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Jordi Savall (c) Aliavox

Café Imperial

Klar, es gibt zu viele Wagner-„Ringe“ auf der Welt. Was vor allem den Regisseuren Deutungsnöte beschert. Was noch Neues sagen? Doch da Linz ein neues, großes und schönes Opernhaus hat, muss es auch einen „Ring“ kriegen. Mit Uwe-Eric Laufenberg kann man sich im Grunde schmeicheln, einen „Ring“-Regisseur gefunden zu haben, der sein Wagner- Pulver noch nicht verschossen hat. Mit „Rheingold“ und „Walküre“ hat er das Publikum gut angefüttert. Beim jetzigen „Siegfried“ allerdings zahlt man ihm heim, dass sein „Ring“, angelegt als Reise durch die Zeit, in einer computerflimmernden Zukunft angekommen ist. Diesen Punkt erreicht die Aufführung kurz vor Ende des 2. Aktes, nach Erledigung Fafners. Denn: Was anfangen mit dem Gold und Geld, das Siegfried (furztrocken: Lars Clevemann) dem Banksafe des Drachen entnommen hat?! Auf diese plausible Frage – innerhalb eines durchaus schlüssigen Deutungskonzepts – gibt es bei Wagner eine kapitalismusskeptische Antwort. Warten wir’s ab, „Götterdämmerung“ folgt im Februar. Problematischer sind die Besetzungen. Dass beim „Siegfried“ die Hausbesetzung von Matthäus Schmidlechner (Mime) der Beste ist, spiegelt die Tatsache wider, dass ein Haus wie Linz Sänger für eine solche Produktion je nach Geldbörse einkauft. Gerd Grochowski singt zwar auch sonst in großen Häusern, aber nicht den Wotan wie hier, sondern Gunther, Klingsor (der nie schief gehen kann) oder Telramund (der kaum gelingen kann). Kein Wunder, wenn er gegen Björn Waag als Alberich, der bei seinem Leisten bleibt, unterliegt. Bei Elena Nebera wiederum lässt sich schon an der Rollenagenda ablesen, wie sie abschneiden wird: Es gibt keine Sängerin auf der Welt, die zwischen zwei Brünnhilden in Linz kurz mal die Kaiserin in Kassel (in Strauss’ „Frau ohne Schatten“) singen kann. Da kann Dennis Russell Davies noch so routiniert dirigieren: Wer nach dem „Ring“ greift, muss mit dem Fluch leben, den er da auf sich geladen hat.
Unserem verblichenen Café Imperial (dessen dreiste Renovierung wir immer noch nicht verwunden haben) trauern wir heute von schräg gegenüber nach. Das Café Schwarzenberg, touristischer Hotspot sondergleichen, verfügt über ein Renommee, das wir nie so ganz verstanden haben. Oft ist kaum Platz zu finden. Das Beste daran ist der Kellner, der bisweilen ans Klavier tritt, um ein Paar Titel zu singen. Da in nächster Zeit keine sonderlich wichtigen Opernpremieren anstehen, beziehen wir hier trotzdem gerne Stellung – in der Nähe beider großer Konzertsäle. Und weiden uns an den Konzert-Lichtblicken bis Januar. Die Wiener Philharmoniker haben sich einen der – man darf sagen: großen Unterschätzten im obersten Rang der Star-Dirigenten eingeladen. Michael Tilson Thomas, genannt MTT, kriegt in Europa sonst kein Bein auf die Erde. Dabei hat er in San Francisco offenbar fantastische Arbeit geleistet und dirigiert bei den Wienern neben Mahlers Fünfter bereitwillig das Kontrabass-Konzert des böhmischen Dittersdorf-Schülers Johann Baptist Vanhal (3./8.12. im Musikverein, 6.12. im Konzerthaus). Harnoncourt bringt mit dem Concentus Musicus noch einmal Haydns „Schöpfung“ (Musikverein, 6./7.12.). Während der neue Chef der Wiener Symphoniker, Philippe Jordan, sich Schubert widmet, darf der vortreffliche Vasily Petrenko Berlioz dirigieren – sowie Brahms’ Doppelkonzert mit den Capuçon- Brüdern (20.12.). Im Konzerthaus spielt Grigory Sokolov Bach, Beethoven und Chopin (12.12.), Jonas Kaufmann singt Schumann und Strauss (13.12.). Ton Koopman wagt sich mit den Symphonikern an Beethovens Neunte (1.1.15). Und Jordi Savall mit Hespèrion XXI macht Bibers „Missa Salisburgensis“ (18.1.). Das sind beste Aussichten. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2014



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