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Alte-Musik-Pionier und Händel-Maniac: Alan Curtis (†)

Pasticcio

Ein Barockgoldgräber

„Ich habe nie jemanden gekannt, der so ungeniert und ansteckend Musik geliebt hat wie Alan. Außerdem war er ein Titan darin, eine Lawine von unbekannter Musik für die Moderne zu entdecken. Ruhe in Frieden, Alan.“ Mit diesen ersten Worten hat sich gerade die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato von ihrem Freund und Förderer Alan Curtis verabschiedet. Im Alter von 80 Jahren ist der Alte Musik-Dirigent, Musikwissenschaftler und Ensemblegründer in seiner Wahlheimatstadt Florenz verstorben. Und ähnlich wie DiDonato werden die unzähligen künstlerischen Weggefährten von Curtis ebenfalls nur bewundernde und dankende Abschiedsgrüße finden. Denn schon früh erwies sich der 1934 in Michigan/USA geborene Musiker immer auch als ein unbestechlicher Talentscout, der aus dem Riesenpool an Nachwuchssängern sofort die Stars von morgen herauspickte. Sieht man sich etwa die Besetzungslisten der unzähligen Barockopern ein, mit denen Curtis nicht zuletzt seinen Ruf als Händel-Spezialist begründete, liest man heute in der Barockszene längst berühmte Namen wie Simone Kermes, Ann Hallenberg, Sandrine Piau, Topi Lehtipuu und Franco Fagioli. Und eben auch Joyce DiDonato machte ihrem Ruf als eine im Händel-Fach blendend bewanderte Allrounderin alle Ehre, als „Ariodante“ in der gleichnamigen Oper, die sie 2010 mit Curtis und seinem 1977 gegründeten Ensemble Il Complesso Barocco eingespielt hatte.
Natürlich hat die Alte Musik-Welt ihm darüber hinaus eine Menge Repertoire-Trouvaillen zu verdanken – seit Curtis über den großen Teich gekommen war, um zunächst in Amsterdam bei Gustav Leonhardt zu studieren. So grub er 1974 etwa die Cavalli-Oper „Erismena“ aus und präsentierte bei der Premiere in Amsterdam immerhin den damaligen Countertenor René Jacobs in seiner ersten Bühnenrolle überhaupt. Und auch bei Vivaldi wurde Curtis spektakulär fündig: so verblüffte er vor zehn Jahren mit der Weltersteinspielung der Azteken-Oper „Motezuma“.
Curtis´ eigentliches Herz schlug aber für Georg Friedrich Händel. Und nicht zuletzt mit der Krimi-Autorin Donna Leon tourte er seit vielen Jahren durch die Landen, um der gemeinsamen Händel-Liebe mit unterschiedlichsten Projekten zu frönen. So widmete man u.a. Händel ein Buch- und CD-Bestiarium „Tiere und Töne“, das das Tierische in Händels Opern-Libretti ins Visier nimmt. Nun ist dieser akribisch arbeitende, aber nie verbissen zu Werke gehende Musiker verstorben. Und wenn man sich aus seiner umfangreichen Diskographie etwa Händel-Opern-Raritäten wie „Deidamia“ herauspickt, begreift man sofort, was Alan Curtis mit dem schönen Satz meinte: „Ich persönlich halte es für unmöglich, Georg Friedrich Händel zu überschätzen.“

Guido Fischer



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