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Das gute Stück: Bachs Autograph der Lautensuite BWV 998 unterm Hammer (c) Christie's London

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Jahr für Jahr, und das nicht nur zur besten Bayreuther Festspielzeit, quält die Wagner-Forschungsgemeinde die eine Frage: Wo bitteschön sind bloß des Meisters Reinschriften-Partituren von „Rheingold“ und „Walküre“, aber auch der „Feen“ geblieben. Seit dem Jahr 1939, als die Werke wohl Hitler zum 50. Geburtstag geschenkt wurden, sind sie spurlos verschwunden. Nicht auszudenken ist es daher, was das plötzliche Auftauchen dieser für die Musikwissenschaft unschätzbaren Notenblätter wohl auch bei den internationalen Auktionshäusern auslösen würde. Immerhin ließe sich da mit dem zu erwarteten Wahnsinnshöchstgebot eine fette Provision einstreichen. Solange aber selbst die versiertesten Sherlock Holmes’ unter den Musikschatzjägern aktuell weiterhin keine Ahnung haben, wo sich die Reinschriften befinden könnten, können auch musikbegeisterte Geldanleger weiterhin voll auf ihre Kosten kommen. Schließlich tauchen weiterhin so manche Schätzchen auf, die sich sicherlich irgendwann doppelt und dreifach vergolden lassen.
Möglicherweise hat nun auch ein chinesischer Geschäftsmann auf eine ertragreiche Finanzspritze gesetzt, als er bei Christie’s in London unbedingt einen heißen Bieterwettkampf gewinnen wollte. 3 Millionen Euro hat er sich dabei den Erwerb eines Notenmanuskriptes kosten lassen, das tatsächlich aus der Feder von Johann Sebastian Bach stammt. Es handelt sich um die Handschrift von der vermutlich zwischen 1740 und 1745 entstandenen Komposition BWV 998, die aus drei Sätzen besteht und heute vor allem bei Lautenisten hoch im Kurs steht (möglicherweise hatte Bach das Werk für das längst ausgestorbene „Lautencembalo“ geschrieben, das ein mit Darm- und Metallsaiten bespanntes Tasteninstrument war und einen lautenähnlichen Klang besaß). Mit dem Zuschlag kann sich der Käufer aus dem fernen Osten nun auch darüber freuen, dass er ab sofort stolzer Besitzer einer der ganz wenigen Bach-Manuskripte ist, die überhaupt noch auf dem freien Markt sind.
Mit den 3 Millionen Euro wurde schon mal ein beachtlicher Preis für solch eine Rarität erzielt. Den Vogel auf dem Auktionsmarkt soll aber Ende November eine Partitur abschießen, die von Sotheby’s angeboten wird. Es handelt sich hier um Gustav Mahlers Originalpartitur seiner 2. Sinfonie, die auf ca. 4,1 Millionen Euro taxiert wird. Sollte diese Summe erreicht werden, wären dies die teuersten Noten aller Zeiten. Das gute, 232 Seiten umfassende Stück stammt übrigens aus dem Besitz des Anfang 2016 verstorbenen Dirigenten Gilbert Kaplan, der das Werk in den 1980er Jahren der Mengelberg-Stiftung abgekauft hatte.

Guido Fischer



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