n’Bass, Ethno, Folk und anderen Genres der Popmusik. Dies und seine elektronisch verfremdeten Trompetensounds verschaffen ihm eine Ausnahmestellung in der Musikszene.
Vor einunddreißig Jahren, als Nils Petter Molvaer mit der Gruppe „Masqualero“ seine erste Platte für das Label ECM einspielte, war davon noch nichts zu ahnen. Noch spielte er mit dem Kontrabassisten Arild Andersen, dem Schlagzeuger Jon Christensen und dem Saxofonisten Tore Brunborg eine an Klangtupfern reiche, offene, pointilistische Variante des Jazz.
Dies änderte sich 1997 mit der Platte „Khmer“, einem ausgereiften Zwitter aus Drum’n’Bass und Jazz: sein Eintritt in die Musikgeschichte und gleichzeitig der Grundstein für seine weltweite Karriere und solide Finanzen.
„Mir ging es wie allen jungen Musikern“, erinnert er sich an die Zeit davor. „Am Anfang will man zwar ein Leben lang Musik machen. Aber ans Geld verdienen denkt man nicht.“ Molvaer studierte klassische Trompete – zeitweilig, denn schon nach eineinhalb Jahren klinkte er sich in Oslos Rock- und Jazzszene ein: der Start einer Profilaufbahn. Seit seinem 21. Lebensjahr lebt er von der Musik.
Als er mit „Khmer“ die Elektronik und die Welt des Drum’n’Bass und Ambient für sich entdeckte, näherte er sich der Kultur der Discotheken. Anders als viele Jazzmusiker jener Jahre wollte er jedoch keine Live-Session als Begegnung von Jazzmusikern mit einem DJ. Ihm ging es um die Integration der Welten. „Viele DJs sind Musiker“, sagte er damals. „DJing wird ein eigenes Genre. Sie finden es nicht interessant, wenn jemand Millionen von Tönen in verschiedenen Tonarten spielt. Ihre Ästhetik ist anders, groove-basierter, minimalistischer. Sie programmieren viel selbst.“ Das verbindet, denn auch er tüftelt die Elektro-Sounds für seine Trompete selbst aus.
Auf den DJ in der Band hat er inzwischen wieder verzichtet. Stattdessen umgibt er sich lieber mit Musikern aus Oslos progressiver Rock- und Elektronikszene. Was ihn inspiriert? „Ganz sicher nicht die Berge, die See und die Fjorde“, sagt er und lacht. „Der Prozess beim Arbeiten“ sei es. „Und die Leute, mit denen du spielst.“
Sein aktuelles Album „Buoyancy“ hat viel damit zu tun, „die Leute laufen zu lassen.“ Jo Berger Myhre spielte bislang Jazz, Free oder Noise- Rock, Geir Sundstøl brachte mit der Pedal Steel Gitarre einen Hauch von Folk und Bluegrass in die Produktion, und auch der Schlagzeuger Erland Dahlen ist wie die anderen eher in der Rockals in der Jazzwelt zu Hause.
Und er selbst? Molvaers Musik wird unter Jazz in den Läden geführt, aber sieht er sich selbst als Jazzmusiker? „Nicht wirklich“, sagt er. „Der Jazz mit seinen langen Soli und Harmoniewechseln ist oft langweilig“, kritisiert er und nimmt den Vorwurf teilweise wieder zurück: „Manchmal ist es auch brillant. Aber das ist nicht meine Sache.“ Andererseits gibt es auch Gemeinsamkeiten: „Wie die Jazzmusiker bin ich ein Improvisierer – und trotzdem mache ich etwas anderes. Die Improvisation ist ein globales Ding. Schon die persische Musik, die Tausende von Jahren alt ist, fußt auf der Improvisation.“ Was bei Molvaer noch dazukommt, ist: tägliche, konsequente Studioarbeit.

Neu erschienen:

Buoyancy

Okeh/Sony


Wortlos Freunde fürs Leben

„Ein improvisierender Musiker ist in der Lage, mit anderen Musikern zu kommunizieren. Er geht auf sie ein, erschafft etwas mit ihnen. Musik ist eine Art von Sprache, die mehr kann als das gesprochene Wort. Ich kann mit einem Typen aus Tansania schöne Dinge machen, ohne Suaheli zu verstehen. Im April habe ich im Iran mit Leuten gespielt, die nur Farsi sprachen. Wir haben uns hervorragend verstanden. Man kann mit Musik sehr persönliche Begegnungen haben, ohne ein Wort zu sprechen. Musik ist eine universelle Sprache. Wenn man zusammen spielt, kann man in Bereiche gelangen, die höher als alles andere sind. Du kannst einen Freund fürs Leben finden, und es macht nichts aus, dass ihr nichts von dem versteht, was ihr mit Worten sagt.“ Nils Petter Molvaer


Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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