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Maria Callas

Taille und Tagliatelle

Vor 30 Jahren verstarb in Paris die größte Sängerin des 20. Jahrhunderts. Was ist nicht alles schon über die Callas gesagt und geschrieben worden! Doch was nur Wenige wissen: Die Callas sammelte manisch Rezepte – und machte selbst in der Küche eine gute Figur.

„Oper ist, wenn die dicke Dame singt“, sagen zynische Zungen. Ausgerechnet die berühmteste aller Operndamen, die Primadonna assoluta Maria Callas, war stets singendes Gegenbeispiel zu diesem Klischee: eine schlanke Ausnahme. Denn während Montserrat Caballé (nach eigenem Bekunden) von Früchten und von Gemüse dick wurde, musste sich Deborah Voigt den Magen verkleinern lassen, um neben Catwalk-Schönheiten wie Anna Netrebko bestehen zu können. Berühmte Opernmoppel wie Sharon Sweet, Alessandra Marc oder Jane Eaglen flogen durch überzählige Pfunde ganz (oder beinahe) aus der Karrierekurve. Dick - sein ist gefährlich geworden. Die Oper hat abgespeckt.
Und genau darin gab Maria Callas die grazile Vorreiterin. Bekanntlich war sie zu Anfang ihrer Karriere gleichfalls dicklich. Frühe Fotos zeigen einen untersetzten Teenager, der an den Nägeln kaut. Für ihre Weltkarriere nahm die Callas indes 40 Kilo ab. Sie ernährte sich hauptsächlich von Pillen. Hat von Gekochtem fast nur probiert. Vom einen Klischee rutschte sie dadurch ins andere: Die fauchende Raubkatze und „Tigerin“ unter den Sopranwundern nämlich war – von Zeit zu Zeit – tatsächlich verrückt nach blutigem Fleisch. Sang sie an der Scala, so verzehrte sie vorher ein 800- Gramm-Steak. „Wer das sah“, so berichten Zeitzeugen, „der fragte sich verwundert, wie sie mit so viel Fleisch im Magen noch singen konnte.“ Weil sie ihrem Mann Giovanni Battista Meneghini eine gute Hausfrau sein wollte, kaufte sie Küchengeräte, riss Rezepte aus Frauenzeitschriften heraus und tauschte sich mit Damen der High Society über Kühlschrank- Novitäten aus. Gern ließ sie sich vor pieksauberen Kücheninterieurs ablichten – in perfekter Pose. So tritt einem dabei stets eine perfekt gekleidete Callas entgegen. Als Vorzeige- und Societyhausfrau der 50er und 60er Jahre.
Die Hungerkünstlerin las offenbar gern Rezepte und entwickelte sich so zu einer Art sublimierendem Gourmand. Sie aß kaum – und bereitete erst recht nichts zu. Koch und Chauffeur aber mussten Zutaten und Anweisungen haufenweise notieren. Zahlreiche Rezeptzettel fanden sich so im Nachlass der Callas. Die Diva archivierte das wunderbare Carpaccio-Rezept aus Harry’s Bar, bevor dieses im Kochbuch des berühmten venezianischen Restaurants publiziert wurde. Risottorezepte sammelte sie ebenso wie die Zubereitungsformel für: „Langusten mit Mayonnaise“. Man sieht: Der Jetset aß schon damals edel, aber einfach. Sogar Rezepte von Giacomo Casanova, die an Bord der Yacht von Onassis serviert wurden, bewahrte sie auf. So spiegeln sich auch Verzweiflung und emotionale Abstürze der Callas in ihrer Rezeptmanie. Der kulinarische Erfolg nämlich, bedenkt man den unglücklichen Verlauf der Affäre mit Onassis (er hei ratete kurz darauf lieber Jackie), scheint nicht ganz so gewesen zu sein wie bei Casanova selbst.
Nicht zuletzt bewahren die Lieblingsrezepte der Callas das Savoir-vivre der Mailänder und Veroneser Lokale, in denen sie gern verkehrte. In einem schönen Kitchen-Table-Book erscheinen die „kulinarischen Geheimnisse“ der Diva jetzt erstmals gesammelt. Als Bekenntnisse einer Gaumenkünstlerin, die fast nichts aß. Das Buch enthält Fotos, die beweisen, wie chic und topgestylt man sogar vor einem Herd auftreten kann. Dann zumindest, wenn man Maria Callas heißt. Wenn man Taille und Tagliatelle zu vereinbaren weiß. Und vielleicht auch: solange man nicht kocht.

Neu erschienen:

Maria Callas - La divina in cucina

Südwest

Simply Callas - The Early Recordings

Warner Classics

Maria Callas - Birth Of A Diva

Warner Classics

Maria Callas - The One and Only

EMI

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2007



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