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(c) John Abbott

Cécile McLorin Salvant

Französische Afro-Amerikanerin

Clarté und Frische im schwarzen Jazzgesang bringt diese Sängerin zur Perfektion.

Sie ist so etwas wie die Oscar- Verleihung im Jazz, die jährliche internationale Kritikerumfrage des DownBeat, der wohl renommiertesten Jazzpublikation weltweit. Im vergangenen Jahr dominierte eine 25-jährige Sängerin die Ergebnisse. Gleich in vier Kategorien fiel die Wahl auf sie.
Ein gutes Jahr zuvor war diese Sängerin mit dem anglofranzösischen Namen Cécile McLorin Salvant noch weitgehend unbekannt gewesen, obschon sie den 2010 für Sängerinnen ausgeschriebenen, prestigeträchtigen Thelonious Monk Wettbewerb gewonnen hatte. In der Folge war sie schließlich zum Mack Avenue Label gekommen, und das veröffentlichte 2013 ihr amerikanisches Debüt, „WomanChild“. Mit dem vorzüglichen, um den Gitarristen James Chirillo erweiterten, modernen Mainstream-Trio des Pianisten Aaron Diehl mit Rodney Whitaker am Bass und Herlin Riley am Schlagzeug interpretiert sie neun Songs aus der schwarzen amerikanischen Tradition, die zum Teil weit ins 20. Jahrhundert zurückreichen, zwei Originals und eine eigene Vertonung eines tief bewegenden Gedichts der haitianischen Dichterin Ida Faubert. Aaron Diehl erweist sich dabei als ein idealtypischer Pianist vom Range eines Tommy Flanagan, dem jahrelangen Begleiter von Ella Fitzgerald.

Von Null auf Eins

Dieses „WomanChild“ betörte die internationale Kritikerriege des DownBeat. Sie kürten die CD zum Jazz-Album des Jahres und platzierten Cécile McLorin Salvant gleich zwei Mal auf Platz eins der Sängerinnen. Sie bekam eine Mehrheit in der uneingeschränkten Kategorie der Vokalistinnen, aber auch eine als Rising Star Vocalist; außerdem wurde sie zum Rising Star Jazz Artist gewählt.
Die Begeisterung der Kritiker kommt nicht von ungefähr: Betörend trägt Cécile McLorin Salvant alte und auch ungewöhnliche Songs mit einer ungeheuren Frische und Natürlichkeit vor und gestaltet sie aus einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Material, ohne Rückgriffe auf Scat-Effekte. Sie verfügt über eine warme, absolut intonationssichere Stimme, die immer wieder an Sarah Vaughan erinnert. Es ist da etwas, was Cécile McLorin Salvant anders klingen lässt als all die jungen amerikanischen Sängerinnen, und das hat etwas mit ihrer Sozialisation zu tun. In einem offenen, lockeren Gespräch mit dem Autor zeichnete sie diese nach.
Als Tochter eines Arztes aus Haiti und einer französischen Mutter, deren Wurzeln in die Gegend von Toulouse reichen, wurde Cécile in Miami, Florida, geboren, wo sie auch aufwuchs. Zuhause wurde Französisch gesprochen. Entscheidend für ihren Werdegang wurde ihre Mutter, die eine französischsprachige Schule betreibt. „Meine Mutter ist in Tunesien geboren. Sie ist immer viel gereist. Von überall brachte sie Musik nach Hause, und Jazz gehörte dazu. Von Kind an hörte ich die großen Jazzsängerinnen, vor allem Mamas Liebling, Sarah Vaughan. Aber mein Kindheitstraum war, klassische Sängerin zu werden. Sängerin zu sein, das stellte ich mir fantastisch und unglaublich spektakulär vor. Meine Mutter erkannte, dass ich verschiedene Talente hatte, aber nichts mit ihnen anfing. In bin nämlich eine sehr passive Person und ergreife nicht gern die Initiative. Das tat dann sie für mich. Als ich ungefähr vier war, sorgte sie dafür, dass ich Klavierunterricht bekam und zwang mich durchzuhalten, bis ich 18 war. Als ich 13 war, organisierte sie meinen ersten Gesangsunterricht, und als ich zum Studium nach Frankreich ging, hieß sie mich, neben meinen Vorkursen in Politologie und Jura, Jazz zu belegen und schleppte mich zum Jazzdozenten. Sie sorgte auch dafür, dass ich 2010 am Thelonious Monk Wettbewerb teilnahm.“

