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Dieter Dorns „Endspiel“ (c) Bernd Uhlig

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Doch, programmatische Hausaufgaben haben sie gemacht, beim mozartkugeligen de-luxe-Festival Salzburger Festspiele. Dabei hatten sie nicht ahnen können, wie sehr sich die politische Lage in Europa eindüstern würde.
Da passte ein Auftakt mit einer Opernuraufführung über eine starre Gesellschaft, in der alle Masken fallen. Gefolgt von einem brandneuen Oratorium, das stotternd seine Unfähigkeit, an Wunder zu glauben eingesteht. Plus Strauss’ „Liebe der Danae“, goldglitzernder Schwanengesang eines Altmeisters, angesichts des „totalen Krieges“ 1944 nicht wirklich mehr uraufgeführt – darauf könnte man heute regielich anspruchsvoll reagieren.
Schließlich Becketts „Endspiel“ im Schauspiel, Musterbeispiel atomarer Ängste aus Kalten Kriegszeiten, die in parabelhafte Kunst verwandelt wurden. Aber es blieb alles brav, nett, handwerklich hochwertig, eskapistisch, nie auf der Höhe des Zeitgeistes. Schon Dieter Dorn inszenierte „Endspiel“ mit Stars wie Nicholas Ofczarek und Michael Maertens als wohltemperiertes Becket-Klavier. Nostalgisch, wie unter der Glasglocke in einem imaginären Theatermuseum. Als eine Ehrenrunde der Großen von Gestern.
Wenig begeisterte auch „The Exterminating Angel“. Komponiert hat ihn der 45-jährige Brite Thomas Adès, der selbst am Pult des ORF-Radio-Symphonieorchesters stand. Über die Vorlage, Luis Buñuels surrealen Film von 1962, kam er nicht hinaus. Auch hier hält eine übernatürliche Macht eine Gruppe von Reichen gefangen. Draußen beginnt sich die Revolution zusammenzubrauen, man kommt zwar noch einmal davon, aber für wie lange?
Als Oper ist das atmosphärisch, ästhetisch, klanglich vielfältig. Nie verstörend. Gute Konvention, hohe Unterhaltungskunst. Der Komponist und der Personenführungsfäden ziehende Regisseur Tom Cairns als Librettist haben das Filmdrehbuch wenig variiert.
Adès kann atmosphärische, mal Cocktailglas- glitzernde, dann unheilbrodelnde Musik verfertigen. Dem Gewirr der Gesprächsstränge ist der Horrorsound des Vernichtungsengels durch das steinzeitliche Elektroinstrument Ondes Martenot unterlegt. 15 großartig besetzte Hauptpartien haben vom Lied bis zum Lamento ihren Singsignaturmoment. Die Salzach- Society freut sich unbeeindruckt. Irgendwie scheint die Botschaft nicht angekommen, ist unter glattglänzender Oberfläche erstickt.
Ein blauer Engel. Der von Nietzsche infiltrierte Himmelskörper ist einfach nur besoffen. Dann ist da ein Prophet, der stottert. Und der Chor, der sich in geklauten Hallelujas verstrickt. Einen Erzähler gibt es auch noch, der sagt von sich: „Meine Geschwätzigkeit ist struktureller Natur.“
Willkommen in der wunderbar abgedrehten, verzweifelt ungarischen Welt von Peter Eötvös und dem unlängst verstorbenen Peter Esterházy. Die Landsmänner haben für die Wiener Philharmoniker ein vergnügliches Anti- Oratorium geschrieben. Das Daniel Harding mit Finesse dirigiert, Iris Vermillion, Topi Lehtipuu und Peter Simonischek glänzend aus der Taufe heben, das aber irgendwie zu leichtgewichtig anmutet.
Ein kleines Salzburger Welttheater. Wieder mal. Mit Spaß am Hochgeistigen und Profanen. Ganz und gar nicht staatstragend. Und nicht so ärgerlich wie die verschwendete Liebesmüh für die in ihrer eigenen Schönheitstrunkenheit fast erstickende „Liebe der Danae“. Deren Inspiration freilich weniger einem Goldregen denn einer Wüste gleicht, ausgenommen die letzten 30 Minuten Straussscher Weltabschiedsmusik. Die Franz Welser-Möst am Pult der Wiener fabelhaft dirigiert. Auch Krassimira Stoyanova (Danae) und Tomasz Konieczny (Jupiter) kämpfen sich leidlich durch unsingbare Rollen. Denen freilich Regisseur Alvis Hermanis ein Bühnenleben verweigert. Er begnügt sich mit einem obszön prunkvollen Mix aus Goldfinger, Kleinem Muck und Las-Vegas-Bauchtanz. Irgendwie für Salzburg symptomatisch.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2016



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