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Ragna Schirmer

Die Tastenlöwin

Alle lieben Ragna. Ob Bach, Chopin oder Schnittke – immer gelingt der 1972 in Hildesheim geborenen Pianistin eine ganz eigene und erhellende Sicht auf die Stücke. Heute lebt Ragna Schirmer in ihrer Wahlheimat Halle („die schönste Stadt Deutschlands“) und ist Professorin an der Musikhochschule Mannheim. Markus Kettner traf sie anlässlich ihrer neuesten CD im Leipziger Mendelssohn-Haus.

Ragna Schirmers CD-Debüt begann mit einer großen Einsicht: der Einsicht nämlich, dass es ein Leben der Bach’schen Goldberg-Variationen auch nach dem Tode Glenn Goulds geben kann. Und was für eines! Ein hinreißendes, ein beglückendes und ein ganz und gar eigenständiges Leben führt die „Aria mit verschiedenen Veraenderungen“ unter Ragna Schirmers Händen. In RONDO hingegen begann ihre Karriere mit einem großen Irrtum. Dem Irrtum nämlich, dass die Künstlerin mit den auf dem Cover ihrer ersten Platte ausgestellten weiblichen Reizen ihre fabelhafte Interpretation bewusst zur wohlfeil angepriesenen Ware herabgewürdigt habe. So jedenfalls sah es der RONDO-Kritiker, den man das Cover und die CD getrennt beurteilen ließ.
Inzwischen sind sechs Jahre vergangen. Wir treffen uns in Mendelssohns Wohnhaus in der Bachstadt Leipzig. „Ich habe die Geschichte damals mit Humor gesehen“, sagt sie. „Viele Leute haben das gelesen. Die Besprechung hat eine unglaubliche Welle der Aufmerksamkeit gebracht. Ich werde heute noch drauf angesprochen. Tatsächlich“, so räumt sie ein, „wird die Musik gegenwärtig oftmals zur Ware degradiert, und darum bin ich heute auch im Rollkragenpullover gekommen“, sagt sie halb lachend und halb im Ernst. „Ich wollte damit das Statement abgeben, dass das gerade nicht wichtig ist.“ Als sie Anfang 20 war, habe es Bestrebungen gegeben, sie in die Medienmaschinerie hineinzuziehen. Heute sei sie froh, dass sie das damals abgelehnt habe. Sie wollte sich Zeit lassen und erst dann an die Öffentlichkeit treten, wenn die Zeit dafür reif ist. Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass Ragna Schirmer sich heute als everybody’s darling von Feuilleton und Publikum fühlen darf. Anders etwa als ihr zehn Jahre jüngerer Kollege Lang Lang polarisiert sie nicht. Tatsächlich ist es ihr gelungen, ohne Medienrummel, allein durch ihr stupendes Können, ihre ungeheure Energie und ihr Charisma zu überzeugen.
„Viele sind heutzutage an dieser Musikbusiness- Maschine beteiligt und viele verdienen daran. Es ist ja schon beinahe so, dass man die Künstler wie die Gladiatoren in den Ring schickt, und für viele andere klingeln dann die Kassen. Es geht nicht mehr so sehr darum, was man den Menschen durch die Kunst vermitteln möchte. Ich hoffe, dass sich dieses System zugunsten der Musik wieder ändern wird.“ Ob sie in ihren Konzerten das Publikum spüren kann, fragen wir. „Jeden einzelnen! Man fühlt genau, ob man die Leute erreicht oder nicht. Es ist eine Frage von Energien. Wie ein Zwiegespräch ohne Worte. Das ist wie bei Mendelssohn: Wenn die Worte nicht ausreichen, muss man sie singen.“

"Je schneller das Tempo wird, umso mehr muss der Puls und der Atem zu spüren sein, sonst klingt Mendelssohn, als müsste man den nächsten Bus kriegen."