In’s Glück geschubst

Soweit, so gut. Es ist aber noch keine Jazz-Sängerin vom Himmel gefallen. „Bevor ich nach Frankreich ging, wusste ich sehr wenig über Jazz. In Miami konnte ich mir als Teenager nicht vorstellen, dass jemand noch Jazz spielte – vielleicht gerade noch Smooth Jazz oder Fusion, aber swingenden straight ahead Jazz? Nein. Schon allein deswegen war Jazzgesang für mich keine Option, aber ich wollte ohnehin klassische Sängerin werden. Das änderte sich mit meinem Jazzlehrer Jean-François Bonnel in Aix-en- Provence. Er weckte meine Neugier für Jazz, und weil ich ja wie gesagt oft geschubst werden muss, sagte er mir einfach, was ich gefälligst zu hören habe, und so entdeckte ich all die alten und zum Teil vergessenen Sängerinnen. Jura und Politologie gab ich schließlich auf und ging nur noch aufs Konservatorium. Dort widwidmete ich mich aber neben dem Jazz weiter meiner alten Liebe, der klassischen Musik. Französische Barockmusik ist meine große Leidenschaft. In meinem Klassikgesangsunterricht wurde mir klar gemacht, wie wichtig es ist, jedes Wort, jeden Satz selber genau zu verstehen und dann auch für die Hörer genau zu artikulieren. Ich denke, das hat auch auf meinen Angang im Jazzgesang abgefärbt.“
Im Zusammenhang mit ihrem Repertoire, das auch Songs aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts enthält, die mit ihren implizierten rassistischen Klischees aus heutiger Sicht nicht immer politisch korrekt erscheinen und vor allem in Amerika mitunter Stirnrunzeln auslösen, meint sie: „Ich glaube, das hat weniger mit meiner europäischen Erfahrung zu tun. Ich habe schon immer Sachen gemocht, die etwas verschroben oder absurd sind. In meiner Familie haben wir alle einen Sinn für das Absurde, und manche dieser sogenannten politisch inkorrekten Sachen sind so überdreht, dass sie wieder grotesk und komisch sind.“
Auf ihre Zukunft angesprochen erwähnt Cécile McLorin Salvant, dass sie jetzt in New York, in Harlem lebe, und dann schwärmt sie von dem Album, dessen Veröffentlichung noch ansteht und das im August 2014 mit einem Trio um den großartigen Pianisten Aaron Diehl aufgenommen wurde, der auch schon auf „WomanChild“ eine Schlüsselrolle spielte. „Die meisten Songs drehen sich um die Liebe; es sind etliche Songs von mir dabei. Das ganze Album ist etwas persönlicher, und es wird im Booklet viele Zeichnungen von mir geben. Die Trio- Besetzung mit Sängerin ist ja eine meiner Lieblingsformationen und zu Recht ein Klassiker. Ja, und dann will ich in Zukunft mehr komponieren, mehr über Musik lernen, über Harmonielehre. Ich will eine bessere Pianistin werden, mir das Handwerk des Arrangierens aneignen, ich will mehr zeichnen und malen. Und ich träume immer noch den Traum, Barockmusik professionell singen zu können, ohne meine Jazzkarriere aufgeben zu müssen. Jedenfalls nehme ich jetzt wieder Gesangsstunden. Und dann will ich auch selber unterrichten, will das, was ich gelernt habe, aus Dank anderen weitergeben, vor allem jenen, die keinen Zugang zum Jazz haben, ihn nicht mögen, weil sie ihn nie kennenlernen konnten.“

Neu erschienen:

WomanChild

Cécile McLorin Salvant

Mack Avenue/In-Akustik


Jazz-Land Frankreich

„Als ich nach Frankreich kam, war ich erstaunt über die Jazzfestivals, die im Gegensatz zu den sogenannten Jazzfestivals in Amerika tatsächlich Jazz im Programm haben. In Amerika treten bei diesen Festivals Leute wie Elton John auf; wie sollen da Heranwachsende erfahren, was Jazz ist? In Frankreich gibt es außerdem all die Clubs, die Jazz präsentieren; dann spielt Jazz im Radio eine wichtige Rolle. Jazz gehört viel mehr zum Mainstreambewusstsein als in den USA. Dort wird Jazz nicht sehr ernst oder zu ernst genommen, wird als lanweilig oder zu intellektuell angesehen. Zwar gibt es auch in Amerika leidenschaftliche Jazzanhänger, aber es sind nicht sehr viele.“


Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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