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(c) Marco Borggreve/Sony

Rudolf Buchbinder

„Das kann der Rudi spielen …“

Die Klavier-Legende über nervöse Finger, große Pianisten, sein Idol John Wayne und über Bachs Rubato.

RONDO: Herr Buchbinder, Ihre Freunde nennen Sie „Rudi“. Passt das zu einem Pianisten?

Rudolf Buchbinder: Höchstens privat. Meine Frau ruft mich nur dann „Rudolf“, wenn sie böse mit mir ist. Früher bin ich als Rudi Buchbinder sogar aufgetreten – was mir bis heute nachhängt. Eigentlich müsste ich sagen: Ich wurde aufgetreten. Denn als Bühnenname find ich „Rudi“ nicht sehr geeignet. Man sagte damals auch prompt bei gewissen Stücken: „Na, das kann dann der Rudi spielen ...“

RONDO: Kann man daran ablesen, dass man Sie früher tatsächlich unterschätzt hat?

Buchbinder: Zumindest stimmt es, dass dem Fritzl Gulda sein originaler Friedrich niemals abgesprochen wurde. (Lacht.) Gulda war mein Kommilitone.

RONDO: Erstmals haben Sie jetzt Bach aufgenommen, den Sie mit schöner Klarheit und Lichtheit spielen. Woher kommt das?

Buchbinder: Liegt wohl daran, dass es immer bei mir so ist. Transparenz ist mir wichtig. Früher sogar zu sehr. Vor dreißig bis vierzig Jahren, bei meinem ersten Beethoven-Zyklus, war ich zu vordergründig klar. Mittlerweile bin ich freier geworden, auch weniger intolerant. Besonders in Bezug auf Rubati, die wir früher alle verachtet haben. Als wir erstmals Pablo Casals hörten, wie er Bach spielte, waren wir alle entsetzt. Mir hat die Quellenforschung danach sehr geholfen. Wie ich überhaupt sagen muss: „Wissen macht frei!“ Ein mühsamer, aber lohnender Prozess.

RONDO: Spielen Sie Bach so klar, um ihn zu entromantisieren?

Buchbinder: Ganz genau. Das hatte mir schon mein Wiener Lehrer Bruno Seidlhofer mit auf den Weg gegeben. Seidlhofer war Bach-Fanatiker. Kein großer Pianist, gewiss. Aber sehr lehrreich. Mit der linken Hand spielte er exakt im Tempo, während die Rechte völlig frei war – ohne dass er je aus dem Tempo kam! Das mache ich auch so. Ansonsten habe ich technisch nicht das Geringste bei ihm gelernt! Profitieren konnte nur, wer technisch schon völlig fertig war; und das waren sowohl Gulda wie Martha Argerich und Nelson Freire – und ich auch. Seidlhofer war ein Erzfeind fester Fingersätze und antwortete einer japanischen Studentin, die ihn um welche bat: „Hauens mir mal die Pratzen auf den Tisch! Sehen Sie: Mit der spielen Sie, wie sie gewachsen ist!“

RONDO: Warum haben Sie sich für Ihre CD Bachs Partiten Nr. 1 und 2 und die dritte Englische Suite ausgesucht?

Buchbinder: Es sind Langzeit-Erinnerungen, die mich immer wieder verfolgen. Jahrelang habe ich mich gehütet vor Bach. Und kenne eigentlich von früheren, großen Bach- Interpreten nur Dinu Lipatti. Er war fantastisch! Genauso wie Solomon bei Beethoven.

RONDO: Wie hat, nebenbei gefragt, Friedrich Gulda nach Ihrem Urteil Bach gespielt?

Buchbinder: Sehr gut. Obwohl Gulda ein Problem hatte, und zwar wiederum: Rubati. Er konnte sie nicht. Deswegen lag ihm die motorische Waldstein-Sonate besser als op. 109. Bisschen Rubato verträgt sogar Bach. Gefährlich ist, wenn das Klare zur Kühle wird. Frisch darf man sein, nicht kalt. Deswegen spiele ich Bach erst heute. Ich habe mich mit den Jahren aufgewärmt.

Karriere im Crescendo

RONDO: Privat gelten Sie als Sammler von Noten, Büchern, Schallplatten und Filmen. Funktionieren Sie auch als Pianist enzyklopädisch – gleichsam als Sammler?

