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(c) Werner Neumeister/Warner Classics

Martha Argerich

Lodernde Verweigerung

Sie ist ein Wunder an Nonkonformismus, Chaos und klavierspielendem Können: Nicht nur deshalb ist die Pianistin einzigartig.

Selbst wenn sie nicht bis zum heutigen Tag, samt ihrem kaum glaublichen 75. Geburtstag am 5. Juni, so tigerinnenhaft und kraftvoll geschmeidig Klavier spielen könnte, wäre sie die Ausnahme-Erscheinung in einer nach wie vor erschreckend konformen Klassikszene. Denn Martha Argerich ist auch mit grauen Haaren noch ein elektrisierender Wildfang, eine jugendliche Nonkonformistin, eine einzigartige mater familias – und eine der faszinierendsten Künstlerinnen überhaupt.
Das Tollste daran: Man muss sie nicht als Teenager-Tastenstürmerin erlebt haben, die von ihrem Geburtsland Argentinien aus via Europa mit Ungestüm, Temperament und nonkonformistischer (sprich: gar keiner, obwohl von einer überehrgeizigen Mutter vorangetriebener) Karriereplanung die Klassikwelt eroberte. Eine Tastenstürmerin, die den sonst niemals Schüler ausbildenden Friedrich Gulda in Wien becircte, ebenso wie Nikita Magaloff in Genf. Denn die Argerich von heute, die mit ihren Spiel- oder Notenwendepartnern quasselnd und scheel auf das als Notwendigkeit geduldete Publikum schauend den Konzertsaal betritt, die sich scheu wie ein Mädchen hinter ihrem Haarvorhang verbirgt und die dann wie ein Wirbelwind im wippenden Rock die Tasten zum Glühen bringt, ist nicht viel anders als die Debütantin, die 1957 den Genfer und den damals neuen Busoni-Wettbewerb in Bozen, sowie 1965 den Warschauer Chopin-Wettbewerb souverän für sich entschied.
Denn schon damals lagen zwischen diesen beiden Jahreszahlen Niederlagen, Selbstzweifel und Auszeiten, die Existenz einer Künstlerin, die am meisten mit sich selbst zu kämpfen hatte, die sich dem Betrieb verweigerte, aber ohne ihn natürlich auch nicht existieren konnte. Die mit wechselnden Männern, darunter vielen Musikern, Dramen erlebte, drei Töchter großzog, inzwischen sechsfache Großmutter ist, zwei schwere Krebserkrankungen meisterte sowie als generöse Leitfigur einer stetig wachsenden Klavierkinderfamilie in Brüssel und Paris fungiert.
Mit dem Dirigenten Charles Dutoit, ihrem zweiten Ehemann, ohrfeigte sie sich öffentlich, doch mit keinem spielte sie Schumanns Klavierkonzert poetischer und Tschaikowskis b-Moll-Schlachtross rasanter. Martha Argerich muss immer viel Porzellan zerschlagen, um zur besten Form aufzulaufen, aber dann ist sie bis heute auf einem nach wie vor von Tastenstürmern und Egozentrikern, Sensibilissimi und Esoterikern dominierten Klavierkampffeld einzigartig und ungeschlagen.

