Startseite · Konzert · Musikstadt

Brot und Spiele

Musikstadt: London

Die Anschläge des 7. Juli erschütterten auch Londons Musik- und Theaterwelt. Aber nur für einen Abend. The show must go on. Und die ist grandios in Englands Hauptstadt. Wohin man gehen sollte, was man auf keinen Fall versäumen darf, das hat Jochen Breiholz in diesem Sommer für RONDO unter die Lupe genommen.

Tea Time im Savoy. Clotted Cream und Orangenmarmelade auf warmen Scones. Und natürlich Gurkensandwiches, die dürfen nicht fehlen. Dunkelrote Marmorsäulen, antikes Mobiliar, Lederfauteuils, kerzenschimmernde Lüster, Teppiche zum Drinversinken. Schon nett. Fast so gut wie die Toiletten. Die sind nämlich der Kick im Savoy. Weil wir da zwischen goldenen Armaturen und kristallenen Spiegeln abgebürstet werden. Von einem Butler in Livree. Mit weißen Handschuhen. Sehr diskret, versteht sich. Very British. Wahrscheinlich darf der gar nicht reden. Tut er aber doch. Allerdings erst, nachdem wir ihn gefragt haben, was die beste Show im West End sei. „Billy Elliot“ sagt er, das sagen alle. Zum Glück haben wir dafür schon Karten.
Zehn Tage London, davor und danach. Chaos am King's Cross: Was wäre gewesen, wenn wir die U-Bahn eine halbe Stunde früher genommen hätten? Die Metropole im Schockzustand, da hilft auch die Kunst nichts mehr: Am 7. Juli sind zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg alle Theater und Konzertsäle geschlossen. „Otello“ am Royal Opera House Covent Garden fällt aus. Wird drei Tage später nachgeholt. Sich nach den Anschlägen wieder in die U-Bahn zu trauen: reine Nervensache. 72 Stunden danach heißt es wieder business as unusual. Irgendwie. Fast überall.
Vergessen lässt sich das mulmige Gefühl Abend für Abend im Dunkel des Zuschauerraums. Licht aus, Spot an: Er fällt auf Brooke – „Die blaue Lagune“ – Shields als Roxie Hart in „Chicago“. Wie die mit den Fingern schnippt! Endlos die Beine. Und diese Andeutung eines mörderischen Lächelns: absolut perfekt. Wie alles an dieser Produktion. Singen kann Brooke auch, wer hätte das gedacht. Trotzdem, wenn’s hart auf hart kommt, entscheiden wir uns für Ewan McGregor in „Guys and Dolls“, der swingt besser. Und hat mindestens so viel Sex-Appeal wie seine Bühnenpartnerin, „Ally McBeal“-Star Jane Krakowski.
Aber halt: Nicht vom Thema abschweifen. Das haben wir allenfalls erst gestreift, immerhin fiel mal kurz der Titel einer Verdi-Oper. Also raus aus dem Piccadilly Theatre und hin zur hohen Kunst. „Rigoletto“ am Covent Garden, mit Rolando Villazón als Duca und Dmitri Hvorostovsky als Hofnarr. Schräg vor uns im Parkett zwängen sich drei Frauen auf zwei Plätze, das Haus ist überausverkauft. Den Italiener hinter uns hält nichts mehr, der singt mit, erst bei Monterones donnerndem „Ti maledico!“, dann bei allen folgenden Variationen von „la maledizione“. Das stört niemanden. Irgendwie scheinen an diesem Abend alle kurz davor zu sein, mitzusingen. Oder am besten gleich auf die Bühne zu stürmen. Nach jeder Arie braust ein Aufschrei durch den Saal, haltloser Jubel, Opernzirkus.

Brot und Spiele. Sushi und Verdi.