Wir sitzen in Mendelssohns Leipziger Arbeitszimmer, das man liebevoll anhand einer Zeichnung von Felix Moscheles rekonstruiert hat. Tafelklavier, Aquarelle, Ofen, alles ist wie zu Mendelssohns Zeiten. Eben hat Ragna Schirmer die Klavierkonzerte und kleinere, aber nicht weniger reizvolle Werke für Klavier und Orchester von Mendelssohn eingespielt. „Mendelssohns Leichtigkeit, seine Brillanz verwechseln viele mit Heiterkeit oder gar Oberflächlichkeit. Ich sehe das überhaupt nicht so. Das ‚Capriccio brillant’ zum Beispiel ist wohlige, schöne, zu Herzen gehende Musik, ohne deswegen gleich flach zu sein. Dabei ist die perlende Eleganz dieses Klavierstils eine unglaubliche ‚sportliche‘ Herausforderung. Und ich habe immer versucht, nie in ein pures Virtuosentum hineinzukommen. Je schneller das Tempo wird, umso mehr muss der Puls und der Atem zu spüren sein, sonst klingt Mendelssohn, als müsste man den nächsten Bus kriegen.“
Zwei Dinge vor allem beeindrucken an ihrem Klavierspiel: Es ist ihre ungeheuere Virtuosität und ihr faszinierend körperhafter Ton. Acht Stunden habe sie, erzählt sie uns, als Teenager täglich geübt. Diese rein technische Überlegenheit („die können Sie im Studium nicht mehr nachholen“) versetzt sie beispielsweise auch bei den Chopin-Etüden in die Lage, den „Übungscharakter“ der Stücke in Vergessenheit geraten zu lassen, um sie als reine Musik zu interpretieren. Zwölf Jahre habe sie getanzt, meint sie, und auch das blieb nicht ohne Einfluss auf ihr Spiel: „Klavierspielen hat auf jeden Fall etwas Körperliches, etwas wahnsinnig Sinnliches. Ich fühle das bis in die Zehenspitzen, sonst funktioniert es nicht.“
Vor uns sitzt eine zierlich gewachsene Person, die vor Energie zu bersten scheint. Die Augen sind hellwach und klar. Laufend vibriert das Handy, das sie geflissentlich ignoriert, Pressetermine sind noch zu organisieren, und sie ist auf das Lang-Lang-Konzert gespannt, das sie später noch im Gewandhaus hören wird. Ob sie ehrgeizig ist? „Aber auf alle Fälle, klar! Mit 13 stand für mich fest, dass ich Musikerin werden will. Man kann nach Adrenalin süchtig werden, aber es macht auch Spaaaß“, und sie dehnt dabei den Vokal lustvoll lang. Spaß muss man auch dabei haben, denn würde man sonst diese Last auf sich nehmen und immer wieder freiwillig in die Konzertmanege steigen? Einmal habe sie geträumt, ein Löwe zu sein, „ein kleiner männlicher Löwe“. Sie selbst scheut eine Deutung – wir finden, es ist ein schönes Bild. Denn vereinigt sich im Löwen nicht eine katzenhafte, weibliche Grazie und Eleganz mit einer männlichen, kraftvollen, vorwärts drängenden Energie? Schöner lässt sich ihr Klavierspiel kaum beschreiben.

Neu erschienen:

Felix Mendelssohn Bartholdy

Klavierkonzerte u.a.

Ragna Schirmer, Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, Günther Herbig

Berlin Classics/Edel


Das Mendelssohn-Haus in Leipzig

„In ihrer Einrichtung und ganzem Wesen herrscht neben allem Luxus und Reichthum eine so reizende Anspruchslosigkeit, dass man sich sehr wohl dabei befinden muß.“ Der heutige Besucher spürt noch viel vom Geist der Räumlichkeiten, wie der Komponist Louis Spohr sie beschrieb. Zu DDR-Zeiten residierte hier ein Fotolabor, doch 1994 begann man mit der behutsamen Wiederherstellung von Mendelssohns Wohn- und Sterbehaus. Seit 1997 beherbergt die Sammlung originales Mobiliar, Brief- und Notenautografe, Aquarelle und Porträts. Mendelssohns Reisetruhe, ein Kleidchen eines der Kinder und die Totenmaske befinden sich hier. Im rekonstruierten Arbeitszimmer komponierte Mendelssohn etwa sein Oratorium „Elias“. Der ehemalige Musiksalon wird heute wieder als Konzertsaal genutzt.

Goldschmidtstr. 12 04103 Leipzig
Tel.: (0341) 1 27 02 94
www.mendelssohn-stiftung.de


Markus Kettner, RONDO Ausgabe 1 / 2007



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