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Schwüles Gedünst

Hausbesuch bei Wagner und Verdi

Die Festspielzeit naht. Da flammen auch alte Grabenkämpfe wieder auf. Wagner oder Verdi, Bayreuth oder Verona? Herbert Rosendorfer hat für RONDO versucht, den Unterschied nachvollziehbar zu machen – als Hausbesuch.

Wenn ich Richard Wagner besuche, betrete ich ein großes, dunkles Zimmer, in dem das Tageslicht nur durch bunte Butzenscheiben gefiltert eindringen kann. Sogenannte altdeutsche Möbel, schwere, kaum zu bewegende Sessel aus schwerem Holz, künstlich nachgedunkelt. In solchen Sesseln saßen, meint der Meister, die Meistersinger. Eine spezielle Werkstatt hat diese Stühle angefertigt, genau nach den Vorbildern aus der Zeit. Also: ungefähr nach den Vorbildern. Die Vorbilder sind oft nicht vorbildhaft genug, die historische Fantasie muss nachhelfen. Die im 19. Jahrhundert erbauten Gotischen Dome, Köln, Ulm u.a. sind so gotisch, wie die echte Gotik nie war. So germanisch oder keltisch wie Wagners germanische oder keltische Helden waren die Germanen und Kelten in ihrem ganzen Leben nicht.
Ja, und da steht ein schwerer Eichentisch. Hunding könnte daran gegessen haben. Nur ob die großen, finsteren Palmwedel (aus Stoff und Draht) zu ihm passen, ist so eine Sache. Und die schweren Teppiche. Alles aus zweiter Hand. Wagners Geschichtsbild, Wagners dramatisches Denken kommt aus zweiter Hand. (Nicht seine Musik, wohlgemerkt.) Er hat nicht die schillernde Figur des päpstlichen Notars Rienzi dramatisiert, sondern den Aufguss Bulwer- Lyttons nochmals aufgegossen. Er hat die Edda-Sagen für älter gehalten, als sie sind, hat seine Germanen mit hartnäckig komischen Stabreimen ausgestattet, wie es sie nie gegeben hat. Alles aus zweiter Hand.
Es geht noch weiter. Er hat Schopenhauer, den er gründlich missverstanden hat, zu vertonen gemeint, als er den vielleicht peinlichsten Aspekt seiner Biografie in ein musikalisch großartiges, dramatisch verqueres Drama goss. Er schuf Welten wie sein Gönner Ludwig II., der auch seine Schlösser aus Plänen zweiter Hand schaffen ließ, aus Pappendeckel und Draht – nicht ganz, aber fast so. Alles nicht echt. Wie bei Wagner. Alles Historismus des 19. Jahrhunderts, der Wagners Welt war, vergleichbar den riesigen Historienschinken eines Piloty oder Cornelius.
Ich beende meinen Besuch, habe schon die schwere, nachgeahmt schmiedeeiserne altdeutsche Türklinke in der Hand. Durch die Butzenscheiben leuchtet grünes und rotes Licht auf das fast echte Zinngeschirr, aus dem der Meister trinkt. Ich gehe hinüber zu Verdi. Weiß verputzte Wände eines Bauernhauses herrschaftlichen Zuschnitts. An der Wand ein Bild, ein einziges Bild: Botticellis konturenstarke Venus. Ich atme auf.

Herbert Rosendorfer, RONDO Ausgabe 3 / 2012



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