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Wenn schon Neustart, dann richtig: Peter Eötvös (c) Marco Borggreve/Harrison Parrott

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Die Macht des Faktischen

Am 12.11.2013 landete beim SWR-Intendanten Peter Boudgoust ein gepfefferter, öffentlicher Brief auf dem Schreibtisch, der mit folgenden Worten begann: „Die von Ihnen gegen jeden guten Rat von musikalisch kompetenter Seite sowie gegen alle Widerstände forcierte und anlässlich einer SWR-Rundfunkratssitzung am 28. September 2012 schließlich auch erwirkte Entscheidung für eine Fusion des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (SO) mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) ist künstlerisch unsinnig, ökonomisch mindestens fragwürdig und darüber hinaus ein kulturpolitischer Offenbarungseid.“ Unterzeichnet hatten diesen Protest unzählige prominente Dirigenten, die auch aus eigener Fahrung beurteilen konnten, was die Musikwelt mit dem in der Existenz bedrohten SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg verlieren würde.
Zu den Unterzeichnern gehörten Pierre Boulez, Ingo Metzmacher und Peter Rundel, aber auch Nikolaus Harnoncourt und Christoph von Dohnányi. Nun aber scheint der ungarische Komponist und Dirigent Peter Eötvös, der seinerzeit ebenfalls unterschrieb, aus diesem erlauchten Kreis ausgeschert zu sein. Da alle Initiativen und Manifeste die befürchtete Fusion nicht stoppen konnten und das neue „SWR-Orchestra Stuttgart“ somit im September 2016 den Betrieb aufnehmen wird, hat Eötvös auf seiner Internetseite verkündet, dass er das erste Konzertprogramm dirigieren wird. Neben Mahlers „Adagio“ und Ravel sind dann Orchesterszenen aus der Oper „L´Amour de loin“ der Finnin Kaija Saariaho sowie Eötvös´ Violinkonzert „DoReMi“ zu hören.
Eötvös´ Entscheidung, die konzertante Feuertaufe zu übernehmen, empfindet schon jetzt mancher in den Feuilletonstuben als Hochverrat gegenüber den Kollegen und dem abgewickelten Orchester. Daher habe Eötvös – so kann man von empörter Seite lesen – auch jetzt erst die Deckung verlassen und seinen geplanten Auftritt öffentlich gemacht. Als ob sich so ein hochrenommierter Ausnahmemusiker vor irgendetwas und erst recht vor der publizierten Meinung verstecken müsste. Und überhaupt: wann wäre denn überhaupt für all diejenigen, die jetzt den Finger heben, der richtige Zeitpunkt, bis dieses von ihnen als Schmuddelkind behandelte Fusionsorchester endlich ordentlich und unter erstklassiger Leitung an den Start gehen darf? Peter Eötvös hat sich wahrscheinlich gedacht: Genau am 19. September 2016 ist der richtige Termin, um das Orchester gleich richtig zu fordern. Das Publikum wird das hoffentlich mit offenen Ohren goutieren. Der Rest kann die Konzerte ja boykottieren.

Guido Fischer



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