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Joshua Bell

Sunnyboy am Scheideweg

Dass der amerikanische Geiger Joshua Bell seit nun bald 20 Jahren an der absoluten Weltspitze der Violinisten mitspielt, verdankt er wahrlich nicht seinem Sunnyboy-Bonus, sondern seinem stupenden Können. Wie er an seine Stradivari kam, was er von musikalischer Avantgarde hält und wie faul er im Grunde ist, das verriet der bald Vierzigjährige Michael Horst in Berlin.

Inzwischen hat er sogar schon Aufnahme in die weltumspannende Rate-Show „Wer wird Millionär?“ gefunden. Nicht als Kandidat, sondern als Inhalt folgender kniffliger Frage: „Auf welchem Instrument ist Joshua Bell als Virtuose berühmt geworden?“ Die aus vier Möglichkeiten herauszufindende richtige Antwort machte den Kandidaten um 32.000 Dollar reicher – und Bell noch ein bisschen bekannter. Doch wer schon Gast in der Sesamstraße war, bei den Grammys bedacht wurde und vom People Magazine sogar in die Liste der „50 schönsten Männer der Welt“ aufgenommen wurde, der muss sich um seine Popularität eigentlich keine allzu großen Sorgen mehr machen.
Mozart, Mendelssohn, Brahms, Bruch – die Hauptwege der großen, klassischen Konzerte hat er schon in jungen Jahren durchmessen. Und so kennen, so lieben wir auch Joshua Bell, den alle nur „Josh“ nennen. Mit dem Film-Soundtrack zu „Die rote Violine“, mit einem „Best of Bernstein“-Album und mit passend arrangierten Opern-Hits von Bellini bis Puccini („Romance of the Violin“) hat der Sunnyboy in den letzten Jahren gelegentlich auch die Nebenstraßen der Violinliteratur betreten. Doch Josh wäre nicht Josh, everybody's darling, wenn er dies nicht mit ebenso viel Charme und technischer Makellosigkeit dargeboten hätte.
Der heilige Eifer seiner Kolleginnen wie Midori oder Hilary Hahn ist dem Mann aus Bloomington, Ind. zwar nicht fremd, aber auch keineswegs unumstößliches inneres Gebot. „Ich bin von Natur aus wahrscheinlich eher faul“, gibt er unumwunden zu, „und wenn ich zwei Monate frei hätte – was leider nie der Fall ist! –, dann würde ich wahrscheinlich auch zwei Monate kaum üben.“ Man darf das getrost glauben – denn die Einschränkung folgt auf dem Fuße: „Wenn es ernst wird“, so Joshua Bell, „dann will ich es wissen. Dann übe ich acht Stunden am Tag.“ Man könnte trefflich mit ihm über seine sportlichen Leistungen diskutieren: über Tennis, Bowling und Golf oder über die Leidenschaft für Computer, die seinen Ehrgeiz genauso herausfordern wie das Geigenspiel. Auch Tschaikowsky, das vielfach auf Platte verewigte Violinkonzert, ist letztlich eine solche Herausforderung. Der 20-Jährige hat es vor Jahr und Tag schon einmal eingespielt, damals mit dem Cleveland Orchestra unter Vladimir Ashkenazy. Diesmal stehen ihm die Berliner Philharmoniker und Michael Tilson Thomas zur Seite – für einen Live-Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie im Januar 2005. „Ich wollte es nicht um jeden Preis anders spielen“, stapelt der Geiger tief. Aber es sollte ehrlich klingen. Elegant und nicht so tiefschürfend russisch.
Schließlich ist der junge Josh von Josef Gingold in die Geheimnisse des Geigenspiels eingeweiht worden, einem gebürtigen Weißrussen, der als Schüler Eugène Ysaÿes jedoch ganz der französischen Schule verpflichtet war. „Bei ihm habe ich stundenlang alte 78er-Aufnahmen von Fritz Kreisler angehört“, erinnert sich Bell noch heute. Kreisler, Heifetz, Huberman – das sind die Hausgötter, denen er seine musikalischen Opfer bringt. Und Bronislaw Huberman war es, der ihm – höchst unfreiwillig – die Violine seines Lebens bescherte. Wäre die Geschichte nicht belegt, man hätte sie kaum besser erfinden können. Und sie konnte wohl auch nur von einer Geige geschrieben werden …

