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Deutliche Worte: Gidon Kremer (c) Sasha Gusov/ECM Records

Pasticcio

Gutes Gewissen

Vor fast genau einem Jahr hatte der Violinist Gidon Kremer den mahnenden Finger gehoben und sich gegen die Russland-Politik Vladimir Putins und dessen Künstlerfreunde echauffiert. Und mit einem Konzert gedachte Kremer in Berlin zusammen mit Musikerfreunden wie Martha Argerich der ermordeten Journalistin und Regierungskritikerin Anna Politkowskaja. Ein ähnlich brutales Verbrechen ist jetzt zwar nicht passiert, dafür nahm Kremer die aktuelle politische Lage in der Ukraine zum Anlass, um erneut Position zu beziehen. Ein geplantes Programm für ein Konzert in der Dresdner Semperoper wurde daher durch Werke von Komponisten wie Sofia Gubaidulina und Mieczysław Weinberg ersetzt, die es in der ehemaligen UdSSR durchaus schwer hatten. Darüber hinaus veröffentlichte der gebürtige Lette und einstige Sowjetbürger Kremer kurz zuvor einige Überlegungen, die er mit „Mein Russland“ überschrieben hatte.
„Angesichts der dramatischen Ereignisse, die sich derzeit in Russland und der Ukraine abspielen, kann ich nicht gleichgültig bleiben“, so Kremer gleich zu Beginn seines Textes. „Sie erinnern sehr stark an die Situation in Europa kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. […] Für mich besteht die wahre Loyalität dem eigenen Land oder dem Publikum gegenüber darin, sich für geistige Werte einzusetzen und nicht Politikern als gefügige Marionetten zu dienen, die lauthals falsche Parolen und scheinbar machtvolle Doktrinen ausgeben, die dem Leid der Menschen und ihren Tragödien tatsächlich jedoch vollkommen gleichgültig gegenüberstehen. Außerdem schätze ich das kulturelle Erbe Russlands sehr und möchte gleichzeitig unserem Publikum andere Werte vermitteln, die eben auch zu Russland gehören.“ Im Laufe seines Statements kommt Kremer auch auf einige russische Musiker zu sprechen, die für ihn mit ihrer Haltung gegenüber der Politik Putins eine Mitschuld tragen. „Sie (wir wollen hier keine Namen nennen!) nennen das ´Patriotismus´“, so Kremer. Warum aber nur wollte er hier nicht einmal Ross und Reiter nennen?

Guido Fischer



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