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Nicole Cabell

Große Stimme, schmaler Schnitt

Die Sopranistin, in deren Adern afroamerikanisches, koreanisches und kaukasisches Blut fließt, stammt aus dem sonnigen Kalifornien. Vor zwei Jahren gewann sie mit dem „BBC Cardiff Singer of the World“ den bedeutendsten Gesangswettbewerb der Welt. Nicole Cabell soll die neue Glamourdiva der Oper werden.

Amerika und Europa, das sind sehr verschiedene Divenwelten. Bei uns favorisiert man untergewichtige, laufstegfähige Opernnymphen wie Netrebko, Garanča und Mijanovic. Vorwiegend aus dem Osten. In den USA dagegen stehen noch elegante Galagöttinnen hoch im Kurs, die einige Kilo mehr auf die Wage bringen dürfen. Das ist das Primadonnenrevier von Deborah Voigt, Jane Eaglen oder Ewa Podleś, deren Erscheinungsweise man dort übrigens für europäisch hält.
Eine Ausnahme, zugleich Synthese aus beiden Typen, kommt jetzt aus Amerika – woher sonst? Nicole Cabell besitzt die hoheitsvolle Grandezza einer Thronfolgerin, aber die Taille von Beyoncé Knowles. Das Dreamgirl für Puccini, Gounod und Gershwin schickt einen universalen Operntypus um den Globus – so wie sich den viele erträumen: große Stimme, schmaler Schnitt. Und dabei doch irgendwie üppig vor lauter Sinnlichkeit. Verführerisch schält sich ihr Kurtisanenblick aus Spitze und Tüll, aus Blümchen und schwarzer Lockentolle (im Booklet zu ihrer CD). Eine „Stimme in der Blüte der Jugend“, säuselt der Promotext. Die Palette des Repertoires ist so breit angelegt, als solle die Künstlerin gleich beim ersten Mal zeigen, wovon sie die nächsten 20 Jahre leben wird. Hält die Endzwanzigerin, was da von ihr gewollt wird?
1977 wurde die Kalifornierin im sonnigen Panorama City geboren und wuchs am Pazifikstrand von Ventura auf. Zuerst wollte sie Schriftstellerin werden. Die Mutter verhinderte es. Dann spielte sie Flöte, Basketball und kam zum Musical. In „Once On This Island“, dem „Romeo und Julia“-Verschnitt von Stephen Flaherty, gab sie ihr Bühnendebüt – in einer Mutterrolle. Beim Besuch der Eastman School of Music und der Juilliard School in New York fühlte sie sich wegen ihres kalifornischen Dialekts zuerst nicht wohl. In Italien schnupperte sie Opernluft. Ihre prägenden Erfahrungen aber machte sie an der Lyric Opera von Chicago.

Sie lässt ihre Superstimme in die einfältigen Girls ihrer Opernrollen schlüpfen.

