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Vom Schmalze befreit

Sir Roger Norrington

Die Zeiten, in denen sich „Originalklang"-Ensembles und „normale“ Sinfonieorchester unversöhnlich gegenüberstanden, scheinen vorbei. Nirgendwo geht diese Annäherung jedoch so weit wie in Stuttgart. Hier ist Sir Roger Norrington und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR eine Fusion beider „Sphären“ geglückt. „Stuttgart Sound“ wird sie genannt und allseits frenetisch gefeiert.

Der Mann hat Lust zu provozieren, mehr denn je. Schon das Foto, auf dem der gebürtige Oxforder den Fotografen in seinem Heim in Berkshire die nackten Füße zum Ablichten entgegenstreckt, zeugt nicht eben von Konventionszwang. Auch sein Dirigierstil ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich. Läuft eine Passage quasi wie von selbst, dann setzt Sir Roger einfach mal ein paar Takte aus und hört sichtlich vergnügt zu, um dann plötzlich katapultartig aufzuspringen und seine Musiker anzufeuern, als ginge es um ihr Leben. Und wenn er in der Probe der Beethoven'schen Pastorale mir (der ich das Vergnügen hatte, einziger Zuhörer zu sein) bei den Geigentrillern des zweiten Satzes den Fliegenfänger vorspielt oder beim Kontrabass-Grollen des herannahenden Gewitters mit Händen an der Hosennaht John Wayne beim Showdown gibt, dann wird klar: mit karajaneskem Führergehabe, eitler Selbstdarstellung oder dämonischer Taktstockmagie hat der streitlustige Engländer nichts im Sinn. Er versteht sich vielmehr als „Conductor“, der keine Sklaven vor sich hat, sondern Mitstreiter, die er überzeugen will von dem, was ihn umtreibt.
Und das macht Furore. Noch immer ist der 70-Jährige auf der Suche nach dem „authentischen“ Klang. Wie schon vor 42 Jahren, als er den Schütz-Choir London, die London Baroque Players und dann – mit Repertoire-Ausdehnung Richtung 19. Jahrhundert – die London Classical Players gründete und mit diesen Ensembles zu einem der umstrittensten und gefeiertsten Pioniere der historischen Aufführungspraxis avancierte. Noch immer ist er ein höchst produktiver Unruheherd, allerdings nicht mehr als Anführer (ehemals) sektiererischer Spezialensembles mit „alter“ Musik. Heute provoziert er die Hörgewohnheiten unseres hundertfünfzig Jahre alten Konzertbetriebes, und zwar von innen heraus. Seine heutigen Waffen sind ein „normales“ Sinfonieorchester mit modernem Instrumentarium, und sein Ziel ist das Tabernakel unseres musikalischen Hausaltars: die Orchesterliteratur von Beethoven bis Mahler. Und schon wieder ist Norrington Pionier: So wie er vor 20 Jahren als Erster Beethoven, später dann auch Brahms und Wagner auf „historischen“ Instrumenten eingespielt hat, so ist er heute der erste Wiederentdecker des – wie er sich ausdrückt – „pure tone“. Sein Stuttgarter Radio-Sinfonieorchester ist nämlich weltweit bislang das erste und einzige Sinfonieorchester, das strikt vibratofrei spielt.
Vibrato? Vibratofrei?Dem normalen CD-Hörer und Konzertbesucher entlocken die Vokabeln zunächst nur ein kleines Achselzucken. Doch wer sich Sir Rogers Aufnahmen der Beethovenund Berlioz-Sinfonien sowie seine soeben publizierte Wagner- und Tschaikowsky-CD anhört, der reibt sich alsbald die Augen respektive Ohren: Man vernimmt beim scheinbar allzu vertrauten Repertoire eine nahezu unbekannte Transparenz des Partiturgewebes. Alle dramatisch- leidenschaftliche Vehemenz und lyrische Empfindsamkeit, aber auch und gerade (etwa bei Beethoven!) Witz und Esprit lassen sich hier denkbar frisch und unverstellt genießen. Norrington selbst sieht beim Stichwort „Vibrato“ geradezu den Leibhaftigen vor sich. Hitzig, witzig und bildgewaltig doziert er: Das Vibrato überzieht alle Feinheiten der Partitur, alle subtilen Obertonprismen der Instrumente mit sentimentalem Gejammer und falschem Pathos. Wie fette Sahnesauce und klebrige Mehlschwitze die Gourmetküche, so übertüncht das „Weihevollissimo“, das „Make Up“ des Vibrato den klaren, durchsichtigen, reinen Orchesterklang. Neben der allzu häufig behäbigen Tempowahl ist das Dauervibrato Schuld an der weitverbreiteten Langeweile in unseren Konzertsälen. Warum, so braust er auf, muss die Eroica, muss Brahms’ Erste immer in diesem braven respektive pathetischen Schönklang präsentiert werden, ganz zu schweigen von Tschaikowsky, der per Dauervibrato zum tränensackverhängten Geigenschmalz verkitscht, oder Wagner, der immer den wabernden Weihrauch-Apostel und bombastisch lärmenden Heroen abgeben muss?
Aber wer ist der Schuldige und wann geschah der Sündenfall? Norrington nennt Fritz Kreisler und Franz Léhar, die das Vibrato in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts „hoffähig“ machten, indem sie es vom Kaffeehaus in den Konzertsaal verpflanzten. Schon Brahms schätzte das Vibrato, allerdings nur im Kaffeehaus, niemals im Konzertsaal, in der Sphäre der „hohen“, „ernsten“, sinfonischen Kunst!
Also: back to the roots, zum vibratofreien Spiel. Wer allerdings glaubt, mit diesem Beseitigen des Sentimentalen sei „alles wieder gut“, der irrt natürlich. Norrington wäre nicht der aufregendste Beethoven-, nicht der prägnanteste Brahmsund tiefenschärfste Tschaikowsky-Dirigent unserer Zeit, wenn er das Gesetz der Vibratoabstinenz nicht mit höchster Phrasierungs- und Dynamiksorgfalt verknüpfen würde. Mit anderen Worten: Wenn die Fettschicht weggeräumt ist, beginnt erst die eigentliche Feinarbeit der Bogenführung, der Artikulation, der Tondauer, der Phrasierung, der Dynamik. Erst jenseits des Vibrato beginnt die eigentliche „Klangrede“, ob mit alten oder modernen Instrumenten – Hauptsache im „pure tone“. Und zwar nicht „aus Prinzip“, sondern des Klanges wegen: da dieser so spannend, so unschuldig und neu erscheint, ist es Sir Roger auch gleichgültig, ob er (nach wie vor) als „Verrückter“ betrachtet wird oder nicht. Seine Hörer jedenfalls, in Stuttgart ebenso wie in Tokyo, bejubeln diesen Sonderling mit Hang zum Risiko und seine neugierigen Musiker mit öffentlich-rechtlichem Auftrag. Aus gutem Grund.

Neu erschienen:

Wagner/Tschaikowski

Sinfon. Auszüge aus „Parsifal“/ Sinfonie Nr. 6

RSO Stuttgart, Roger Norrington

Hänssler/Naxos

Christoph Braun, RONDO Ausgabe 1 / 2005



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