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(c) Dario Acosta/DG

Daniil Trifonov

Der Junge von der Wolga

Das russische Klavier-Wundertier macht sich rar und bleibt bei seiner Vorliebe für virtuoses Repertoire.

Woran erkennt man eigentlich einen Weltklasse-Pianisten? Daniil Trifonov ist einer und weiß prompt eine Antwort darauf. „Auf obsessive Liebe zur Musik kommt’s an, und zwar, obwohl man die ganze Zeit nur Arbeit davon hat“, antwortet er knochentrocken und ohne mit der Wimper zu zucken. Also: Nichts da von wegen tiefer Gefühle oder technischer Bravour. Nur die Liebe zählt! Der Rest ist eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für Klavier-Genies.
Der 24-jährige Russe gilt als Klavier-Wundertier und sorgte vor zwei Jahren sogar für einen ebenso heißblütig geführten wie überflüssigen Feuilleton-Streit. Zwischen zwei großen Tageszeitungen war er um die Frage entbrannt, wer unter den jungen Piano-Stars der Beste sei, ob Trifonov oder Igor Levit? Man hätte auch noch den polnischen (bei der Deutschen Grammophon schon wieder abgewickelten) Rafał Blechacz nennen können, die chinesische Rakete Yuja Wang oder den fingerfeinen Benjamin Grosvenor. Entscheiden lässt sich dergleichen ohnehin nicht.
Schmeichelhaft war es für den Pianisten trotzdem. Der war neben großartigen musikalischen Leistungen auch immer wieder dadurch aufgefallen, dass er gern absagt. Wenn er mal kommt, schmeißt er die schweißnasse Schnittlauch-Mähne freilich umso ekstatischer durch die Luft. Eine Temperamentsbombe, keine Frage.
„Der Spannung wegen“, wie er sagt, hat er bislang nur Live-Alben veröffentlicht. Das neue Recital mit Variationen-Zyklen von Sergei Rachmaninow ist die erste Platte, für die er ins Studio ging. Auch hier simuliert er, wie er meint, die Live-Atmosphäre soweit es geht. „Ich finde es schwierig“, gibt er zu. „Man könnte sich zwar einen Frack anziehen oder ein paar Freunde einladen, aber das tue ich nicht. Nur die eigene Imagination zählt, und dafür muss ich selber sorgen!“ Innerer Fokus und Problembewusstsein gehören zum Rüstzeug dieses Mannes mit den schmalen, langen Fingern.

Nur das Beste zählt

Geboren 1991 in Nischni Nowgorod, besuchte er – wie zuvor Evgeny Kissin, Oleg Maisenberg und Nikolai Tokarev – das Gnessin Institut in Moskau. Hierbei handelt es sich um eine ganztägig operierende Elite-Einrichtung, bekannt durch die einflussreiche Hand gestrenger Lehrer, die ihre Zöglinge zum Teil noch lange über die Studienzeit hinaus prägen und betreuen (so wie im Fall von Anna Kantor, der Lehrerin und bis heute Begleiterin von Evgeny Kissin). Auch mit Trifonov kann man eigentlich nicht sprechen, ohne dass ganz schnell der Name seiner Ausbilderin Tatjana Selikman fällt.
Diese Dame mit der Mireille Mathieu-Frisur brachte Trifonov auf Linie der russischen Klavier-Schule, die bis heute vor allem aus sehr schönem Ton, gedrillter Technik und geistesgeschichtlichem Hintergrund besteht. Selikman machte den Jungen von der Wolga auch mit großen Vorgängern bekannt, die für ihn als Vorbilder nie mehr abdanken sollten. „Meine Lehrerin“, so Trifonov, „besaß eine Plattensammlung, und in der waren die großen Pianisten vom Beginn des 20. Jahrhunderts reich vertreten: Ignaz Friedman, Alfred Cortot, Dinu Lipatti, Arturo Benedetti Michelangeli, Vladimir Horowitz und Vladimir Sofronitzky.“ Beileibe nicht nur russische Größen! Aber nur die handverlesen Besten! Die halbguten Götter hatte Selikman offenbar raussortiert. Merke: Nur das Beste zählt. Den Rest können wir gleich vergessen.
Nachdem Trifonov 2009 nach Cleveland zu Sergei Babayan gewechselt hatte, der ihn auf internationale Wettbewerbe vorbereitete, gewann er rasch hintereinander drei sehr wichtige Preise. Beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 2010 unterlag er zwar noch Julianna Awdejewa und Ingolf Wunder. Doch schon aus dem Arthur Rubinstein-Wettbewerb im Folgejahr ging er als Sieger hervor. Ebenso 2011 beim Tschaikowsky-Wettbewerb, wo er als Bester in einer Galerie mit legendären Vorgängern figuriert, also gleich neben Van Cliburn, Grigory Sokolov, Andrei Gawrilow, Mikhail Pletnev und Denis Matsuev.