1936 wurde dem polnischen Virtuosen seine kostbare Stradivari von 1713 ausgerechnet in der Carnegie Hall in New York gestohlen – und tauchte zu dessen Lebzeiten nie wieder auf. Erst in den 80er Jahren gestand ein mittelloser Straßengeiger auf dem Sterbebett, mit diesem Instrument Jahrzehnte lang durch Kneipen und Restaurants in New York gezogen zu sein, immer in der Angst, entdeckt zu werden. Doch Geigen sind anscheinend sehr widerwiderstandsfähig: Die Schmutzschicht aus Dreck und Qualm konnte in monatelanger Restaurierungsarbeit entfernt werden, bis der ursprünglich rote Lack wieder zum Vorschein kam. Dann gelangte die „Gibson Ex-Huberman“ in die Hände von Norbert Brainin – dem vor kurzem verstorbenen Primarius des Amadeus- Quartetts –, von dem sie wiederum Bell schließlich für satte vier Millionen Dollar erstand.
„Es war ein bisschen tricky“, gibt der Geiger zu. „Ich musste an ein und demselben Tag meine Tom- Tayler-Strad verkaufen, um die neue Gibson-Strad zu erwerben. Aber ich wusste vom ersten Moment an, als ich dieses Instrument ausprobiert habe, dass es wie für mich bestimmt war.“ Das ist jetzt drei Jahre her, und seitdem gibt Bell seine Konzerte auch, um Schritt für Schritt diese Violine abzubezahlen. Hat er deswegen schlaflose Nächte? Joshua Bell winkt ab: „Das ist wie bei Müttern mit ihren Kindern. Zuerst spielen sie fast verrückt – und dann kehrt irgendwann doch der Alltag ein.“ Für ein anderes Hobby bleibt da nicht mehr so viel Kleingeld übrig: die schnellen Autos. Der Amerikaner ist bekennender Porsche-Fan, ein 911er Cabrio wäre sein Traum. Und die Vorstellung, ohne Geschwindigkeitsbegrenzung durch den Bundesstaat New York zu brausen. Derweil muss er sich damit begnügen, den Taxifahrern von New York City die Rücklichter zu zeigen, wenn er zwischen seinem Arbeitsplatz in der Carnegie Hall und seinem Loft in Down Town unterwegs ist.
Dort, mit Blick auf das Empire State Building, liebt es der Geiger, Hauskonzerte zu veranstalten – für 150 gute Freunde und Bekannte. Was sie dort zu hören bekommen? Vermutlich viel Kreisler, Sarasate oder Ysaÿe. Ein Revolutionär, ein intellektueller Tüftler und Raritätensucher ist der Geiger eher nicht. Er spielt die Sonaten von Brahms, Saint-Saëns und Richard Strauss. Oder die Evergreens von Beethoven bis Sibelius, angereichert mit Barber, Goldmark oder den gemäßigteren Zeitgenossen Nicholas Maw und Edgar Meyer. „Ich kann nur Werke überzeugend spielen, von denen ich auch selbst überzeugt bin“, bekennt Bell offenherzig. Kompositionen, die vor allem unsere chaotische Gesellschaft widerspiegeln? Lieber nicht. Quasi zum Silver Jubilee will er sich jetzt dem ersten Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch zuwenden; für 2007 ist das Debüt geplant. Auch Alban Berg, diesen Klassiker der Moderne, möchte der Geiger noch bis zum 40. Lebensjahr seinem Repertoire einverleiben. Sagt es und lächelt verschmitzt – bis dahin bleibt dem 37-Jährigen nämlich nicht mehr viel Zeit. Noch spielt er den lieben Jungen von nebenan. Aber mit 40 beginnt auch für Sonnyboys allmählich der Ernst des Lebens.

Neu erschienen:

Tschaikowski

Violinkonzert u.a.

Joshua Bell, Berliner Philharmoniker, Michael Tilson Thomas

Sony

Michael Horst, RONDO Ausgabe 3 / 2005



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