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Der König und sein Thronfolger

Herbie Hancock und Brad Mehldau

Der eine ist Mitte 30, der andere wäre es gerne. Während der 65-jährige Herbie Hancock mit seiner neuen CD auf eine jüngere Zielgruppe schielt, sondiert Brad Mehldau sein Publikum nicht sonderlich. Konzeptuell bietet die aktuelle Aufnahme des 35-jährigen Amerikaners zwar keine nennenswerten Überraschungen. Sie festigt aber weiter seine Anwartschaft auf Hancocks Jazzklavierthron. Ein Vergleich.

Herbie Hancock ist bester Laune. Am Tag zuvor wurde sein neuer Tonträger im Trubel der Berliner Popkomm der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein angemessener Rahmen. Denn „Possibilities“ ist Hancocks bislang eindeutigster Versuch, sich bei den Popkonsumenten beliebt zu machen. Dafür hat sich der Pianist mit Stars und Sternchen wie Sting, Santana, Annie Lennox, Paul Simon, Christina Aguilera oder Joss Stone zusammengetan. Man ging ins Studio in Toronto, London, New York und Hollywood und nahm ein paar Stücke auf. Unter anderem die von U2 für B. B. King geschriebene Nummer „When Love Comes to Town“, Stings „Sister Moon“ oder Stevie Wonders „I Just Called to Say I Love You“. Bei Letzterem handelt es sich fraglos um das übelste Lied, das Wonder jemals verbrochen hat. Herbie Hancock kichert wie ein ertappter Schuljunge über diese Feststellung. Und versucht im Konferenzzimmer eines Berliner Hotels zu erklären, warum er den Telefon-Schlager seltsam reharmonisiert und in Synthesizer-Akkordwolken gehüllt hat. „Ich mag eben Herausforderungen“, grinst der 65- Jährige.
Man muss ihm zugute halten, dass er gar nicht erst versucht, den Mainstream-Duett-Reigen auf „Possibilities“ hochzujazzen. Was völlig verständlich ist, weil Jazz bei der Aufnahme auch nur am Rande auftaucht: eigentlich immer dann, wenn Hancock zu seinen – für Popverhältnisse eindeutig zu langen – Klaviersoli ansetzt. „Nun, das ist nicht wirklich eine Jazzplatte“, sagt Hancock, „wenn ich mir ein bereits existierendes Genre aussuchen sollte, müsste ich wohl Pop sagen. Es gab natürlich schon einige Kritiker, die sich bitterlich darüber beschwert haben. Da heißt es dann: Wo ist Herbie Hancock auf dieser Platte? Ich habe aber gemerkt: Das kommt von Jazzfans. Und die haben bereits Erwartungen von dem, was sie von Herbie Hancock hören wollen. Es fällt den Leuten wirklich schwer, sich von Vorurteilen frei zu machen. So wie: Jazz ist aber besser.“
Es ist nicht das erste Mal, dass Hancock die Jazzwelt gegen sich aufbringt. Das fing mit dem Disco- Funk der Headhunters an, der dem Keyboarder 1972 gleichermaßen Verkaufserfolge wie Buh-Rufe der Puristen einbrachte, und fand seine Fortsetzung in dem Elektro-Hit „Rockit“, der 1983 die Charts aufmischte. Miles Davis habe ihn gelehrt, nach allen Seiten offen zu sein, bemerkt Hancock. Vor diesem Hintergrund sieht er „Possibilities“ auch als pädagogische Maßnahme. Einerseits wolle er die Fans von Sting und Christina Aguilera mit seiner Musik nicht verstören, andererseits ihren Horizont mit ungewohnten afroamerikanischen Groove-Elementen erweitern.

