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Entkommen gilt nicht

Musikstadt: Salzburg

Salzburg rüstet sich zum großen, permanenten Fest: „Mozart 2006“ heißt das Schlagwort. Am 27. Jänner 1756, also vor 250 Jahren, wurde im Haus Getreidegasse 9 der größte Sohn der kleinen Stadt geboren: Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart, dem erst später das mittlerweile welt- und filmberühmte „Amadeus“ zuwuchs. Und das muss gefeiert werden.

Natürlich weiß der gewachsene, zugereiste oder gelernte Salzburger längst mit seinem Heros umzugehen. Er geht ihm am besten aus dem Weg. Die Heerscharen von Touristen, die sich vor dem Geburtshaus stauen, nimmt er in Kauf und steuert gewandt durch die Massen, so ihn sein Weg in die Altstadt führen muss. Zur Salzburger Festspielzeit, also seit 1920 jeden Sommer, fährt er nach Möglichkeit in den Urlaub und hinterlässt, so er hat, seine Wohnung oder sein Haus profitablen Festspielkünstlern. (Musikkritiker sind ausgenommen; sie haben da zu sein, wenn alle Welt da ist – und sie sind es gerne, denn wo sonst ist die kulturelle Weltspitze so dicht zugegen wie in Salzburg, und das nicht nur zu Festspielzeiten?) Im Winter, da fährt der Salzburger am besten Ski, wenn für eine Woche die Mozart- Freunde und -Verehrer aus aller Welt den Geburtstag feiern und auf den Ruf der Internationalen Stiftung Mozarteum hin zur alljährlich seit 1956 stattfindenden „Mozartwoche“ zusammentreffen. Und im Übrigen lässt sich ja ganz nebenbei von den „Tantiemen“ dieses prächtigen Rufs gut leben. Also hat der Salzburger ganz gewiss auch nichts gegen „Mozart 2006“. Es wird nicht weiter stören. Im Ernst: Willkommen sei die (Musik-)Welt. Es ist hergerichtet. Seit Monaten herrscht Hochbetrieb in der Bauwirtschaft. Es wird gegraben, renoviert, saniert, neu gebaut, neu asphaltiert. Während des Mozart-Jahres, da herrscht nämlich Bauverbot. Und so muss alles auf einmal erledigt sein. Man putzt sich heraus – und frisch geteerte Straßen braucht man auch für die Straßen-Rad-Weltmeisterschaft, die im September 2006, mit der prächtigen Kulisse von Dom und Festung Hohensalzburg als „Startkapital“, in Salzburg ausgetragen wird. Schließlich lebt der Salzburger ja nicht nur von Musik allein … Aber Musik wird klingen, in all ihren Facetten: „Mozart 2006“ steht ein anderes, mindestens so gewichtiges Schlagwort zur Seite: „Mozart 22“. Damit bezeichnen die Salzburger Festspiele ihr bisher vielleicht ehrgeizigstes Projekt. Sie werden zwischen 24. Juli und 28. August sämtliche Bühnenwerke Mozarts auf dieselbe bringen, von der „Schuldigkeit des ersten Gebotes“ des Elfjährigen bis zu „La clemenza di Tito“, der Krönungsoper für Prag, die in Mozarts Todesjahr 1791 entstanden ist. Dafür haben die Festspiele reichlich angespart. Seit mehreren Jahren schon kamen Premieren heraus, die nun wieder aufgenommen, neu einstudiert oder mit koproduzierenden Partnern nach Salzburg transferiert werden können. Das Recht der ersten Nacht gebührt dennoch doppelt Neuem: dem umgebauten Kleinen Festspielhaus, das etwas hochtrabend „Haus für Mozart“ heißen wird, und der Neuinszenierung der „Hochzeit des Figaro“, mit der das Haus unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt am 26. Juli 2006 seine Feuertaufe bestehen wird. Noch bevor zum ersten Mal der Vorhang aufgeht, muss schon jetzt der logistischen Meisterleistung der Disponenten Respekt und Anerkennung gezollt werden. Da mag der traditionell mit Salzburg innig verfeindete Wiener Staatsoperndirektor noch so sehr ätzen, alles von Mozart aufzuführen, sei Unfug oder zumindest nichts wirklich Einzigartiges. Das habe auch schon die Warschauer Kammeroper gekonnt …

