Startseite · Künstler · Gefragt

Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra

Für die Beatles war ich zu hochnäsig

Mit seinem West-Eastern Divan Orchestra haben Daniel Barenboim und Edward Said 1999 ein Vorzeigeprojekt ins Leben gerufen. Abseits der blutigen Grabenkämpfe führt es die arabisch-palästinensische und die israelische Jugend von heute zusammen – in der Musik. Mit Robert Fraunholzer sprach Barenboim über die Bedeutung des Orchesterprojektes, seine Familie und seine Liebe zum deutschen Fernseh-Krimi.

RONDO: Herr Barenboim, Ihr Beethoven-Zyklus mit dem West-Eastern Divan Orchestra heißt »Beethoven für alle«. Glauben Sie, dass Klassik mit der Pop- Musik konkurrieren kann? Daniel

Barenboim: Aber sicher! Auch wenn ich glaube, dass Klassik und Pop zwei völlig verschiedene Welten sind. Die große Stärke der Klassik tritt dann ein, wenn man einen sehr schlechten Tag gehabt hat. Krach im Büro! Eine schmerzhafte Behandlung beim Zahnarzt. Streit mit der Frau oder mit der Geliebten. Oder mit beiden! Und schließlich hat einem der Steuerberater noch mitgeteilt, dass man eine Menge Geld nachzahlen muss. Man ist total am Ende, kommt nachhause, legt seine Beine auf den Tisch und eine CD mit einem Nocturne von Chopin in den CD-Player ein. In drei Minuten hat man den ganzen Ärger vergessen.

RONDO: Das ist allerdings bei der Pop-Musik genauso!

Barenboim: Finden Sie? Ich glaube nicht. Man geht nicht rein in die Pop-Musik. Pop- Musik kommt rein in uns. Das ist der große Unterschied. Klassik ist Arbeit. Ich rede natürlich nicht von mir. Was ich tue, ist gar keine Arbeit, sondern bloße Freude.

RONDO: Mögen Sie Pop-Musik überhaupt nicht?

Barenboim: Doch, ich habe immerhin damals die Beatles persönlich kennengelernt. Es war bei einem Abendessen von Lord Harewood, einem Cousin der Königin. In London.

RONDO: Wow!

Barenboim: Sehen Sie! Endlich, nach all den Jahren, wird mir ein bisschen Respekt entgegengebracht! Es war 1970. Das Beethoven-Jahr. Die Beatles wussten davon nichts, wollten aber alles von mir über Beethoven erfahren. Sie waren sehr lustig. Ich war damals, wie ich ehrlich zugeben muss, nicht so sehr angetan von der Musik der Beatles. Ich war zu jung und zu hochnäsig. Mit den Jahren habe ich mehr und mehr gelernt zu verstehen, was sie gemacht haben.

RONDO: Außerdem arbeitet Ihr Sohn David doch als Pop-Produzent!

Barenboim: Er spielt elektrische Gitarre und arbeitet mit unterschiedlichen Rappern. Unser anderer Sohn Michael dagegen macht eine Solo- Karriere als Geiger und ist außerdem 1. Konzertmeister im West-Eastern Divan Orchestra.

RONDO: Seien Sie ehrlich: Sind Sie bei Ihrem Sohn als Dirigent genauso autoritär wie sonst?!

Barenboim: Ich würde eher sagen, obwohl er mein Sohn ist, bin ich genauso demokratisch wie gegenüber den anderen. Autoritär zu sein, ist heute nicht mehr nötig. Heute spielt Ihnen jedes mittelmäßige Orchester Mahler vom Blatt. Ein Dirigent muss vor allem seine eigene Denkfähigkeit herüberbringen. Er muss die Musiker zu dem Punkt bringen, wo alle das Gleiche denken.

RONDO: Klingt auch nicht gerade sehr gemütlich!?

Barenboim: Warum sollte es? Egal was passiert, ob die Twin Towers in New York einstürzen, ob jemand in der Familie stirbt oder was immer: An einer bestimmten Stelle muss unter allen Umständen ein Akzent gemacht werden! Darum kommen Sie nicht herum.

