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Muss sich posthum den Vorwurf der Kollaboration gefallen lassen: Komponist Henri Dutilleux

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Moralkeule

Dass Komponieren jung hält, kann man an gleich drei prominenten Beispielen der französischen Moderne ablesen. Olivier Messiaen wurde 84 Jahre alt. Erst gerade hat sein einstiger Schüler Pierre Boulez den Neunzigsten gefeiert. Und 2013 verstarb Henri Dutilleux im biblischen Alter von 97 Jahren. Drei herausragende Komponistenpersönlichkeiten hat Frankreich da im 20. Jahrhundert hervorgebracht – wobei Boulez und Dutilleux eine herzliche Abneigung miteinander verband. Wie unterschiedlich die Würdigung und Erinnerung solcher Granden aber ausfallen kann, beweist man gerade in Paris.
In der im Osten gelegenen Cité de la Musique gratuliert man Boulez zum runden Geburtstag mit einer großen Ausstellung. Mitten im Zentrum von Paris ist zeitgleich der aktuelle Bürgermeister des 4. Arrondissements von seinem 2013 gefassten Plan abgerückt, Dutilleux mit einer Gedenktafel zu ehren, die an dessen einstigem Wohnhaus auf der Île Saint-Louis angebracht werden sollte. Für den Sozialisten Christophe Girard war Dutilleux nämlich nicht nur ein Kollaborateur des Vichy-Regimes. Der Komponist schrieb sogar 1942 den Soundtrack für einen Propagandafilm „Forces sur le stade“. Letzteres stimmt zwar. Doch hinter dem Streifen soll sich keinesfalls eines dieser üble Nazi-Machwerke verbergen. Und was den Vorwurf der Kollaboration angeht, da bekommt Christophe Girard momentan mächtig Gegenwind.
So hat etwa der Kurator des Nationalen Résistence Museums noch einmal explizit auf Dutilleux´ Rolle im französischen Untergrund hingewiesen. Zudem hatte Dutilleux Gedichte des damals verbotenen Lyrikers Jean Cassou vertont. Doch auch von anderen Seiten meldet sich vehementer Widerspruch. In einer bislang von 6000 Musikern unterzeichneten Petition „Nein zur Verleumdung von Henri Dutilleux“ hat sich der renommierte Musikologe Claude Samuel zu Worte gemeldet: „Das ist alles absoluter Quatsch! Dutilleux war ein Vorbild an Tugend, Rechtschaffenheit und Integrität.“ Und inzwischen hat selbst der ehemalige Kulturminister Jack Lang seinem Parteifreund den Kopf gewaschen und dem Bürgermeister Inkompetenz und moralische Überheblichkeit vorgeworfen. Aber wahrscheinlich gehört Monsieur Christophe Girard nur zu denjenigen, die mit zweierlei Maß richten. Denn bisher ist nicht bekannt, dass er vehement gegen eine Retrospektive protestiert hat, die Ende April in seinem Arrondissement, im Centre Pompidou eröffnet wird. Gewürdigt wird da mit Le Corbusier immerhin ein Jahrhundertarchitekt, dessen Zusammenarbeit mit Vichy nun wirklich eindeutig belegt ist.

Guido Fischer



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