Durch den „Mozart 22“-Parcours führt eine kleine Broschüre (oder der Internetwegweiser www. salzburgfestival.at). Und der kaufmännische Direktor, der sich in diesem Mozart-Jahr gewiss nicht über mangelnde Eintrittsgelder wird beklagen müssen, hat sogar einen Weg ausfindig gemacht, der es ultimativen Mozartianern erlauben würde, tatsächlich alle 22 Aufführungen zu sehen. Wer’s weniger enzyklopädisch anlegt, wird auch auf seine Rechnung kommen. Es gibt, außer allfälligen Einzelkarten, auch noch acht Abonnementserien mit besonders attraktivem Vorstellungsmix. Und dann kommen ja noch viele Konzerte hinzu, in denen neben Mozart nur noch Musik des 21. Jahrhunderts erlaubt sein wird. Und wer‘s gar nicht erwarten kann, der ist schon zum Jahreswechsel 2005/06 willkommen: Beim Silvester- und Neujahrskonzert zur Eröffnung des Mozart-Jahres treten das Chamber Orchestra of Europe und Marc Minkowski im Großen Festspielhaus auf. Das delikate Programm: Rimski-Korsakows Einakter „Mozart und Salieri“, gekoppelt mit der Jupiter- Sinfonie. Drei Wochen später startet dann das erste Großfestival des Mozart-Jahres. Die Internationale Stiftung Mozarteum, Lordsiegelbewahrerin der Mozart-Forschung und -Pflege, veranstaltet seit 1956, dem 200. Geburtstag des Genius Loci, alljährlich rund um Mozarts Geburtstag die „Mozartwoche“. Natürlich putzt man sich 2006 besonders heraus, verlängert die Laufzeit auf 15 Tage, präsentiert insgesamt 33 Veranstaltungen mit Weltspitzenkünstlern. Programmatischer Fokus: der junge Mozart. Brennpunkt des künstlerischen Interesses: die Oper „La finta giardiniera“ im Salzburger Landestheater in einer Neuinszenierung von Doris Dörrie. Bis Juni finden übrigens Aufführungen dieser Inszenierung mit dem „Hausensemble“ des Landestheaters statt, im Sommer (siehe „Mozart 22“) gibt es Festspielreprisen – Mozart mit Synergieeffekt. Der mediale Hype wird naturgemäß am 250. Geburtstag Mozarts, dem 27. Jänner, geliefert. Vormittags ein Festakt mit den Wiener Philharmonikern, Nikolaus Harnoncourt und Pierre-Laurent Aimard, abends, weltweit übertragen, das Festkonzert mit den Wiener Philharmonikern, Riccardo Muti, Thomas Hampson, Renée Fleming, Mitsuko Uchida, Gidon Kremer, Yuri Bashmet. Fehlt noch wer? Fehlt noch was? Der gewachsene, zugereiste oder gelernte Salzburger könnte ja kurzfristig ausreisen. An der Pariser Opéra Bastille hat süffisanterweise Intendant Gérard Mortier (der immerhin von 1991 bis 2001 zehn Jahre lang die Salzburger Festspiele in die Zukunft geführt hat) eine gewichtige „Parallelaktion“ geplant. Dort wird der österreichische Filmregisseur Michael Haneke seine erste Operninszenierung vorstellen: Mozarts „Don Giovanni“ …