So ähnlich muss das damals im Kolosseum im alten Rom gewesen sein: Brot und Spiele. Sushi und Verdi. Die Musik ist besser und das Blut nicht echt. Der eisgekühlte Chardonnay spült den Lachs runter, ein letzter Schluck, zurück in den rotsamtenen Prunksaal durch die „Vilar Floral Hall“. Lange wird dieses Glashaus-Foyer nicht mehr den Namen des großen Sponsors tragen. Immerhin ist Alberto, der Philanthrop, gerade mit Mühe und Not (und mit viel Geld von Valery Gergiev, der sich maßgeblich an der Kaution beteiligt hat) wieder aus dem Gefängnis entlassen worden, das macht sich nicht gut für ein Opernhaus von Weltrang. Das Covent-Garden- Programm für Nachwuchssänger, ursprünglich auch nach Vilar benannt, heißt jetzt „The Jette Parker Young Artists Programme“. So schnell geht das.
Zurück zu Rigoletto und Rolando, auf die Plätze, fertig, zweite Runde, los! Der Duca als machiavellistischer Fürst, egozentrisch, rücksichtslos, brutal, kein Opernheld, kein hübscher Tenorino, sondern ein Machtbesessener, der über Leichen geht. Und über Frauen. Schon im ersten Bild – in David McVicars Inszenierung eine fellinieske, triebtriefende Massenorgie – hatte er dazu reichlich Gelegenheit. Die Renaissance- Roben hängen den Hofdamen nur noch lose um die Hüften, und Villazón greift zu. Er singt die Partie zum ersten Mal außerhalb Mexikos. Und hat seinen Spaß. Jetzt also mit Maddalena: Zur Sache, Schätzchen. Kein Wunder, dass die schwach wird. Wem „La donna è mobile“ so mühelos strahlend schön von den Stimmbändern geht, der darf sich seines Erfolgs sicher sein. Seit 1732 steht an dieser Stelle ein Theater. Das jetzige Gebäude wurde 1858 eröffnet. Caruso, Nellie Melba, Rosa Ponselle, Kirsten Flagstad, Lauritz Melchior, Lotte Lehmann und Maria Jeritza hinterließen hier ihre Spuren, in ihren berühmtesten Rollen hängen sie an den Wänden der Gänge, das Goldene Zeitalter in Schwarzweiß, grandiose Posen, den verklärten Blick am Betrachter vorbei in die Ferne gerichtet. Joan Sutherland, Dame Joan, La Stupenda, begann hier ihre Weltkarriere – als Erste Dame in der „Zauberflöte“, Woglinde im „Rheingold“ und Aufseherin in „Elektra“. Erst 1959, da war sie schon sieben Jahre Ensemblemitglied, wurde Sutherland als Lucia di Lammermoor über Nacht zum Star und fortan in einem Atemzug genannt mit Birgit Nilsson, Renata Tebaldi, Maria Callas – Covent-Garden-Königinnen der Sechziger. Damals, als der Chefdirigent des Hauses Georg Solti hieß. Und Luchino Visconti sich mit „Don Carlo“, „La traviata“, „Il trovatore“ als Opernregisseur verewigte. Franco Zeffirellis legendäre „Tosca“, 1964 für die Callas entworfen, überlebte sie alle: 40 Jahre blieb die Produktion auf dem Spielplan.
Covent Garden ist gefährlich. Nein, nicht das Viertel, in dem früher die Halbwelt regierte, Huren auf dem Kopfsteinpflaster patrouillierten und Eliza Doolittle ihre Blumen verkaufte, bis sie Professor Higgins traf. Das Opernhaus selbst. Weil es süchtig macht. Weil es die Sinne verdirbt für alles, was nicht Covent Garden heißt. Weil es perfekt ist. Das Niveau der Aufführungen vom Orchester über die Solisten einschließlich der Comprimarii bis zum Chor übertrifft das der meisten internationalen Häuser mit Leichtigkeit. Die Produktionen – auch wenn sie sich, wie Elijah Moshinskys „Otello“, seit fast 20 Jahren im Repertoire befinden – sind vorbildlich geprobt. Bühnenbilder und Kostüme sehen aus, als läge die Premiere gerade zwei Wochen zurück. Keine Staubschicht, keine abgeblätterte Farbe, keine Risse in der Leinwand. Kein Zufall.
Überhaupt, dieser „Otello“. Die Schlange für Restkarten geht einmal ums ganze Haus, eine Nacht auf Liegestühlen mit Thermoskanne für viele. Es lohnt sich. Überwältigend schon das erste Bild, der nächtliche Sturm überm zyprischen Hafen, hollywoodreif. Antonio Pappano, seit 2002 Musikdirektor des Hauses, peitscht das Orchester auf, dass wir uns die Gischt von den Brauen wischen. Moshinskys Inszenierung ist genau gearbeitet, auch und gerade in dieser Massenszene. Opulent, stilsicher, „historisch“ die Ausstattung. Ben Heppners Mohr von Venedig: naturgewaltig. Lucio Gallos eleganter Jago: kein finsterer Bösewicht, sondern ein kühler Kopf, der sanft lächelnd tödliche Worte in Otellos Ohr träufelt. Und dann Renée Fleming als Desdemona. Vielleicht ihre beste Rolle. Keine andere singt, spielt diese Partie wie sie. Nicht als passiv Leidende, sondern als starke Liebende. Die sich auch schon mal über die Partitur hinwegsetzt, wenn es dem dramatischen Ausdruck dient: „Non son ciò che esprime quella parola orrenda“, das schreit sie Otello selbstbewusst aufbegehrend und doch schon am Rande der Verzweiflung entgegen, als der sie als „cortigiana“, als „Hure“ bezeichnet. Flemings Desdemona besitzt eine ungeheure emotionale Fallhöhe, ein unendliches Spektrum an Nuancen, darstellerisch wie musikalisch. Ihr „La canzon del salice“ und das „Ave Maria“: Balsam. Pure Schönheit. Können wir danach je wieder in „Otello“ gehen?

