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Zebra auf Zickzackkurs

Das Label "Zig-Zag Territoires"

Acht Jahre ist es her, dass die ersten Zebras in den französischen Plattenläden auftauchten, und inzwischen sind sie zu einer stattlichen Herde angewachsen: Etwa 30 neue Titel bringt „Zig-Zag Territoires“, das Label von Sylvie Brély und ihrem Kompagnon Franck Jaffrès, jährlich heraus.

Ach ja, das Zebra. Sylvie Brély lächelt geduldig, als die Rede auf das Wappentier ihres Labels kommt. „Eigentlich war das die Idee der Malerin, die unsere Cover entwirft. Sie meinte, das Zebra mit seiner unbezähmbaren Energie und seinem Freiheitsdrang würde einfach zu uns passen.“ Die Aufnahmen mit Künstlern wie dem flämischen Pianisten Jos van Immerseel, der Cembalistin Blandine Rannou und der Geigerin Chiara Banchini haben die CDs mit dem Streifentier auch in Deutschland bekannt gemacht. Ein Erfolg, hinter dem nicht nur harte Arbeit steckt. „Es hat uns immens geholfen, dass gleich unsere erste CD ,Une Soirée chez les Jacquin‘ ein Hit geworden ist“, gibt Brély zu. „Schon in den ersten drei Monaten hat sich das Album mehrere Tausend Mal verkauft, und mit dem Geld, das zurückkam, konnten wir die nächsten Projekte finanzieren. Wir hatten einfach eine Menge Glück und haben von dem besonderen Klima des französischen Marktes profitiert, auf dem sich neue CDs sehr schnell verkaufen. In Deutschland, wo alles viel langsamer läuft, hätten wir vermutlich nicht durchgehalten.“
Der Laden läuft also – reich werden kann man mit diesen Klassik-CDs allerdings nicht. Noch immer ist Zig-Zag ein Zwei-Personen- Unternehmen, bestehend aus der ehemaligen Flötistin und Bankangestellten Brély und dem Tonmeister Jaffrès, die jede neue Aufnahme in Handarbeit herstellen. Und vermutlich wollen die beiden das auch gar nicht anders: „Zig-Zag war für uns die Erfüllung unserer Lebensträume. Wir waren damals beide in den Dreißigern, und standen an persönlichen Wendepunkten. Ich merkte, dass mein Platz nicht in der Bank, sondern unter Künstlern war, und Franck war zu der Überzeugung gelangt, dass er sein Ideal einer CD nur mit einem eigenen Label verwirklichen konnte“, erzählt Brély. Als sich die beiden trafen, stimmte die Chemie: In tagelangen Diskussionen wurden Projekte entworfen und Finanzierungsmöglichkeiten eruiert. Nur über eines waren sich Brély und Jaffrès sofort klar: Ihre CDs sollten keine bloßen Datenträger sein, sondern kleine Kunstwerke, entstanden aus der gegenseitigen Inspiration von Musikern und Produzenten.
Und dieser Anspruch ist bis heute geblieben: sowohl optisch durch die eigenwillig verspielten Cover der Malerin Anne Peultier als auch akustisch. Denn statt nach einem „objektiven“ Klang zu suchen, bekennt sich Jaffrès offen zur künstlerischen Mitverantwortlichkeit des Tonmeisters. „Ich will die Musiker aufnehmen und nicht die Instrumente“, erklärt er selbstbewusst, „Aufnahmen sind für mich wie Porträts von Freunden, bei denen ganz unterschiedliche Charakterseiten zum Vorschein kommen.“ Für jede der fünf Aufnahmen mit der Cembalistin Blandine Rannou habe er einen anderen Klang gefunden: eine großzügige, an Orgelaufnahmen angelehnte Akustik für die Bach-Toccaten, einen intime, feinzeichnende Perspektive für die französischen Suiten. Dieser Wille zum Persönlichen erklärt auch das bunt gemischte Programm des Zig-Zag-Katalogs. Wichtig, betonen Brély und Jaffrès, seien nicht die Werke, sondern die Künstler, die hier das aufnehmen dürfen, was ihnen am Herzen liegt. Der Erfolg gibt den beiden Idealisten Recht. Und auch die Idee mit dem Zebra ist am Ende gar nicht so extravagant: Schließlich hat ein anderes Label sogar einen Hund im Logo. Und das seit über 100 Jahren.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2005



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