Um den Überblick nicht schon jetzt zu verlieren, hat die Tourismus Salzburg GmbH in ihrem „Adventkalender“ 2005 schon einmal vorsorglich einen Gesamtüberblick über Mozart in Salzburg 2006 gewagt. Vom Startfestival „Die Stadt wird Bühne“ (27. bis 29. Jänner 2006) bis zum Requiem zum 215. Todestag Mozarts (5. Dezember 2006) wird nicht einmal eine Briefmarkenausstellung in der Salzburger Residenz unerwähnt gelassen. Auszüge: „Pfingsten + Barock“ mit dem Thema „Wege zu Mozart“ (Veranstalter: Salzburger Festspiele), „Mozart und das barocke Erbe in Salzburg“ (Veranstalter: Salzburger Bachgesellschaft), 30 Sonderkonzerte „Best of Mozart“, Mozart-Messen in den Kirchen Salzburgs, ein kirchenmusikalischer Herbst, Aufführungen des weltberühmten Marionettentheaters, ganzjährig Kammermusik, Dinner- und Lunchkonzerte und zahlreiche Museumsprojekte. Ein Jahr lang wird das neu situierte Salzburg Museum in der Neuen Residenz die – zu solchen Anlässen immer obligate – Großausstellung zeigen. „Viva! MOZART!“ dauert vom 27. Jänner 2006 bis 7. Jänner 2007; zehntausende Gäste werden erwartet. In Mozarts Wohnhaus wird sich der amerikanische Theatermacher, Raum- und Lichtkünstler Robert Wilson zu schaffen machen, um den „heiligen Ort“ ganz neu zu installieren. Und ganz avantgardistisch gibt sich die seit Jahren das Gesamtereignis vorbereitende und bündelnde Landesgesellschaft „Mozart 2006“ mit ehrgeizigen künstlerischen Interventionen im Stadtraum. Schöner Titel der Aktionen: kontra.com. Max Hollein, der Direktor der Frankfurter Schirn Kunst halle und demnächst auch des Städel, hat Spitzen- oder Rising Stars der bildenden Kunst wie Jonathan Meese, Olaf Nicolai und Hans Schabus eingeladen, vom 12. Mai bis 16. Juli diverse Stadtplätze zu besetzen. Tomas Zierhofer-Kin legt nach: mit Avantgarde-Musikern und Soundbastlern als schrägem Mozart-Kontrapunkt.
Und noch eine Organisation dreht auf: Die Kunstuniversität Mozarteum, die gegen Ende des Mozart-Jahres ihr neues Gebäude eröffnen wird, hat ein Jahresprogramm vorgelegt, das allein 100 Seiten umfasst. Da wird man den leidenschaftlichen Spieler Mozart ebenso untersuchen wie den Freimaurer oder der Frage nach Kunst und Ökonomie nachgehen, Klavierstudenten spielen in einer länderübergreifenden Aktion (in München, Seeon und Wasserburg) alle 27 Mozart- Klavierkonzerte, Mozart-Lieder werden „neu komponiert“, „Così fan tutte“ von Schauspielstudenten bearbeitet, der Mozart-Wettbewerb für Gesang steht an, Mozart und die Wissenschaft ist ein Thema und schließlich bittet die Universität auch, dass Salzburger Bürger ihre Häuser für Konzerte öffnen mögen.
Ein ganz persönlicher Tipp sei noch gestattet: An vier verlängerten Wochenenden erforscht die Stiftung Mozarteum auf gesamtkünstlerischen Wegen zentrale Begriffe in Mozarts Kunst und Leben: Religion, Spiel, Liebe, Tod. „Dialoge“ nennt sich diese Reihe, die Altes und Neuestes, Text und Musik, Performance und Tanz, Avantgarde und Jazz mischt und zu Mozart in Beziehung setzt. Berührungsängste darf man nicht haben, wenn sich Christoph Schlingensief und das Hagen Quartett, Meg Stuart und Pierre- Laurent Aimard, Markus Stockhausen und Robert Levin, Dino Saluzzi und das Hilliard Ensemble, Helmut Lachenmann und Schrammelmusik zu aufregend abenteuerlichen Programmen kombinieren. Nach dem Thema „Religion“ (1. bis 4. Dezember 2005!) geht es Ende März/ Anfang April mit Spiel und Improvisation weiter.
Also sieht der gewachsene, zugereiste oder gelernte Salzburger am Ende doch: Entkommen gilt nicht! Er wird das Mozart-Jahr über dableiben, so viel wie möglich genießen und lernen und von ganzem Herzen sagen: Willkommen, liebe Musikfreunde aus aller Welt, in der Mozartstadt Salzburg!

Karl Harb

Der Autor ist Kulturredakteur der „Salzburger Nachrichten“ mit Schwerpunkt Musik.

Internettipps:

www.salzburgfestival.at
www.mozarteum.at
www.salzburg.at
www.www.moz.ac.at

Rondo Autor, RONDO Ausgabe 6 / 2005



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