Philosophie und Pyromanie

Fortan nahm sich die Deutsche Grammophon seiner an. Ganz spezialisiert auf das slawische Brilliantfeuerwerk, stürzte er sich auf Chopin, Skrjabin, Medtner und Liszt. Ein Repertoire, das er mit melancholischem Tiefblick durchforschte, ohne tastentechnisch zu mäßigen oder zu mildern. Im Drahtseilakt zwischen schillernder Oberfläche und grummelndem Tiefsinn, Philosophie und Pyromanie bleibt er ein virtuoser Sprengmeister – hörbar auf der russischen Seite.
Im Grunde gibt es zurzeit keinen fantasievolleren, atmosphärisch dichteren und dabei explosiveren Klavier-Geist als ihn. Wobei er auf die Frage, was Imagination sei, auch gleich die richtige Erklärung parat hat: „Klang ist wichtig, aber noch viel wichtiger ist das Zeit-Management!“ Das Klavier sei ein Schlaginstrument, dessen klangliche Möglichkeiten begrenzt seien. „Da muss man nachhelfen durch Rückungen, Verzögerungen und Kontraste.“ Man müsse wissen, wo die Musik hinläuft. „Sinn für die Richtung der Musik ist fast immer entscheidend!“
Das hat Karajan auch immer gesagt. Der Sinn für Fluss, Schwung und Organik kommt daher, dass man begriffen hat, wo die Musik hin will. Dass man der Struktur folgt. So wählerisch Trifonov einstweilen bei der Umsetzung dieser Ziele in Bezug auf sein Repertoire noch ist – von den Chopin-Klavierkonzerten kann er nie genug kriegen! –, so wohl fühlt er sich anscheinend bei den immer selben Festivals. Vorausgesetzt, dass er einmal mit ihnen warm geworden ist. Auch in diesem Sommer konnte man ihn vor allem in Verbier, Gstaad und im französischen La Roque d’Antéron antreffen. Bei den Hochgebirgs-Festspielen im Schweizerischen Verbier ist er beinahe schon so etwas wie das Aushängeschild. Im letzten Jahr konnte man dort keine Hotelhalle betreten, keinen Kaffee trinken und kein spektakuläres Berg- Panorama genießen, ohne dass irgendwo Fotos von Trifonov die Runde machten, sein Name genannt wurde oder er wenigstens selbst im Blickfeld erschien.

Ein junger Russe schafft sich seine Zukunft

Da er außer in Moskau auch noch ein Appartement in New York hat, wo seine Freundin lebt, unterhält er auch zu amerikanischen Orchestern ausgeprägte Beziehungen – und folgt hierin womöglich einem weiteren seiner Vorbilder: Sergei Rachmaninow. Ihm hat er – nach längerem Hin und Her – seine dritte CD bei der Universal gewidmet. Die ist ein Hingucker.
„Die Chopin-Variationen waren Rachmaninows erster, sehr experimenteller Versuch mit der Form der Variationen“, so Trifonov nüchtern. „Sie sind sehr sinfonisch komponiert, für mich war es vor allem interessant zu sehen, wie ein junger Mann sich hier seine Zukunft schafft“. Natürlich betrachte er Rachmaninow vor allem als Pianisten und Klavier-Komponisten, meint Trifonov. „Rachmaninow war sehr fortschrittlich in technischen Fragen des Klaviers: sehr strukturell und klar, was man ja auch an seiner Art Klavier zu spielen ablesen kann“. Deswegen, so Trifonov, sei es auch nicht sehr verwunderlich, dass Rachmaninow in Hertenstein am Vierwaldstädtersee ein Haus nach eigenen Entwürfen habe bauen lassen, das durchaus keinem romantischen Schloss gleiche. „Sondern das nach Bauhaus- Prinzipien, sehr modern, gebaut ist.“
Die neue CD enthält mit der Paganini-Rhapsodie op. 43 und den Corelli-Variationen außerdem zwei Rachmaninow- Werke von kanonischem Rang. „Normalerweise würde ich nicht dazu neigen, Stücke zu spielen, die Rachmaninow selber eingespielt hat. Aber die Paganini- Rhapsodie ist einfach zu gut, um sich an diese Regel zu halten.“ So ist Trifonov mit der neuen CD, die ihn auf der Höhe seines unerhörten Könnens zeigt, ein schönes Konzeptalbum gelungen. Das Warten hat sich gelohnt.
Übrigens fragt man sich abschließend, ob ihm die vielen Haare, die ihm beim Spielen ständig in die Augen fliegen, im Konzert nicht lästig sind. „Das Sehen ist nicht so wichtig“, meint er allen Ernstes. „Nur die Ohren sind es!“ Er schaue zwar, während er spiele, und sei nicht in Trance. Im Übrigen: Zu viel Entspannung sei auch nicht gut. „Wenn man innerlich loslässt, geht gleich etwas schief“, so der Pianist. Wie gut Daniil Trifonov ist, muss man deswegen nicht unbedingt sehen. Man kann es hören. Und bestaunen.

Erscheint am 11.9.:

Rachmaninow

Variations (Chopin-Variationen op. 22, Corelli-Variationen op. 42, Paganini-Rhapsodie op. 43)

Daniil Trifonov, Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin

Deutsche Grammophon/Universal


Nüchterne Überhöhung

An Rachmaninow kommt kein Rachmaninow-Spieler vorbei! Der Komponist selber wusste mit kristalliner Nüchternheit seine Werke derart spielerisch zu überhöhen, dass ihn kein nachfolgender Pianist überboten hat. Auch Vladimir Ashkenazy nicht, der sämtliche Werke einspielte. Epochale Einzelaufnahmen stammen vor allem von Vladimir Horowitz, Swjatoslav Richter, Benno Moiseiwitsch und William Kapell. Vielleicht liegen immer noch andauernde Anlaufschwierigkeiten auch daran, dass man Rachmaninow für so ausgemacht schwierig zu spielen hält. Demnach müssten heutige Pianisten besser für ihn gerüstet sein denn je. Doch das stimmt eben nicht: Schwer ist er vor allem interpretatorisch.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2015



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