RONDO: Kann man das politische Völkergemisch Ihres West-Eastern Divan Orchestra eigentlich hören?

Barenboim: Wo kämen wir da hin?! Übrigens gibt es bei den Berliner Philharmonikern viel mehr Nationalitäten als bei uns im West-Eastern Divan Orchestra. Dort sind es 25. Bei uns gibt es nur acht: Israelis, Palästinenser, Syrer, Libanesen, Ägypter, Jordanier, Türken und Spanier.

RONDO: Nationalitäten bedeuten nichts?

Barenboim: Gar nichts. Wer war der größte deutsche Pianist? Claudio Arrau. Er war Chilene. Den Ausschlag gibt die Bildung, nicht der Geburtsort. Unser Orchester hat eine viel größere Homogenität als die meisten anderen.

RONDO: Sie haben das West-Eastern Divan Orchestra als »das Wichtigste« bezeichnet, das Sie in Ihrem Leben gemacht haben. Warum?

Barenboim: Dieses Orchester ist der genaue Spiegel des politischen Konflikts, der mich tagtäglich schmerzt und beschäftigt. 1952 bin ich nach Israel gekommen. Das Problem erkannt habe ich erst im Jahr 1970. Damals war der sogenannte »schwarze September«, bei dem Tausende von Palästinenser getötet wurden. Anschließend sagte die damalige Premierministerin Golda Meir: »Es gibt kein palästinensisches Volk. Wir sind die Palästinenser!« Da habe ich endlich realisiert: Hier stimmt etwas nicht.

RONDO: Was können Sie dagegen tun?

Barenboim: In meiner kleinen Welt, dem West-Eastern Divan Orchestra, kann ich einen Gegenentwurf formen. Wir sagen den Musikern nicht, was sie zu denken haben. Gemeinsam ist uns nur, dass wir nicht an eine militärische Lösung des Konflikts glauben. Viele Musiker haben mit den Jahren gelernt, die Legitimität der Erzählungen der anderen anzuerkennen. Ohne damit einverstanden sein zu müssen! Das ist es, worauf es ankommt.

RONDO: Ihre Frau Elena Bashkirova startet in diesem Jahr einen Ableger des Jerusalem Chamber Music Festival in Berlin, mit Ihnen als Solist. Funktionieren die Barenboims immer mehr als Familienbetrieb?

Barenboim: Ich gestehe, dass ich meiner Frau, als sie in Jerusalem ein Kammermusikfestival gründen wollte, abgeraten habe. Trotzdem hat sie einen Riesenerfolg gehabt, worauf ich sehr stolz bin. Als ihr angeboten wurde, einen Ableger im Berliner Jüdischen Museum zu etablieren, hat sie mich nicht wieder um Rat gefragt. Sie baut ihre musikalische Existenz nicht auf meiner auf. Was ich auch sehr zu schätzen weiß.

RONDO: Sie leben inzwischen 20 Jahre lang in Berlin. Was sind Ihre Lieblingsorte?

Barenboim: Das Pergamon-Museum. Und jeder See, den es in und um Berlin herum gibt.

RONDO: Sie sind mit allen wichtigen Musikern des 20. Jahrhunderts zusammengekommen. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Barenboim: Unter den Pianisten Arthur Rubinstein, auch weil er unserer Familie so nahe stand. Er kannte meine Mutter, als sie mit mir schwanger war. Und weil Musik für ihn eine so gesunde Sache war. Rubinstein war gekränkt von Leuten, die überfeinert nach Sinn suchten und alles zu Tode analysierten. Dann: Claudio Arrau. Und Clifford Curzon.

RONDO: Und unter den Dirigenten?