Hier himmelte sie Renée Fleming und Thomas Hampson an – in Massenets Mätressenschocker „Thaïs“. Bald wurde ihre Stimme von Marilyn Horne entdeckt. Tatsächlich verbindet sie eine gewisse Stimmüberfülle mit der großen Vorgängerin. All das hatte Folgen. Der künstlerische Leiter des Hauses, Andrew Davis, nahm Cabell unter seine musikalischen Fittiche. Und dirigiert jetzt locker-unaufdringlich auf Cabells Debüt-CD das London Philharmonic Orchestra. Sie lässt ihre Superstimme in die einfältigen Girls ihrer Opernrollen schlüpfen. Auf dieser Spannung segelt das Album in großen Legatobögen dahin. Durch sie kriegen die einfältigen, jungen Dinger ein Maß attraktiver Durchtriebenheit, das schon den Plattenproduzenten als förderlich aufgefallen sein dürfte.
Im Gespräch in Berlin weiß die schlank aufragende Schönheit zu berichten, ihre wahren Vorbilder seien Mirella Freni und Dawn Upshaw. Bis zu Verdi, wonach sie schon heute klingt, will sie sich nicht vorwagen. Stattdessen sehnt sie sich nach Kurt Weill und spanischem Repertoire. Strebt nach Vielfalt wie Anne-Sofie von Otter. Von deren kühler Sentimentalität indes trennt sie viel. Cabells afroamerikanische Vorfahren wurden durch je eine europäische und koreanische Großmutter aufgemischt. Das erhöht den exotischen Sexappeal-Faktor beträchtlich. So viel Mandelaugen und Springlockenpracht waren lange nicht seit Leontyne Price.
In Berlin konnte man sich unlängst von Cabell ein von den Umständen beeinträchtigtes Bild machen. Für die erkrankte Angela Gheorghiu, deren prall-lippigere Typnachfolgerin sie werden könnte, sprang sie kurzfristig als Juliette an der Deutschen Oper ein – und biss sich vor Angst dabei auf die Zunge. Als Ilia in der Wiederaufnahme von Hans Neuenfels’ „Idomeneo“ konnte sie nur schwer gegen das müde Dirigat von Ralf Weikert anpunkten.
Mit Nicole Cabell entert erstmals seit Jahren wieder ein Glamoursopran die internationale Bühne. Ob die Sängerin ganz glücklich damit ist, fragt man sich. Ihre Opernauftritte zumindest will sie zunächst strikt begrenzen. Brahmsrequiem, Mahlers Vierte und Lieder von Fauré und Liszt stehen ihr näher, sagt sie. Im Übrigen wuchs sie mit Pop auf, nicht mit Klassik, und will daher mehr Gershwin, Bernstein und Cole Porter singen. An Cabells Vorbehalten gegenüber der Moderne lässt sich ablesen, dass eine neue Generation unterwegs ist. Sie hat mit Kunstdemonstrationen wenig im Sinn. Schönberg, so beteuert Nicole Cabell, würde sie niemals singen.
Kein Wunder, wenn Cabell demnächst – ähnlich wie manche Kollegin – mit Jazzstandards reüssieren würde. Schon heute ist sie ein Fan von Ricky Ian Gordon, der für Audra McDonald und Renée Fleming komponierte. Cabells erstes Album stellt eine Luxusvisitenkarte dar, auf der nicht wenig enthalten ist. Wer vieles singt, wird manchem etwas bringen.

Neu erschienen:

Soprano

Nicole Cabell, London Philharmonic Orchestra, Andrew Davis

Decca/Universal


Opulent und üppig strömend

Da ist sie nun, die neue Diva des Labels Decca, und da wird sie hoffentlich lange bleiben, denn ihre Stimme ist von sehr guter Qualität. Fabelhaft auch ihre Bühnenpräsenz, ein wenig zu satt für europäische Ohren gelegentlich vielleicht ihr Vibrato. Ihr Debütrezital beginnt sie mit einer opulenten, üppig strömenden Version des Musettewalzers aus Puccinis „Bohème“, gefolgt von einer frühlingshaft frischen Darbietung von Gounods „Ah! Je veux vivre“ („Roméo et Juliette“). Damit und mit Puccinis „O mio babbino caro“ oder Donizettis “Quel guardo il cavaliere” legt sie eine Repertoirelinie fest, bei der sie hoffentlich eine gute Weile bleiben wird, denn sie bringt ihre durchschlagskräftige und gut im Körper verankerte, aber doch auch eher leichte und im völlig freien Ausschwingen am angenehmsten sich entfaltende Stimme optimal zur Geltung. Das amerikanische Repertoire berührt Cabell mit Gershwins „Summertime“ und Menottis „What a Curse for a Woman is a Timid Man“ („The Old Maid and the Thief”) – letzteres in jeder Hinsicht ein Paradestück für die engagierte Sängerdarstellerin, ersteres nicht unbedingt ein „must“, denn für die farbige Nanny beim reichen Baumwollbauern hatte eine Sarah Vaughan vielleicht doch die überzeugendere Ausdruckspalette parat. Kraftvoll und offen in mittlerer bzw. tiefer Lage, durchaus strah lend, aber nicht immer vollkommen frei in der Höhe präsentiert sie Puccinis „Chi il bel sogno di Doretta“ („La Rondine“). Eine bemerkenswerte Stimme mit Zukunft ohne Zweifel, wenn sie weiterhin besonnen und verantwortungsvoll geführt wird.

Michael Wersin


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 2 / 2007



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