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Anouar Brahem

Die Endeckung der Langsamkeit

Der 49-jährige tunesische Oud-Virtuose hat sich mit seiner Musik, in der sich Arabisches und Europäisches tief durchdringen, eine weltumspannende Fangemeinde erspielt. RONDO-Autor Thomas Fitterling unterhielt sich mit dem sympathischen Musiker.

Immer wieder wird Anouar Brahem mit Ziryab verglichen, der im neunten Jahrhundert wegen seiner neu tönenden Musik vom Hofe zu Bagdad vertrieben wurde und in Córdoba die maurisch-andalusische Musikschule begründete, auf die wiederum die europäische Lautenund Gitarrentradition zurückgeht. Ebenso wie dieser spielt Anouar Brahem die arabische Knickhalslaute (im Arabischen ist sie als „al ud“ männlich und entgegen der Duden-Empfehlung ist die Bezeichnung „der Oud“ international üblich geworden) und wie Ziryab ist auch Brahem aus der Musiktradition seines Landes ausgebrochen. In einem Französisch, das er perfekt wie ein Muttersprachler spricht und mit dessen Nuancen er mit Bedacht und Lust spielt, macht er seine Ausführungen:
„Vor gut 25 Jahren bin ich nach Paris gegangen, das war für mich die kosmopolitische Stadt schlechthin. Ich wollte mit Musikern der verschiedensten Traditionen zusammenspielen, vor allem wollte ich aus der Ecke heraus, auf die ich in Tunesien mit dem Oud festgelegt war. Das war die Gesangsbegleitung. Früher spielte der Oud in den Konzerten eine zentrale Rolle. Im 20. Jahrhundert ging diese Rolle verloren. Der Klang der Geigen beherrscht jetzt die Populärmusik, und der Alibi-Oudspieler wird von deren Klang völlig zugedeckt. Und dann besteht in der arabischen Musik ein ganz enger Bezug zwischen der Sprachrhythmik des Gesangs und der erwarteten Phrasierung des Oud. Von all dem wollte ich mich befreien.“
Anouar Brahem räumt gerne ein, dass sich sei ne Musik zu immer mehr Linearität entwickelt und sich sein Oudspiel der andalusischen Gitarrentradition angenähert hat. Der Verzicht auf Perkussionsinstrumente hat gewissermaßen die Zeit verlangsamt, das Tempo auf eine ruhige Bewegung entschleunigt, die es dem reinen Klang erlaubt, seine Magie zu entwickeln. „Die Aufnahmen zu ‚Thimar’ waren dabei von entscheidender Bedeutung. Plötzlich habe ich mich da mehr auf das Pulsieren von Dave Hollands Bass bezogen, als auf das des eigentlichen Rhythmus. Ich tue mich schwer, Schlagzeuger zu finden, die nicht einfach den Rhythmus demonstrativ austrommeln, sondern vielmehr ihr Spiel als inneres Pulsieren begreifen.“
Tempo und Zeit sind auch ein Schlüsselthema, wenn Brahem von seiner Kompositionsweise spricht. „Ich gehe nicht von einer fest umrissenen Vorstellung aus. Ich arbeite ähnlich wie ein bildender Künstler. Ich benütze den Oud als Bleistift und das Aufnahmegerät als Skizzenblock. Ich liebe die Träume, die sich während der Arbeit einstellen: Sie bringen Ideen hervor, die dann oft wieder wie Strohfeuer verlöschen. Und so zögere ich lange; doch nach und nach fügt sich zusammen, was als Grundidee der Musik zusammengehört. Oft ergibt sich die Instrumentation erst in der letzten Phase. Bei „Le voyage de Sahar“ dachte ich zwei Jahre lang überhaupt nicht an Oud, Akkordeon und Klavier. Doch irgendwie hat diese Besetzung etwas enorm Spannendes für mich. Da gilt es, das äußerst fragile Gleichgewicht zwischen diesen Instrumenten zu sichern; man muss die Dinge sehr präzise ausschreiben. Gerade das Klavier mit seiner ungeheuren Dynamik muss man gewissermaßen zähmen, ihm diese extreme Zerbrechlichkeit und Transparenz des Oud beibringen, damit es der mittelalterlichen Laute nahe kommt.“ Das Austarieren dieser Balance ist Anouar Brahem auf „Le voyage de Sahar“ hinreißend gelungen. Zum Abschluss des Gesprächs lüftet der Künstler dann noch zögernd das Geheimnis des Titels: „Sahar ist ein sehr seltener Mädchenname, kann aber auch, etwa bei den Sufis, ‚meditatives Wachen’ bedeuten.“ Mit dieser Frau begibt man sich gerne auf eine meditative Reise durch die Nacht.

Neu erschienen:

Le voyage de Sahar

Anouar Brahem

ECM/Uuniversal

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 2 / 2006



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