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Lesart eines Kunstwerks: "Dialogues des Carmélites" in München (c) Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

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Krach um Oper

Dass es im Kulturbetrieb selten harmonisch zugeht, wenn Erben auf einen vertraglich fixierten Passus hinweisen, weiß man seit Barbara Brecht-Schall. Die vergangenes Jahr verstorbene Tochter von Bert Brecht war die Mutter aller streitlustigen Nachlassverwalter. Wo sie auftauchte, zitterten die Regisseure. Denn man konnte so ziemlich alles mit den Theaterstücken ihres Vaters machen – aber der Textkörper musste unangetastet bleiben. So weit, so nachvollziehbar. Aber wie sieht es mit der inszenatorischen Freiheit aus? Darf man in die Handlung so radikal eingreifen und sie verändern, bis die ursprüngliche Intention quasi auf den Kopf gestellt wird? Mit dieser Frage sieht sich erneut die Bayerische Staatsoper in München konfrontiert. Denn pünktlich zur Wiederaufnahme von Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“ haben die Erben des französischen Komponisten erneut die Veränderung der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov gefordert – bzw. die Unterbindung der vier ab dem 23. Januar angesetzten Aufführungen der Oper.
Der Grund für diese drastischen Forderungen liegt im Finale: In der Neuinterpretation des russischen Regisseurs rettet die Hauptfigur Blanche de la Force ihre Mitschwestern vor dem Tod und kommt als Einzige ums Leben. Nach Meinung der Poulenc-Erben muss jedoch der Märtyrertod aller Nonnen zwingend szenisch umgesetzt werden, um die Kernaussage des Werkes zu treffen. Mit dieser Meinung stand die Erbengemeinschaft aber auch in der Vergangenheit allein da. So zog man anlässlich der ersten Wiederaufnahme der Inszenierung bereits 2012 vor Gericht und verlor in zwei Instanzen eben auch deswegen, weil Text und Musik der Oper völlig unverändert geblieben sind. Zur erneuten Forderung der Erben hat sich Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler nun in Wort und Tat geäußert. „Bühnenkunst wird durch freie Interpretation am Leben erhalten, nicht durch vermeintliche Rechtsansprüche“, so Bachler. Zugleich ließ er vermelden, dass die angesetzten Aufführungen ab dem 23. Januar wie geplant und in Tcherniakovs unveränderter Inszenierung stattfinden werden.

Guido Fischer



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