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Lizz Wright (c) Shervin Lainez

Jazzfest Bonn

Endlich wieder Hauptstadt

Provinzielles Provisorium war gestern: Mit seinem Jazzfest wirkt Bonn plötzlich ganz weltstädtisch.

Es ist schon verrückt: Als Bonn noch improvisierter Regierungssitz war, gab die Stadt ausgerechnet der improvisierten Musik kaum eine Chance. Staatstragende Repräsentationskultur war Trumpf im Hauptstadt-Provisorium, alles andere wurde mehr oder minder stiefmütterlich behandelt. Das hat sich 15 Jahre nach dem Berlin- Umzug der Behörden gehörig geändert: Während die etablierte Kultur in der ehemaligen Bundeshauptstadt überregional eher für Kopfschütteln sorgt – Stichwort: Beethoven-Festspielhaus –, entwickelt sich der Jazz gerade zum weit über die Stadtgrenzen hinaus sichtbaren Aushängeschild. Verantwortlich dafür ist das seit 2010 existierende Jazzfest Bonn, das sich spätestens im vergangenen Jahr mit Auftritten von US-Stars wie Saxofonlegende Wayne Shorter oder Sängerin Dianne Reeves in die Hauptstadt-Riege der deutschen Jazzfestivals spielte.
Unmittelbar verantwortlich für diesen Schub sind die in Bonn ansässigen Konzerne Telekom und Deutsche Post, die gemeinsam mit anderen Sponsoren den Großteil des Jazzfest-Budgets schultern. Aber auch indirekt spielen die Geldgeber, die ähnlich wie die nach Bonn gekommenen UN-Einrichtungen das neue Gesicht der Stadt prägen, eine wichtige Rolle: „Da gibt es jetzt eine große Weltoffenheit und einen Hunger nach Kultur“, sagt Peter Materna, künstlerischer Leiter des Bonner Jazzfests. Der Zuspruch gibt ihm recht: Die Konzerte des Festivals sind mit schöner Regelmäßigkeit kurz nach dem Vorverkaufsstart bereits ausverkauft.
Aufgrund seiner guten persönlichen Kontakte gelingt es dem Kurator, der selbst ein namhafter Saxofonist ist, immer wieder, Acts nach Bonn zu lotsen, die früher einen großen Bogen um die Stadt machten. Zudem hat Materna ein feines Gespür für Nachwuchstalente, die vor dem Sprung nach oben stehen. „Als Musiker arbeitet man ein Leben lang an inhaltlicher Qualität. Wenn man vor diesem Hintergrund ein Programm zusammenstellt, stellt man diese Ansprüche auch an die Kollegen. Das entsteht dann nicht am Reißbrett, sondern man fragt sich: Was ist so berührend, dass ich dafür selbst ins Konzert gehen würde?“, sagt Materna.
Einen zusätzlichen Anreiz für Festivalbesucher und Künstler gleichermaßen stellen die verschiedenen Veranstaltungsorte dar, an denen sich das Bonner Jazzfest präsentiert. Wie in den Vorjahren finden die Konzerte des vom 7. bis zum 15. Mai gehenden Festivals unter anderem in der Bundeskunsthalle, dem Haus der Geschichte oder im Beethovenhaus statt – mithin alles Orte, die ohnehin auf dem Pflichtprogramm jedes Bonn-Besuchers stehen sollten.
Auch der Jazzfest-Jahrgang 2015 wartet wieder mit einer klugen Mischung aus internationalen Stars und Newcomern auf. Auf den Auftakt mit Gitarristen-Altmeister Pat Martino folgen Konzerte von bekannten Namen wie Enrico Rava, Franco Ambrosetti, Lizz Wright oder Erik Truffaz, der mit der WDR Big Band auftritt. Zum Abschluss gibt es dann eine Weltpremiere in Bonn: Der Geiger Nigel Kennedy präsentiert erstmalig sein neues Jimi-Hendrix-Programm.
Materna freut sich sehr darüber, den quirligen Brückenschläger zwischen vermeintlich gegensätzlichen musikalischen Welten als Jazzfest-Höhepunkt verpflichtet zu haben. Eine veränderte Genre-Wahrnehmung ist schließlich auch das erklärte Ziel des Festivalleiters: „Es geht darum, dem Jazz den Stellenwert der Klassik zu geben.“ Im ehemaligen Hochkultur-Repräsentationsstandort Bonn fährt man sehr gut mit dieser Devise.


Jazzfest Bonn

7. bis 15. Mai
Programm auf www.jazzfest-bonn.de
Tickets: www.bonnticket.de oder
Tel +49 (02 28) 50 20 10


Josef Engels, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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