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Elīna Garanča

Blondes Gift

Elīna Garanča ist heute die verlässlichste Mezzo-Sopranistin unter der Sonne des Nordens. Und die am höchsten gehandelte. Ihre Carmen sorgte für Aufsehen – passt denn das, die blonde Lettin und Bizets glutvolle Zigeunerin? Für Garanča kein Widerspruch, denn auch Carmen ist in der Oper eine Außenseiterin. Ihren Erfolg verdankt die Sängerin übrigens nicht nur ihrer Professionalität und ihren stahlblauen Katzenaugen – sondern vor allem ihrem feinen, roséweinklaren Timbre und dem Bewusstsein, niemals zu früh zu viel geben zu dürfen. Robert Fraunholzer hat die Wahl-Spanierin für RONDO getroffen.

Also: nicht kühl. Elīna Garanča hat es satt, immer wieder als distanziert, unterkühlt oder sogar berechnend charakterisiert zu werden. »Das ist kritisch gemeint!«, faucht sie, als man sie nach dem Grund für die häufig anzutreffende Beschreibung fragt. »Ich lächle nicht auf allen Fotos«, gibt sie zu. Aber das habe nichts mit Gefühllosigkeit oder gar Arroganz zu tun. »Ein Künstler braucht ein Geheimnis!«, so Garanča. Und dieses Geheimnis suche sie durch Zurückhaltung, durch ein gewisses Maß an Unnahbarkeit zu erreichen. Sie hat Recht.
Längst rangiert ihr Name auf CD-Covern nicht mehr unter, sondern gleich neben denen von Anna Netrebko oder Jonas Kaufmann. Neben Spitzengagen für internationale Opernauftritte berechnet sie mittlerweile eine spezielle Openair-Gage, wenn sie in Stadien oder Waldbühnen für volle Kassen sorgt. Das Zurückgesetztwerden gegenüber Primadonnen, über das sich Mezzo- Sopranistinnen früher gern beklagten, hat sie längst nicht mehr zu gewärtigen. Sie ist auch die einzige, die es sich leisten kann, als »blonde Carmen« selbstbewusst auf eine schwarzhaarige Perücke zu verzichten.
»Ich lebe in Spanien«, so Garanča, »und weiß, wie viel naturblonde, blauäugige Spanierinnen es gibt. Gehen Sie mal nach La Coruna oder San Sebastian!« Carmen sei in der Oper von Georges Bizet noch dazu eine Außenseiterin. Auch deswegen sei eine blonde Zigeunerin durchaus denkbar. Und was solle sie schließlich anderes tun? »Eine Wikinger-Kopie wie ich!«
Die 1976 in Riga geborene Mezzo-Sopranistin studierte in ihrer Heimat, in den USA und Amsterdam, bevor sie in Meiningen und Frankfurt am Main erste Engagements antrat – und nebenbei vorzüglich Deutsch lernte. Für Ioan Hollender, der ihr Talent erkannte, war sie jahrelang eine preiswerte Ensemblekraft an der Wiener Staatsoper, wurde Publikumsliebling in Wien als Cherubino, Rosina und Charlotte (in Massenets »Werther«). Sie hat sich hochgearbeitet – und den Stallgeruch großer Häuser angenommen, bevor sie sich souverän in die Umlaufbahn internationalen Star-Rummels katapultieren ließ.
Zum Erfolg trugen nicht nur ihre Vielseitigkeit, ihre Professionalität sowie stahlblaue Katzenaugen bei – sondern ein stimmlicher Mezzo-Mix aus Roséwein- Klarheit, Erotik und dem Bewusstsein, niemals zu früh zu viel geben zu dürfen. »Ich war immer sehr fasziniert von Grace Kelly, von Cathérine DeDeneuve und Marlene Dietrich. Viel mehr als von Audrey Hepburn, die mir zu attraktiv erscheint und mir zu viel lacht.«
Als blondes Gift, als »sophisticated girl«, entdeckte Garanča eine Marktlücke für sich. Und traf wichtige Förderer. Die legendäre Christa Ludwig fand Gefallen an der jungen Lettin, und berät in Rollen-Fragen. Die Ähnlichkeit mit dem dunkel-klar funkelnden Timbre von Tatiana Troyanos wurde Garanča oft rühmlich nachgesagt. Keine Frage, dass sie nicht nur eine herausragende, sondern eine prägende Sängerin ihrer Generation ist.
Mit ihren Alben hatte sie nicht immer Glück. Dem Lob der Buntheit konnte man sich bei der allzu vermischten CD »Aria cantilena« und auch bei ihren spanischen Ausflügen nicht vorbehaltlos anschließen. »Die besten Titel für eine neue CD sind meist gerade weg«, so Garanča über die Schwierigkeit, für Konzeptalben den richtigen Namen zu finden. »Romantique« heißt ihr neues Album. »Dieser Titel muss heutzutage nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien und Frankreich funktionieren. Und neu sein!«
