Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Marco Borggreve

Sophie Karthäuser

„Wo die Zitronen blühn“

Bislang gärtnerte die Sopranistin im Barockrepertoire und beim Mozart-Gesang. Nun hat sie Lieder von Hugo Wolf eingesungen.

RONDO: Ihre erste Oper als Kind war Mozarts „Figaro“. Mit wem haben Sie sich spontan identifiziert?

Sophie Karthäuser: Glücklicherweise gleich mit der Susanna, die ich dann später auch selbst gesungen habe.

RONDO: War im Laufe Ihrer Ausbildung immer klar, dass Sie ein lyrischer Sopran sind?

Karthäuser: Ja, das war immer klar. Obwohl mein erster Coach in England, als er mich sprechen hörte, verwundert fragte: Bist Du nicht eher ein Mezzo? Das kommt daher, dass ich Englisch viel tiefer spreche als meine Muttersprache Französisch. Inzwischen wird meine Stimme reifer, und ich fühle mich immer wohler in der Mittellage. Deshalb bin ich aber trotzdem kein Mezzo. Und für einen Koloratursopran habe ich vielleicht die Töne, aber nicht den Charakter. Dazu bin ich viel zu introvertiert. Ich liebe ja auch den Liedgesang.

RONDO: Apropos Lied: Sie haben einmal eine Masterclass bei Elisabeth Schwarzkopf absolviert?

Karthäuser: Das war keine Masterclass, sondern eine Privatstunde! Dieses Privileg hat mir die österreichische Pianistin Barbara Moser vermittelt, mit der ich einige Konzerte zusammen hatte. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Stunden es dann wirklich waren an diesem Tag. Sie war unglaublich! Natürlich hatte sie ihre ganz eigene Gesangstechnik, sehr speziell, und irgendwie ein bisschen artifiziell, würde ich sagen.

RONDO: Gerade die Wolf-Einspielungen der Schwarzkopf klingen für heutige Ohren ja eher manieriert?!

Karthäuser: Aber ich habe so viel gelernt an diesem Nachmittag! Sie war sehr streng in Sachen Technik, und als ich danach auf dem Rückweg im Flugzeug saß, habe ich wie wild alles aufgeschrieben, um ja nichts zu vergessen. Denn ich durfte den Unterricht ja nicht mitschneiden.

RONDO: Woran haben Sie gearbeitet?

Karthäuser: Zuerst Strauss, die „Zueignung“. Das war lustig, denn bevor ich den ersten Ton gesungen habe, sagte sie: Das ist doch kein Frauen- Lied, das ist für einen Mann geschrieben! Da musste ich innerlich lachen, weil ich wusste, dass sie selbst es ja sogar aufgenommen hatte. Dann haben wir an der Pamina-Arie gearbeitet. Und später an Schuberts „Heideröslein“. Wir haben mehr als eine Stunde an diesem einen Lied getüftelt, und sie war nie, nie zufrieden! Dann kamen Debussy-Lieder, die Ariettes oubliées – und plötzlich sagte sie: Warum singst Du nicht deutsche Lieder?

RONDO: Und darum haben Sie jetzt Wolf-Lieder eingesungen?

Karthäuser: Vielleicht hatte sie Recht! Ich liebe das deutsche Repertoire. Vielleicht deshalb, weil von väterlicher Seite auch deutsches Blut in meinen Adern fließt? Ich habe in einem Konzert Hugo Wolfs „Italienisches Liederbuch“ und das „Spanische Liederbuch“ gesungen. Und bei der Gelegenheit habe ich mich einfach in Wolf-Lieder verliebt. Diese Verrücktheit und die Tiefe der Melancholie, diese opulenten Momente, die an Strauss und Wagner erinnern! Aber auch das Karge, das Konzentrierte und sein subtiler Umgang mit den Texten. Ich liebe Wolf-Lieder auch wegen der Texte. Obwohl er ja manchmal widersprüchlich damit umgeht und für tiefe, schwere Textpassagen fast leichtsinnige Klänge findet, die scheinbar nichts mit dem Text zu tun haben. Aber eben nur scheinbar. Dieser Reichtum ist einzigartig. Wolf hat auf mich eine fast hypnotische Wirkung.

Neu erschienen:

Hugo Wolf

Kennst Du das Land? (Lieder nach Goethe, Mörike, Eichendorff)

Sophie Karthäuser, Eugene Asti

harmonia mundi

Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2016



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Musikfest Berlin

Unter dem Dach der Berliner Festspiele wurde vor zehn Jahren das Musikfest Berlin ins Leben […]
zum Artikel »

Pasticcio

Ende eines Märchens?

Anfang des Jahres feierte das derzeit weltweit bekannteste Musikernachwuchsprojekt seinen 40. […]
zum Artikel »




Top