Wer Party will und dabei nicht auf E-Musik verzichten kann, der geht in die Royal Albert Hall.

Verschieben wir die Antwort. Schließlich gibt es in London genug Ablenkung. Auf dem Dancefloor des Café de Paris zum Beispiel. Eine Stunde House, dann geht’s ins China White. Hier sollte man jemanden kennen, der jemanden kennt. Die Schlange am Eingang ist lang und der Türsteher unbestechlich: Members only. Ausnahmen bestätigen die Regel. Unbedingt den Long Island Ice Tea probieren. Der klingt harmloser, als er ist, und besteht größtenteils aus Wodka. Zum Chill-out ziehen wir ins Heaven. Um fünf Uhr morgens ist Verdi weggetanzt. Na ja, nicht ganz, um ehrlich zu sein.
Wer Party will und dabei nicht auf E-Musik verzichten kann, der geht in die Royal Albert Hall. Alfred Hitchcock filmte hier den Showdown von „The Man Who Knew Too Much“, schnelle Schnitte zwischen Doris Day und dem Gewehrlauf, der sich am Vorhang der Loge gegenüber vorbeischiebt. Doris Day schreit, der Attentäter schießt, das Opfer: tot. Zum Glück wurde die Tonspur getrennt aufgenommen. Sonst hätten wir am Ende noch gemerkt, wie problematisch die akustischen Verhältnisse im Saal sind. Dieses berüchtigte Echo! Lange hieß es, die Halle sei der einzige Ort im Königreich, wo ein britischer Komponist sein Werk zweimal hören könne. Durch fliegende Untertassen aus Fiberglas, unter der Decke montiert, ist diese Gefahr inzwischen gebannt. Die Royal Albert Hall, 1871 von Queen Victoria eingeweiht, fasst 7000 Menschen. Ursprünglich, vor dem Zeitalter feuerpolizeilicher Sicherheitsbestimmungen, waren es sogar 9000, die zur Last Night of the Proms mit dem Union Jack in der Hand „Rule, Britannia!“ grölten. Neben klassischen Konzerten, Ballett und Oper werden hier auch Rockkonzerte und Boxkämpfe veranstaltet. Ganz zu schweigen von Tanz-, Tennis- und Sumo-Ringer- Meisterschaften. Und den Auftritten des Cirque du Soleil.
Vielgesichtiger als die Royal Albert Hall ist das Barbican, dieses ästhetisch gewöhnungsbedürftige Beton-Labyrinth nördlich der Themse. Ein gewaltiger Kunstkomplex, Europas größter, der in den 70er Jahren schlappe 161 Millionen Pfund Baukosten verschlang (das entspricht heute 400 Millionen) und seit 1982 mit einer kaum zu überbietenden Fülle aus Musik, Theater, Tanz und Film lockt. Allein das Konzertprogramm liest sich wie ein „Who’s who“ der Klassik-, Jazz- und Weltmusikszene. Kein Künstler von Rang, der hier nicht auftritt. Die Berliner Philharmoniker ebenso wie McCoy Tyner und Ibrahim Ferrer.
Das South Bank Centre auf der anderen Seite des Flusses bildet das architektonische Pendant zum Barbican: grauer Schalenbeton auch hier, irgendwann war das mal en vogue. Die Royal Festival Hall, bis Anfang 2007 zwecks Renovierung geschlossen, ist dort untergebracht. Nebenan graut das National Theatre mit seinen drei Bühnen. Dessen Foyers katapultieren uns 30 Jahre zurück, die Lampen und der Teppich sind so Vintage Seventies, dass sie in ein Design-Museum gehören. Und sie sind vergessen, sobald „Henry IV“ beginnt. Sprache bedeutet hier alles. Shakespeare-Musik, Sinfonie der Worte, beinahe besser als jedes Konzert. Eigentlich könnten wir die Augen schließen, so schön ist das. Wenn das Spiel nicht ebenso brillant wäre wie die Textarbeit. Und die Kostüme so … so mittelalterlich dunkel leuchtend (brokatschimmernd, wenn’s höfisch wird), 14. Jahrhundert eben. Das