Kalkulierte Enttäuschung

Einzigartig wohl auch deshalb, weil sie sich verweigert und Erwartungen nicht erfüllt hat, Umwege nahm und doch immer irgendwie eiernd im Ziel ankam. Martha Argerich ist menschlich und greifbar, fehlerhaft und launisch – und trotzdem ein Genie, wenn sie sich selbst überwindet, die eigensinnig hochgelegten Schranken hinter sich lässt.
Irgendwann in den Achtzigerjahren wurde das Lampenfieber zu groß, und sie verschanzte sich hinterm Orchester in einer kleinen, aber bis heute aufregenden Werkgruppe, in der die beiden Chopin-Konzerte, das erste von Tschaikowski, das in G-Dur von Ravel, das 1. und 3. von Prokofjew, das von Schumann und das 1. von Beethoven dominieren. Außerdem pflegt sie in überreichem Maße die Kammermusik, hat inzwischen zwei Generationen von Interpreten als Erweiterung ihrer Familie gefördert. Und hat sich immer wieder auch auf ihre argentinischen, kroatischen und, wie wir dank einer ersten Biografie (von Olivier Bellamy) nun auch wissen, jüdischen Wurzeln besonnen.
Es muss ein besonderer Moment in Buenos Aires gewesen sein, der binnen weniger Jahre Klaviertalente wie La bella Martha, Daniel Barenboim (mit dem sie inzwischen wieder regelmäßig vierhändig oder an zwei Pianos konzertiert, eben auch ein schönstes Live-Album aus dem Teatro Colon in Buenos Aires vorgelegt hat), Bruno Leonardo Gelber und später Nelson Goerner hervorgebracht hat.
Trotz aller Konkurrenz: Keine(r) brennt wie Martha Argerich und verweigert sich gleichzeitig, keiner hat auf so unglaublich nachhaltige Art seit 1996 im japanischen Beppu, seit 2002 auch in Lugano und zeitweise sogar in Buenos Aires Festivals ausgerichtet, die ihren Namen tragen, die aber dennoch vor allem ein Podium für Kammermusik und Miteinander, für langjährige Beziehungen und jähe kreative Höhepunkte in einer sonst oft nur aufs Funktionieren ausgerichteten Musikwelt sind.
Warner Classics und die Deutsche Grammophon erinnern sich mit opulenten Geburtstagsboxen. Auch die Sony hat ihre verstreuten Argerich-Aufnahmen auf fünf CDs gebündelt Glücklich aber die, welche einen der raren Abende der Absagerkönigin Argerich zu hören bekommen. Niemand nämlich spielt mit, nun ja, 75 Jahren, so jungmädchenhaft neugierig und spontan. Was man nach wie vor gehört haben muss.

Bereits erschienen:

The Legendary 1965 Recording (Chopin)

Martha Argerich

Warner


Auf Wiederhören!

Das, was die Grammophon schon vielfach veröffentlich hat, ist in seiner Fülle und Qualität auf 48 CDs einzigartig hörenswert (48 CDs, Complete Recordings On DG, DG). Auch die Sony-Auswahl, wo sie mit James Galway und Ivry Gitlis Sonaten von Prokofjew, Franck und Debussy spielt, hat es in sich: Sie beweist, dass sie eine der bedeutendsten Kammermusikerinnen unsere Zeit ist. Konzertaufnahmen mit der London Sinfonietta sowie ein Live- Dokument mit den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado mit Strauss’ „Burleske“ runden diese Edition ab (5 CDs, Complete Sony Recordings, Sony). Kammermusik vom Feinsten von Schubert bis Glass: Das bietet „Martha Argerich & Friends live aus Lugano 2015“. Neben Argerich sind renommierte Kollegen wie Ex- Mann Stephen Kovacevich, Paul Meyer, Nicholas Angelich oder Gautier Capuçon dabei. Neben klassisch-romantischer Kammermusik bilden südamerikanisch-spanische Werke von Alberto Ginastera, Luis Bacalov und Joaquín Turina einen Schwerpunkt (3 CDs, Argerich & Friends – Live From Lugano 2015, Warner). Gänzlich überraschend sind die von Argerich freigegebenen „Early Recordings“ von 1960 und ’67 aus den WDR- und NRDStudios. Erstmals gibt es Mozarts und Beethovens D-Dur-Sonaten KV 576 und op. 10 Nr. 3 zu hören, auch Prokofjews einsätzige Sonate Nr. 3 ist eine lohnenswerte Erstbegegnung und Repertoire- Erweiterung (2 CDs, Early Recordings, DG).


Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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