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Hausbesuch – Versailles

Es lebe der König!

Das Barockmusikherz Frankreichs schlägt bis heute in und um das Schloss von Versailles. Prächtige Klangperspektiven bietet daher auch die viertägige RONDO-Leserreise.

In den ersten Mai-Tagen des Jahres 1664 platzte die noch im Bau befindliche Schlossanlage von Versailles aus allen Nähten. Der zukünftige Hausherr Louis XIV. hatte zu einer einwöchigen Party geladen. Und um die mit großem Gefolge angereisten Blaublüter nach allen Regeln royaler Kunst zu unterhalten, ließ Louis sich von seinem Haus- und Hofpersonal wie Komponist Lully, Dichter Molière und Choreograf Beauchamp ein einziges Gesamtkunstwerkspektakel inszenieren. Unter dem Namen „Les Plaisirs de l’Ile Enchantée” ist dieses Festival in die Geschichte eingegangen, bei dem auch all die Brunnen, Kaskaden und Wasserspeier zur bewunderten Attraktion wurden.
Bis der französische Allmächtige mit seinem ganzen Hofstaat endgültig nach Versailles ziehen konnte, sollte es zwar noch bis 1682 dauern. Aber bereits mit dem glanzvollen Fest anno 1664 bewies Louis nicht nur Geschmack, sondern unterstrich seine absolute Liebe zur Musik. Und wer diente nicht alles unter ihm. An vorderster Front stand natürlich Jean-Baptiste Lully, der mit seinen Opern auch das französische Modell der „Trágedie lyrique“ salonfähig machte. Hinzu kamen etwa der Zaubergambist Marin Marais, der Lautenist Robert de Visée sowie die Kirchenmusiker Marc-Antoine Charpentier und Michel-Richard Delalande, die für die täglichen Messen von Louis XIV. in der Königlichen Kapelle zu komponieren hatten.
Auch nach dem Tod des Herrschers im Jahr 1715 blieb Versailles unter dem Nachfolger Louis XV. eine musikalische Hochburg. Wobei unter ihm bisweilen ein Inszenierungspomp gepflegt wurde, der selbst herrlichste Klänge in den Schatten stellte. Exemplarisch dafür stand die Aufführung der Huldigungsmusik „La princesse de Navarre“, die Rameau 1745 zu Ehren der Vermählung von Maria Theresia von Spanien mit dem Sohn von Ludwig XV. komponiert hatte. Über 40 Tänzer, 40 Sänger und 180 Darsteller waren dafür engagiert worden. Doch wie der düpierte Librettist und Ohrenzeuge Voltaire später bezeugte, wirkten die Darsteller „unter dem mächtigen Gewölbe wie Pygmäen. Und zu hören waren sie überhaupt nicht.“
Abseits des prunkvollen Spektakels und höfischen Zeremoniells entspannte sich der Versailler Adel aber stets auch gerne bei geselligen Festen unter freiem Himmel. Da wurde in zumeist ländlichen Kostümen geplaudert und geflirtet. Und bei den musikalischen Divertissements erklangen nicht selten Blockflöte, Dudelsack und Drehleier, die als die Instrumente der „musique champêtre“ (ländlichen Musik) galten. Und wer heute entlang der Kanäle und über das Grand und Petit Trianon bis in den entferntesten Gartenwinkel von Versailles promeniert, wird in eine ganz andere, eben ländliche Welt eintauchen, mit der Marie Antoinette diesem Lebensgefühl auch optisch Ausdruck gegeben hatte. Denn statt barocker und klassizistischer Repräsentationsarchitektur erwartet den Flaneur nun eine bäuerliche Idylle mit kleinem See und Häusern im normannischen Stil. Zwischen 1783 und 1788 hatte sich die Gattin von Ludwig XVI. dieses dörfliche Paradies erbauen lassen. Und gemäß dem von Jean- Jacques Rousseau ausgerufenen Motto „Zurück zur Natur“ frönte Madame dem idealisiert einfachen Dasein und war sich selbst nicht zu fein, die Kühe zu melken. Das friedvolle Landleben sollte aber abrupt beendet werden. 1789 stand das aufgebrachte Volk vor der Pforte, um das Königspaar zum Umzug nach Paris zu drängen. Damit verstummte vorerst auch Versailles für immer.

„Te Deum“ im Stresstest einer spätromantischen Exzess-Besetzung

Dass man hier jedoch mittlerweile wieder Barockmusik vom Feinsten hören kann, ist nicht zuletzt dem Centre de Musique Baroque de Versailles (CMBV) zu verdanken. Seit 1987 hat es sich das Institut zur Aufgabe gemacht, nicht nur jenen unüberschaubaren Partiturennachlass abzuarbeiten, der sich innerhalb eines Jahrhunderts unter den drei Regenten Ludwig XIV., XV. und XVI. aufgetürmt hat. Experten für die historische Aufführungspraxis wie William Christie, Christophe Rousset und Olivier Schneebeli arbeiten eng mit dem CMBV zusammen und präsentieren konzertant die neuesten Notenschätze ganzjährig im Versailler Schloss. Zwischendurch werden aber auch regelmäßig Einladungen an Kollegen ausgesprochen, mit exquisiten Repertoire-Ausgrabungen in der Königlichen Oper zu gastieren. So erlebt diesen Sommer die 1728 uraufgeführte Oper „Catone in Utica“ des Italieners Leonardo Vinci in Versailles ihre französische Erstaufführung. Und dieses Ereignis kann man jetzt im Rahmen einer viertägigen RONDO-Reise in einer Allstar-Besetzung live miterleben! Immerhin sind einige Partien mit den göttlichen Countertenorstimmen von Franco Fagioli, Max Emanuel Cencic und Valer Sabadus besetzt. Außerdem dirigiert Riccardo Minasi das phänomenale Alte Musik-Ensemble Il Pomo d’Oro. Doch diese Aufführung ist selbstverständlich nur einer von vielen Höhepunkten bei diesem außergewöhnlichen Versailles-Trip. So steht auch ein Tagesausflug nach Paris auf dem Programm, nebst Konzertbesuch in der neuen Philharmonie, die mit Berlioz’ „Te Deum“ sozusagen im Stresstest einer spätromantischen Exzess-Besetzung in Augen- und Ohrenschein genommen werden kann. Wieder zurück im einstigen Machtzentrum Frankreichs, kann man aber nicht nur durch die herrlichen Gärten von Versailles spazieren und den Wasserspielen lauschen. Zu Ehren des vor genau 300 Jahren verstorbenen Sonnenkönigs dürfen selbst eingefleischte Republikaner vor seinem übergroßen Reiterstandbild durchaus für einen Moment andächtig verweilen.

Neu erschienen:

Marc-Antoine Charpentier, Michel-Richard Delalande, Jean-Philippe Rameau

Te Deum – Festliche Musik am Hof von Versailles

Musiciens du Louvre, Marc Minkowski, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner u.a.

Erato/Warner

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2015



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