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Königin von Saba/Theater Freiburg (c) Rainer Muranyi

Fanfare

Sind so blaue Hände. Oder gelbe. Die blauen Handschuhe stehen für die Christen, die gelben für die Juden. Glaube – eine Frage der Farbe. Die kann tödlich sein, weil sich gerade die Christen und die Juden selten so unversöhnlich in persönlichster Schicksalshaftigkeit auf der Musiktheaterbühne gegenüberstehen wie in der 1414 während des Konstanzer Konzils spielenden „Jüdin“ von Jacques Fromental Halévy.
Die Klagemauer als Video gleich zu Beginn. Und dann lauter Herren mit der pelzbesetzten Tellermütze chassidischer Juden. Ihnen überdeutlich entgegengesetzt: das weibliche Prinzip jener den König Salomon in uralter Zeit besuchenden, vor allem seinen Anhänger Assad beglückenden, namenlosen „Königin von Saba“ – wie sie sich Karl Goldmark 1875 herbeifantasierte.
Und schließlich das auserwählte Volk, das aussieht wie alle nicht-modischen Menschen in einer globalisierten Moderne. Das sich aber fanatisieren lässt von seinen beiden Anführern – eher ratlosen Beckett-Clowns und Zauberkünstlern. Die Masse wird zum Mob und bebegeht einen Genozid an jüdisch staffierten Puppen, bis sich Gipsköpfe und Stoffkörper zum Friedhof der Kuschel-Dummies türmen. Ob sich Arnold Schönberg so den Tanz ums Goldene Kalb in seinem theatralischen Fragment „Moses und Aron“ vorgestellt hat?
Drei bedeutende, viel zu selten bis gar nicht gespielte Opern von jüdischen Komponisten mit jüdischen Themen, herausgebracht binnen einer Woche an distinguierten Häusern von gewichtigen Regisseuren: Lässt sich daraus etwas ablesen über den Umgang hierzulande mit jüdischen Themen, mit Stereotypen und Symbolen? Das Ergebnis dieser Reise zu drei klug gedachten, musikalisch vorzüglich realisierten Premieren mit engagierten Chören und Sängern, die nicht nur ihren Rollen gewachsen waren, sondernd auch fesselnde Charakterporträts lieferten – es ist ein sehr positives.
Schon der wüste Antisemit Richard Wagner lobte Halévy für seine grandiose Musik, die sich einer spannenden, nicht typischen Geschichte unterordnet. Das hat Peter Konwitschny begriffen. Und obwohl gegenwärtig in Belgien jede öffentliche Veranstaltung mit jüdischem Thema nur unter Polizeischutz stattfindet, so wie auch diese Premiere an der Flämischen Oper Gent, kommt bei ihm, wie zum Trotz, außer im Titel nichts Jüdisches vor.
Für „Die Königin von Saba“, neben der „Frau ohne Schatten“ die einzige wichtige Uraufführung der Wiener Hofoper und dort bezeichnenderweise seit 1936 (!) absent, muss man im Jahr der 100. Wiederkehr des Todes von Karl Goldmark zum ambitionierten Theater Freiburg fahren. Kirsten Harms, Spezialistin für Raritäten, hat dieses plüschige Stück in zeitlose Moderne übersetzt. Obwohl Goldmark, effektvoll auf der Wagner-Welle surfend, dem damals modischen, zufällig im alten Palästina spielenden Exotismus huldigt, betont sie das jüdische Element besonders – um das Märchenhafte des Stoffes zu verorten, ja zu steigern.
An der Komischen Oper Berlin hingegen sind nur ein paar Orientteppiche in einem anonym getreppten Saal zu sehen, wo Moses (Robert Hayward) und Aron (John Daszak) mit billigen Magiertricks um Anhänger für ihren Gott werben. Dem Regie führenden Intendanten Barrie Kosky gelingt ein toll choreografierter erster Akt. Die zur Hundertschaft aufgestockten Chorsolisten sind ein grandios kraftvoll singendes, schönes, wildes Tier als launisches Volk.
Im zweiten Akt aber wird Kosky ambitiös und diffus zugleich, setzt an zur Fundamentalkritik am Hollywood-Bilder beschwörenden Zionismus, am jüdischen Psychologismus und am Fanatismus der Urväter der eigenen Glaubensgenossen. Er landet dann doch wieder, nackte Männerbrüste inklusive, beim gekonnten Entertainment.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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