Startseite · Künstler · Gefragt

Pat Metheny

Irgendwann landet alles im Schwarzen Loch

Pat Methenys »Unity Band« hat deutlichere Bezüge zur Jazztradition als frühere Bands des Gitarristen. RONDO-Autor Werner Stiefele hat sich mit ihm unterhalten.

RONDO: Mit der Platte »Bright Size Life« begann 1976 Ihre internationale Karriere. Was hat sich seitdem geändert?

Pat Metheny: Geändert? Ich leide immer noch an derselben Geisteskrankheit, genannt Musik.

RONDO: Bekannt.

Metheny: Und ich habe drei Kinder. Alles deutet darauf hin, dass sie keine Musiker werden. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich auch was anderes machen – aber seit ich in der 5. Klasse meine erste Gitarre bekam, hat mich nur noch die Musik interessiert. Ich habe damals 14 Stunden am Tag geübt ...

RONDO: ... und in Bands mit Hammond-Orgel Souljazz gespielt. Was hat Sie sonst noch beeinflusst?

Metheny: Für mich ist es schwierig, all das zu entziffern. Mein Interesse an Musik umfasst alles – sehr einfache Gitarrenakkorde und Schostakowitsch, Improvisationen und geschriebene Musik, akustische Musik und rein elektronische. Ich bin neugierig darauf, wie das alles zusammenpassen kann.

RONDO: Was reizt Sie an Schostakowitsch?

Metheny: Nicht nur an ihm, sondern an den russischen Jungs insgesamt, also auch an Rachmaninoff: die Art zu modulieren, sich von Tonart zu Tonart zu bewegen, Ideen über längere Zeiträume auszudehnen. Aber ich bin mit solchen Vorlieben nicht allein. Bei Herbie Hancock fällt mir sofort Bartók ein, und dann gibt es eine enge Verbindung von Bill Evans zu Debussy und den französischen Jungs. Wohlgemerkt: Dabei geht es um sprachliche Fähigkeiten, die ein Musiker haben muss – also nicht um den Stil, sondern um die Grundlagen.

RONDO: Was wird von Ihrer Musik bleiben?

Metheny: Wahrscheinlich wird die Sonne erlöschen, und wir fallen in ein Schwarzes Loch. Darauf läuft alles hinaus.

RONDO: Und davor?

Metheny: Zwischen jetzt und dann? Darüber mache ich mir nicht zu viele Sorgen. Außerdem liegt es außerhalb meiner Kontrolle.

RONDO: Immerhin gibt es CDs mit Ihrer Musik. Metheny: Es wird ein großes Problem, wie das Zeug auf die Zeit reagiert. Ob man den Code noch lesen kann. Die Formate, in denen etwas gelagert wird, ändern sich konstant. Nachher hat man zwar ein Archiv, aber kein Gerät mehr, mit dem man das Archiv erschließen kann. RONDO: Es gibt Normen. Momentan wird fast alles als mp3- Datei verkauft.

Metheny: Das ist hoffentlich nur eine temporäre Erscheinung. In nicht allzu ferner Zukunft werden wir hoffentlich nicht nur Megabyte-Pakete bewegen können, sondern Gigabytes. Dann wird hoffentlich ein 24bit 96k-File so leicht zu transportieren sein wie heute ein mp3. Ich freue mich darauf. Seit 15 Jahren mache ich 24bit-Aufnahmen. Das hat niemand gehört. Der Klang der CD ist im Vergleich dazu eine Enttäuschung.

RONDO: Und das Copyright und Kopieren?

Metheny: Diese Zeiten sind vorbei. Ich spiele etwa 100 Gigs im Jahr, um alles am Laufen zu halten und damit die Rechnungen bezahlt werden und ich Essen für alle Münder habe. Es war eine verrückte Unterbrechung in der Musikgeschichte von 1927, dem Ende der Klavierrollen, bis 2002, wo man überleben konnte, indem man schrieb und aufnahm. Aber wahrscheinlich sind diese Tage vorbei. Schade für meine drei Kinder.

Pat Metheny – Unity Band

Nonesuch/Warner

Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 4 / 2012



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Boulevard

Hommage an Peter Gunn

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Der prägnante treibende E-Bass-Riff ist genauso bekannt wie der Beginn von Beethovens Fünfter. […]
zum Artikel »

Pasticcio

In Memoriam Harnoncourt

Meldungen und Meinungen der Musikwelt

Durchweg erschüttert zeigte sich die Klassikwelt von der Nachricht, dass Nikolaus Harnoncourt am […]
zum Artikel »




Top