All das, populäre Maßnahmen gegen die Eindimensionalität des Pop, darauf ist Hancock stolz. Wie auch auf den Deal mit „Starbucks“. Die Kaffeekette verkauft „Possibilities“ weltweit in ihren Filialen. Konsensmusik to go. Vermarkten konnte sich Herbie Hancock, der umgängliche Mann im schwarzen Anzug, schon immer ganz gut. Brad Mehldau trägt ein T-Shirt, das den Blick auf sein imposantes Tattoo am rechten Oberarm frei gibt. Das habe er sich machen lassen, als er 1994 nach Los Angeles gezogen war, erzählt er bei einem Besuch in Hamburg. Es verleiht ihm etwas Wildes, Proletarisches, das im scharfen Kontrast zu seiner sanften, reflektierten Art steht. Als Mitte der 90er Jahre die ersten Teile von Mehldaus vollmundig benannter Einspielungsreihe „The Art of the Trio“ erschienen, wurde der Mittzwanziger gleich zum legitimen Bill-Evans-Nachfolger ausgerufen. Mit großer Beharrlichkeit ist Mehldau über die Jahre dem Klavier- Trio-Konzept treu geblieben.
Auch wenn sich nun der Schlagzeuger Jorge Rossy nach zehnjähriger Zusammenarbeit freundschaftlich aus dem Dreierbund verabschiedet hat und durch Jeff Ballard abgelöst wurde, setzt auch die neue CD „Day Is Done“ die Tradition konsequent fort. „Ich fühle die Last des Piano-Trio-Erbes nicht auf meinen Schultern, wenn ich spiele“, erklärt Mehldau, „ich mag diese Besetzung hauptsächlich aus einem eigennützigen Grund: Ganz einfach, ich bin dann der Leader.“ Verglichen mit Hancock muss Mehldau wie ein Konservativer erscheinen. Der 35-Jährige hält nichts von Synthesizern, er durchforstet regelmäßig das American Songbook, er liebt Aufnahmen, die nach guter alter Jazzmanier in einem Rutsch eingespielt werden – daher auch der Titel „Day Is Done“, schließlich brauchte es nur einen Tag, um die Musik auf Tonband zu bringen. Bei „Day Is Done“ handelt es sich gleichzeitig um einen Song des viel zu früh verstorbenen britischen Rock-Melancholikers Nick Drake.
Wo man bei den Parallelen zu Hancocks „Possibilities“-Projekt wäre. Denn auch Mehldau interpretiert reichlich Pop-Liedgut auf seiner CD: Stücke von den Beatles, Radiohead oder Paul Simon. Während Hancock Coverversionen zum Mitschnippen und Nachsinnen anfertigt, betreibt Mehldau allerdings eine tiefgreifende Anverwandlung. Man kann es als improvisatorischen Übersetzungsprozess beschreiben. „Das Ausgangsmaterial dieser Stücke kommt interessanterweise nicht vom Klavier“, erläutert Mehldau, „oft ist es eine Gitarre, die dem Ganzen zugrunde lag. Rein physisch ist das eine ganz andere Art von Instrumentenspiel. Es passiert etwas, wenn du dieses Gitarrenanschlag- Ding nimmst und auf das Klavier überträgst. Es wird zu etwas anderem. Automatisch reißt mich das aus der normalen Textur eines Piano-Trios. Und holt mich weg von Sachen, die ich vorher schon mal gemacht habe.“ Ob Herbie Hancock auch solche Überlegungen hatte, als er 1995 unter großem Hallo seine CD „The New Standard“ herausbrachte, die aus Jazzbearbeitungen von zeitgenössischen Popsongs bestand? Er liebe und verehre Herbie Hancock, antwortet Mehldau. Aber trotzdem beschleiche ihn immer wieder das Gefühl, dass Hancock oft das aufgreife, was schon seit ein, zwei Jahren Modeerscheinung sei. „Ich will es nicht Gimmick nennen, aber es ist eine wohlfeile Art, um Leute anzuziehen.“

Josef Engels, RONDO Ausgabe 6 / 2005



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