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(c) Herwig Prammer

Sinnliches im Seniorenwohnzimmer: Giovanni Paisiellos „Der Barbier von Sevilla“

Wien (A), Theater an der Wien

Ein Greis möchte sein reiches Mündel heiraten. Das ist eine der ältesten Komödienhandlungen der Welt. Gioachino Rossini hat daraus 1816 seinen Buffa-Erfolg „Der Barbier von Sevilla“ verfertigt. Der freilich geht zurück auf ein 1772 verfasstes, im vorrevolutionären Frankreich aufmüpfig die Befindlichkeit des bürgerlichen Standes thematisierendes Theaterstück des Dichters und Lebemanns Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799). Welches wiederum zehn Jahre später auf Befehl von Zarin Katharina der Großen von dem am St. Petersburger Hof weilenden Neapolitaner Giovanni Paisiello (1740–1816) vertont worden war. Diese sanftere, tiefsinnigere Version – und nicht den koloraturquietschigen Rossini-Hit – stellte jetzt Theater an der Wien-Intendant Roland Geyer an den Beginn seiner dort die nächsten Monate gezeigten Beaumarchais-Trilogie. Geyer plant gern in Dreiteilern, und er versucht den Mainstream zu meiden. „Kaum ein anderer Autor zeigt, wie sehr Theater Einfluss auf die Gesellschaft nehmen kann“, findet er. „Und mit der Figur des Figaro hat Beaumarchais das Theater verändert und geprägt.“ Deshalb der Tripel- Beaumarchais. Da folgt am 11. April Mozarts Fortsetzung der Familiengeschichte von Figaro und dem gräflichen Paar Almaviva mit Marc Minkowski, seinen Les Musiciens du Louvre und dem TV-Regisseur Felix Breisach. Ab dem 8. Mai wird dann die auch im Theater kaum mehr gespielte „Schuldige Mutter“ gezeigt, die die Saga zu einem melancholisch-sinistren Abschluss führt und die erst 1966 von Darius Milhaud vertont wurde. Beim Paisiello-Auftakt wurde freilich deutlich: Auch im Theater an der Wien regiert zuerst die Musik. René Jacobs und das Freiburger Barockorchester sind wunderbar beredte Klanganwälte dieser heiter-sinnlichen Musik mit vielen Mozart-Parallelen. Auch Andrè Schuen ist ein erdig proletarischer Glücksgriff in der Titelrolle. Ebenso Pietro Spagnioli, der den hier aufgewerteten Dottore Bartolo, der am Schluss statt Rosina immerhin einen Dackel bekommt, jenseits aller Komödienklischees charakterisiert. Dafür tritt der szenische Humor des Regieduos Moshe Leiser & Patrice Caurier im sepiabraunen Seniorenwohnzimmer eines franquistischen Sevilla auf der Stelle. Da rollt oft nur die Mottenkugel.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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