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Esa-Pekka Salonen

Wer hat Angst vor Pierre Boulez?

Der Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra, der Finne Esa-Pekka Salonen, sprach mit RONDO-Autor Robert Fraunholzer über europäischen Dogmatismus, die besten Konzertsäle der Welt und Alkoholkonsum in Amerika.

RONDO: Herr Salonen, wie fühlt man sich so als Finne in Kalifornien?

Esa-Pekka Salonen: Ich muss zugeben, ich habe dort meine Freiheit gefunden. Die Offenheit Amerikas ist mehr als nur ein Klischee. Dort fühle ich mich unbelastet von der musikalischen Tradition Europas. Von der Postmoderne, vom Postserialismus oder der Darmstädter Schule. Ich habe endlich keine Angst mehr vor Pierre Boulez.

RONDO: Boulez ist doch ein sehr netter, älterer Herr!

Salonen: Ich bin sogar etwas mit ihm befreundet. Ich meinte damit den europäischen Dogmatismus. Für mich gibt es nichts Besseres als das Gefühl, ein kalifornischer Künstler zu sein.

RONDO: Die „Walt Disney Hall“ in Los Angeles, eine Ikone unter den internationalen Konzertsälen, gilt als ihr Werk, obwohl der Architekt Frank Gehry heißt. Wie das?

Salonen: Der Saal entspricht tatsächlich meiner Idee. Aber glauben Sie nicht, dass man Frank Gehry, der das Guggenheim-Museum in Bilbao gebaut hat, erzählen kann wie er das machen soll. Wir waren uns einig, dass ein Konzertsaal Demokratie und Offenheit ausstrahlen soll. Kein Geheimclub. Das Gebäude liegt gegenüber vom Dorothy Chandler Pavillon, aus dem früher die Oscar-Verleihungen übertragen wurden. Wir wollten anders sein. Nach über 20 Jahren ist uns das endlich gelungen.

RONDO: Vor einigen Jahren sagten Sie mir, CDs produziere man heute vor allem für die eigene Eitelkeit. Die neue „Sacre du printemps“- CD ist schon Ihre zweite. Verdoppelte Eitelkeit?

Salonen: Nein, aber seit der ersten Aufnahme habe ich das Stück bestimmt 100 Mal dirigiert. Ich halte es für das einflussreichste Stück des 20. Jahrhunderts, vergleichbar mit der „Eroica“ und der „Symphonie fantastique“. Es bleibt für mich immer unüberbietbar frisch.

RONDO: Sie dirigieren es, als hätten sie Ihren Saal gut klingen lassen wollen: kathedralenhaft, großzügig, glanzvoller denn je.

Salonen: Ja, denn auch das Orchester hat sich in diesem Saal unglaublich verändert. Sein Klang ist gewachsen. Wir haben außer dem Holz an einigen Seitenwänden akustisch nichts nachbessern müssen. Damit bin ich wahnsinnig glücklich.

RONDO: Bleiben Sie deswegen für immer in L.A.?

Salonen: Man muss ein Gefühl dafür bekommen, wann man Teil der Inneneinrichtung geworden ist. Ich glaube nicht, dass ich ein anderes Orchester in Nordamerika übernehmen würde. Wenn ich dereinst mein Leben ändern will, käme eher Europa für mich in Betracht.

RONDO: Sie haben seit 1992 das Repertoire verjüngt. Warum halten Sie Neue Musik für so wichtig?

Salonen: Schon heute sagen sehr viele Leute: „Die Klassik ist tot“. Unsere Distanz zu Beethoven vergrößert sich immer mehr. Diesen Prozess wird man nur aufhalten können, wenn man beweist, dass Musik eine lebendige Sache ist. Etwas, an dem noch gearbeitet wird. Ich sehe in 20 Jahren die schlimmsten Verhältnisse auf uns zukommen. Dann wird klassische Musik ein Sammlerstück sein wie heute alte Autos. Wir sind schon jetzt marginal genug. Wir wollen wieder wichtig werden.

RONDO: In Berlin warf man kürzlich Sir Simon Rattle vor, für Beethoven und Brahms keinen Klang mehr zu haben.

Salonen: Ich habe genau das Gleiche in den USA erlebt. Das dauert ungefähr fünf Jahre. Auch mir wurde vorgehalten, ich könne keinen Brahms dirigieren, eben weil ich ihn wenig ansetzte. Ich finde, wer Brahms jede Woche spielt, tut ihm Unrecht. Simon Rattles angebliche Krise halte ich für ein gutes Zeichen. Da bewegt sich was.

RONDO: Sie kennen fast alle Konzertsäle der Welt. Welche sind die besten?

Salonen: Ich genieße den Wiener Musikverein. Andere Antworten: das Concertgebouw in Amsterdam, die Boston Symphony Hall, der Saal in Göteborg und die Suntory Hall in Tokio. Aber auch der Kitara-Saal im japanischen Sapporo. Wenn Sie mich fragen, welcher Saal der Walt Disney Hall am meisten ähnelt, dann ist dies Hans Scharouns Philharmonie in Berlin. Ohne seine Weinberg-Architektur gäbe es uns nicht.

RONDO: Einem verbreiteten Klischee zufolge sind Finnen seltsam, langsam und oft betrunken. Sie auch?

Salonen: Klar doch, und in gewisser Weise bin ich stolz darauf. Der Alkoholkonsum geht stark zurück, wenn man in den USA lebt. Aber vergessen Sie nicht, dass Finnland über eines der besten Erziehungssysteme und über eine der besten Produktivitätsraten in Europa verfügt. Darüber hört man wenig in den Klischees. Aber auch das gehört mit zu unseren Seltsamkeiten.

RONDO: Sie kommen selten nach Deutschland. Sind Sie zu teuer?

Salonen: Nein, es liegt nur daran, dass ich überhaupt kaum noch reise. Demnächst möchte ich jeweils ein halbes Jahr lang fürs Komponieren reservieren. Dafür ziehe ich mich nach Finnland aufs Land zurück. So wie jetzt. Da finde ich meine Ruhe. Außer heute: Ich muss jetzt los, um mit meiner Mutter einkaufen zu gehen.

Neu erschienen:

Strawinski

Le sacre du printemps u.a.

Los Angeles Philharmonic Orchestra, Esa-Pekka Salonen

DG/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2006



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