Barenboim: Natürlich Furtwängler. Das hat mit der persönlichen Begegnung wenig zu tun. Ich war ja erst 11 Jahre alt. Die Größe von Furtwängler habe ich erst später erkannt. Durch seine Schriften und durch seine Schallplatten. Bestimmt habe ich versucht, ihn nachzuahmen. Ich habe bis heute eigentlich das Gefühl, seinen Ideen treu geblieben zu sein. Der zweite Dirigent, der sehr wichtig für mich gewesen ist, war Leopold Stokowski. Er war wirklich ein Zauberer. Und später dann: Sergiu Celibidache. RONDO: Reden Sie zuhause eigentlich jemals über etwas anderes als Musik? Barenboim: Wir reden ganz selten über Musik! Was wir stattdessen viel machen, ist: Krimis gucken. Fast jeden Abend.

RONDO: Sie wollen mich hereinlegen!

Barenboim: Nein, wir schauen »Ein Fall für zwei« und andere deutsche Krimi- Serien auf Sky. »Kommissar Rex« liebe ich über alles!

RONDO: Das ist doch mal ein Bekenntnis!

Barenboim: Dagegen käme ich niemals auf die Idee, mir eine CD von einem befreundeten Künstler aufzulegen. Ich würde nie einen der Klavierabende von Maurizio Pollini oder von Radu Lupu verpassen. Aber eine CD?! Das gehört einfach nicht zu meinem Leben. »Kommissar Rex« schon!

Ludwig van Beethoven

»Beethoven für alle«. Die 9 Sinfonien

West-Eastern Divan Orchestra, Daniel Barenboim

Decca


»Das bestaussehende Orchester der Welt«, so hat Daniel Barenboim das 1999 gegründete West-Eastern Divan Orchestra genannt. Hinzusetzend: »Das ist gar nicht so unwichtig, finde ich!« Benannt nach Goethes Gedichtsammlung »West-östlicher Diwan«, praktiziert das Orchester den musikalischen Dialog von Musikern, die unterschiedlichen politischen Lagern im Nahen Osten angehören – darunter Israelis und Palästinenser. Die Mitglieder im Alter von 14 bis 25 Jahren treffen sich jeweils einmal im Jahr für eine intensive Arbeits- und Tourneephase. Seit 2002 ist das Orchester im spanischen Sevilla beheimatet. Die Gründung fand jedoch in Weimar statt – auf Anregung von Barenboim und dem in Palästina geborenen Literaturwissenschaftler Edward Said (der 2003 starb). Ein wichtiger Auftritt des Orchesters fand 2005 in Ramallah (im Westjordanland) statt. 2011 traf man sich für ein Friedenskonzert an der Grenze zum kommunistischen Nordkorea. Auftritte in Israel und Ägypten waren dagegen bis heute nicht möglich. Nicht zuletzt aufgrund seiner Arbeit mit dem West-Eastern Divan Orchestra ist Barenboim mehrfach als Kandidat für den Friedensnobelpreis ins Spiel gebracht worden. Der 1942 in Buenos Aires geborene Daniel Barenboim kam mit zehn Jahren nach Israel – zwei Jahre, nachdem er in Argentinien als Pianist debütiert hatte. Schon als Kind wurde er dem von ihm bewunderten Wilhelm Furtwängler vorgestellt. Gefördert wurde er außerdem von dem polnischen Pianisten Arthur Rubinstein. Von 1967 bis zu ihrem Tod 1987 war Barenboim verheiratet mit der britischen Cellistin Jacqueline du Pré. Seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. Hier hat er sich nicht zuletzt als Wagner-Dirigent, aber auch mit Beethoven stark profiliert. Gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau, der russischen Pianistin Elena Bashkirova, lebt Barenboim in Berlin.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2012



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Alice Sara Ott & Ólafur Arnalds

Vintage-Chopin

Auf ihrem neuesten Duo-Album spüren Alice Sara Ott und der isländische Pop-Musiker Ólafur […]
zum Artikel »

Pasticcio

Eklat!

Maurizio Pollini ist nicht nur für sein Klavierspiel, sondern auch für seine bisweilen gewagte […]
zum Artikel »




Top