Stück sollte umbenannt werden. In „Falstaff“. Michael Gambon, britische Bühnenlegende und Professor Dumbledore im neuesten „Harry Potter“- Film, lebt diese Figur bis in den letzten Winkel seines vorgeschnallten Wanstes hinein. Jeder Vers, jede Silbe, jede Geste: pralles Theater. Eigentlich müsste der alle Rollen spielen, zutrauen würden wir ihm das sofort. Der Mann neben uns denkt genauso. Er nippt an seinem Rotwein, das darf man hier während der Vorstellung. Am Abend zuvor sei er in der Wigmore Hall gewesen, sagt er: kathartisch, einfach kathartisch. Aber nicht so sinnlich wie Shakespeare. Sag ich. Er stimmt zu: Sir John lebe hoch.
Also Wigmore Hall. Die hieß ursprünglich Bechstein Hall, wurde von der deutschen Klaviermanufaktur direkt neben ihrer Londoner Niederlassung gebaut und 1901 eröffnet. Am Flügel: Ferruccio Busoni. Innerhalb weniger Jahre avancierte sie zum Juwel unter den Konzertsälen, bis zum Ersten Weltkrieg, da hatten Deutsche in London nichts zu lachen. Die Bechsteins mussten verkaufen und den Laden schließen. Nach dem Krieg ging der Höhenflug weiter, jetzt unter neuem Namen. Elisabeth Schwarzkopf, Sergej Prokofjew, Paul Hindemith, Benjamin Britten, Francis Poulenc – und so ungefähr alle Liedsänger und Kammermusiker von Bedeutung gaben und geben sich hier die Messingklinke in die Hand: Wigmore Hall ist weltweit eine der ersten Adressen, wer hier auftritt, hat’s geschafft.
Was sich gutwillig inzwischen auch von der English National Opera sagen lässt, nur wenige Blocks von Covent Garden entfernt. Das zweite Haus am Platz, das in den 30er Jahren als Sadler’s Wells Opera begann, seit Ende der 60er Jahre im (gerade makellos renovierten) Coliseum residiert und alle Werke in englischer Sprache spielt, versteht sich als progressives Regietheater und hat sich in jüngster Zeit mit ambitionierten Mammutprojekten wie Berlioz’ „Trojanern“ und Wagners „Ring“ profiliert. Die neue Spielzeit wird mit der Uraufführung von Gerald Barrys Adaption des Fassbinder- Films „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ eröffnet, Richard Jones führt Regie.
Schräg gegenüber vom Coliseum, im Duke of York's Theatre, langweilt sich Hedda Gabler nach sechsmonatiger Hochzeitsreise in ihrem bür-gerlich-akademischen Alltag und ersehnt die große Tat, die diese Ibsen’sche Tristesse aufhellen könnte, aus dem Lauf einer Pistole. Hedda, eine Fassbinder- Frau? Ohne Musik. Das heißt: Sprachmusik auch hier. Und stärker noch bei „The Philadelphia Story“, der Bühnenversion des Hollywood- Klassikers von 1940. Kevin Spacey ist phänomenal in der Cary-Grant-Rolle des C. K. Dexter Haven: sehr stylish, sehr classy. Keine Zeile ohne doppelten Boden. Aber dann ist da noch „Billy Elliot“. Der Butler im Savoy hatte Recht: Es ist die beste Show in der Musikmetropole London, Sir John sei Dank, Elton John. Und die Geschichte unschlagbar. Fast so gut wie die von Otello und Desdemona.

Jochen Breiholz, RONDO Ausgabe 4 / 2005



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Duftnoten

Nachrichten und Meinungen aus der Musikwelt

Von David Beckham, Madonna und David Garrett weiß man inzwischen, wie sie riechen. In schicken […]
zum Artikel »

Blind gehört

Vadim Gluzman: „Was ich spiele, entscheidet mein Bauch“

Seit einigen Jahren bereits genießt Vadim Gluzman ein selten gewordenes Privileg: Carte blanche […]
zum Artikel »




Top