Prompt finden sich unter dem sehr allgemein gehaltenen Motto nicht nur französischer Belcanto von Donizetti (»La Favorite«), nicht nur Entdeckenswertes von Charles Gounod (»Sapho«, »La Reine de Saba«, »Faust«) und Édouard Lalo (»Le Roi d’Ys«), sondern auch Hits wie die große Arie aus »Samson et Dalila«. Quer durch den Garten geht’s weiter zu »Jeanne d’Arc« von Tschaikowsky und »Giulietta e Romeo« von Nicola Vaccai.
Auf ihrem neuen Album hat Garanča nochmals ein ordentliches Quantum erotischen Orgelns zugelegt. Die Stimme ist größer – und gerader geworden, was einen androgynen Eindruck verstärkt. Man hört, wie sehr diese Sängerin, die privat mit dem Dirigenten Karel Mark Chichon verheiratet ist, auch vokal die Hosen anhat und weiß, wo der Hammer hängt. Die Top-Töne sind stabiler, die Mittellage ist runder geworden, meint sie selber. »Ich habe immer zwischen allen Stühlen gesessen – oder auf zwei gleichzeitig«, ulkt sie.
Wie die meisten jungen Sängerinnen denkt sie über einen Fortschritt ins schwere Fach nach. Christa Ludwig hat ihr Fidelio, Lady Macbeth und Santuzza (in »Cavalleria rusticana«) für den Urlaub eingepackt. »Nach der Geburt meiner Tochter ist mir, glaube ich, eher nach weiblicheren Rollen. Auch das Cover meiner CD soll mehr Weichheit, mehr Weiblichkeit zeigen«, so Garanča.
Eine Weile moderierte sie die »ARTE Lounge« im Fernsehen, empfand sich aber als nicht richtig in ihrem Element. Selbstbewusst gab sie die Sache wieder auf. »Ich bin zu altmodisch für das Format, wo Pop, Jazz und Klassik nebeneinander stehen«, so Garanča sehr offen. »Ich brauche auch mehr Moderationserfahrung. « Ihrem Image der Unnahbarkeit widersprechend, zeigt sich Garanča im Gespräch grundsätzlich sehr ehrlich und unverstellt, selbst gegenüber Kritikern, die bisweilen ungeduldig auf sie reagierten. Nach einem Karrierestart, der eher über die vermischten Seiten der »Yellow press« erfolgte und ganz auf Sex, erotische Fotos und das Image der kühlen Blonden setzte, hat sich Garanča einen Ruf von Nachhaltigkeit und höchster Verlässlichkeit erworben. In Berlin singt sie demnächst in »Les Troyens«. An die New Yorker Met kehrt sie mit ihrer signature role, dem Sesto in Mozarts »Clemenza di Tito« zurück. In Wien erwartet man sie zurück als Carmen sowie im »Werther«.
Wohnen mag sie in Wien nicht mehr, sondern teilt die Lebensmittelpunkte zwischen Südspanien und ihrer Heimatstadt Riga, wohin sie – auch der Familie zuliebe – zurückgekehrt ist. Hier probiert sie noch immer ihre wichtigsten Rollen aus, hier wurde sie auch ausgebildet; und zwar von ihrer Mutter, gleichfalls Sängerin. Anita Garanča, die ihre Tochter ähnlich unterrichtete wie früher die Mütter von Cecilia Bartoli oder Christa Ludwig, hat in Riga eine Gesangsprofessur inne.
Mütter können oftmals nicht loslassen. Wenn Elīna Garanča an der New Yorker Met eine Rolle singt, die weltweit in die Kinos übertragen wird, dann geht Anita Garanča, die Mutter, in Riga ins Kino und schaut sich ihre Tochter an. In der Pause ruft sie in New York an! »Sie sagt mir, was ich besser machen soll, und kann das Ergebnis direkt im Kino begutachten.« Wenn die Mutter mit der Tochter ...
Heute ist Elīna Garanča unter den Mezzo-Stars nicht nur die ‚Kühle mit Schuss’ – also das erotischste Blondgift unter der Sonne des Nordens. Sie hat sich an die Spitze ihres Fachs vorgesungen. Als Wikinger-Carmen. Als blonde Katze mit Mezzo-Biss. Unvergleichlich.

Diverse

Romantique

Elīna Garanča, Filarmonica del Teatro Comunale di Bologna, Yves Abel

DG/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2012



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