Buchbinder: Nein. Ich würde zum Beispiel niemals einen Schubert-Zyklus spielen, auch nicht sämtliche Mozart- Klaviersonaten. Soweit ich umfassend werde, geht das auf meine Beschäftigung mit Joseph Haydn zurück. Der Auftrag dazu kam in den 60er Jahren von der Teldec, wo man nach den Haydn-Sinfonien unter Antal Dorati auch alle Haydn-Sonaten herausbringen wollte. Das ist meine Grundlage bis heute. Ich habe dabei Disziplin gelernt, Phrasierung, Artikulation und Transparenz. „Je besser der Keller, desto besser das Haus“, sagt man. Haydn war mein Keller.

RONDO: Sie haben einmal gesagt, die drei wichtigsten Faktoren bei einem Konzertauftritt seien: Emotion, Spontaneität und Nervosität. Wann werden Sie nervös?

Buchbinder: Auf dem Weg von der Garderobe zum Klavier! Das wird sogar immer schlimmer. Im Künstlerzimmer sind die Hände noch warm. Dann gehe ich durch den Gang zur Bühne: Der erinnert mich jedes Mal an den Käfigtunnel, durch den die Löwen in die Manege schleichen. Wenn ich dann auf der Bühne ankomme, sind die Finger steif und eiskalt. Das ist der Grund, weshalb ich immer sehr rasch ans Klavier stürze.

RONDO: Ist das in allen Sälen gleich schlimm?

Buchbinder: Nein, am Schlimmsten ist es im Großen Festspielhaus in Salzburg! Der Weg zur Bühnenmitte ist nämlich so weit, da fängt man geradezu an zu torkeln. Rubinstein hat es übrigens bei Auftritten immer so gemacht, dass er sich im Publikum das Gesicht einer einzelnen Dame aussuchte, für die er spielte. Natürlich todernst. Frühere Pianisten waren überhaupt viel ernster. Gefällt mir. Was heute oftmals für ein Zirkus gemacht wird, bevor ein einziger Ton erklungen ist! Furchtbar.

RONDO: Rubinstein, weil er so nervös war, ließ sich sogar die Tasten besprühen. Sie auch?

Buchbinder: Nein, aber ich kann es nachvollziehen. Zu trockene Tasten sind gefährlich. Manchmal trocknet das Elfenbein sogar im Laufe eines Konzerts noch nach. Bei der Waldstein- Sonate kann es dann am Ende schon einmal eng werden. (Verdreht die Augen und wird blass.) Aber, wissen Sie, ich brauche doch auch eine Herausforderung. Ich lasse mich auf Netze und doppelte Böden nicht mehr ein.

RONDO: Sie gelten als großer John Wayne-Fan. Welches war sein bester Film?

Buchbinder: „Pittsburgh“ mit Marlene Dietrich. Und dann die von Howard Hawks. Ich bin auch ein Freund der Filme von W.C. Fields und von Abbott & Costello. Kennt kein Mensch mehr, oder?

RONDO: Warum, glauben Sie, wurden Sie erst so spät entdeckt?

Buchbinder: Weil ich erst spät ein ‚Aufnehmer’ geworden bin. Ich war nie eine Sensation. Allerdings auch keine Rakete. Ich blicke auf eine jahrzehntelange Karriere zurück: mit einem kontinuierlichen, leichten Crescendo. Gelegentlich kommt jetzt noch ein kleines Sforzato hinzu.

Neu erschienen:

Bach

Partiten Nr. 1 B-Dur & Nr. 2 c-Moll, Englische Suite Nr. 3 g-Moll

Rudolf Buchbinder

Sony


Bach in Beverly Hills

Wer bei Rudolf Buchbinder in Wien auf der Terrasse sitzt, glaubt, er befinde sich in einer Döblinger Außenstelle von Beverly Hills. Der Swimmingpool ist noch abgedeckt. Der plätschernde Brunnen und mehrere Hollywood-Liegen warten auf Entspannungswillige. Es wird Gebäck gereicht. Anschließend besteht der Meister darauf, im Oberstock sein Atelier mit den beiden Steinways zu besichtigen. Vom Fenster aus blickt man auf den Wienerwald und den Weinort Grinzing hinab – und weiter bis hin zum Kahlenberg. Seit 40 Jahren wohnt Buchbinder hier. Sofern er da ist! Der vielleicht letzte aktive Kronzeuge einer goldenen Beethoven-Tradition ist mehr gefragt denn je. Jetzt auch mit Bach.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2015



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