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Marcus Bosch

Auf Karajans Schemel

Der Aachener GMD hat das kleine Stadttheater gehörig aufgemischt. Nicht allein mit kecken Aktionen wie »Brahms satt« steigerte er die Auslastung seines Hauses um 170 Prozent. Dirigenten wie Bosch gehört die Zukunft.

Eine Straße für Herbert von Karajan gibt es in Aachen nicht. Denn, so sagt man, in Aachen verließ Karajan seine erste Frau. Rigides Rheinland! Doch während Karajan in Aachen die Etappe seiner Galeerenjahre beendete, erkennt man in derlei Orten heute Paradebeispiele geadelter Musenstätten, wo man das Handwerk lernt und die Flamme der Kunst anzufachen vermag. Karajans Basis, die Grundlage für die wohl größte Dirigentenkarriere seines Jahrhunderts, wurde in Aachen (und Ulm) gelegt. Musikweltbürger, schaut hierher. Weit vorne an der Rampe zur großen Klassikwelt steht derzeit Marcus Bosch. Mit mehr als einem Dutzend CDs ist der Enddreißiger längst einschlägig in Klassikkatalogen präsent. In Aachen hat er die Auslastung seines 745-Plätze-Hauses »um 170% gesteigert«, wie man dort nachgerechnet hat. Der schwäbische GMD mit den brasilianischen Vorfahren übernahm mit 14 Jahren einen Kirchenchor von seinen Eltern. Auf der Schwäbischen Alb versuchte man ihn in der Dorfmusikschule kurz zu halten – vergebens. Nach einigen Repetitor- und Kapellmeisterjahren kam er zunächst nach Halle – mit 30 Konzerten pro Saison.
Mit kecken Aktionen wie »Ein Fest für Herbert« (zum bevorstehenden 100. Geburtstag Karajans), »Nimm zwei« oder schlicht »Brahms satt« hat Bosch in Aachen Aktionswochen wie im Kaufhaus eingeführt – und als »Handreicher« seines Publikums das Musikleben ungeahnt aufgemischt. »Die Leute haben hier nicht mehr das Gefühl, dass da jemand im Elfenbeinturm sitzt«, sagt er. Ähnlich wie in manch anderem Stadttheater lag das Musikleben trotz großer Vergangenheit ziemlich brach. »Wenn’s einmal nicht gefällt, geht man drei Jahre lang nicht mehr hin«, so Bosch über die Opernmentalität, die er 2002 vorfand. Inzwischen werden seine Programmstrecken mancherorts kopiert. Mit Einflüssen der historischen Aufführungspraxis (endlich wieder Bach!) und großer Sinfonik wurden Reflexe eines Musikinteresses reaktiviert, die auch dort oft intakt sind, wo die Auslastungszahlen lahmen.
Immerhin wirkte in Aachen nicht nur Karajan. Wolfgang Sawallisch sammelte hier ebenso Opernerfahrungen wie Leo Blech (ein Aachener) und Fritz Busch. Sogar jener Dirigentenverfolger soll hier erfunden worden sein, der zu Anfang und Ende einer Vorstellung den Maestro in einen Lichtkegel taucht. Ein Holzschemelchen, auf dem der Dirigent bei Wagneraufführungen Platz nehmen kann, ist noch dasselbe wie unter Karajan. Zum 150. Geburtstag des zweitältesten Stadttheater-Orchesters in Deutschland zapfte Bosch die ortsansässige Bruckner-Gesellschaft als Sponsor an. Demnächst erscheint (nach der 3., 5., 7. und 8. Sinfonie!) eine nach den Skizzen des Komponisten komplettierte Neunte. Marcus Bosch zeigt unvermutete Perspektiven nicht nur für kleinere Häuser und Orchester auf. Je mehr die Bedeutung der Konzerte für den CD-Verkauf wächst, desto leichter wird es für local player wie ihn. In der Krise der Großen wittern exzentrische Nachrücker wie Bosch ihre Chance.
Auch mit Händels »Alexanderfest« widmet sich Bosch auf einer neuen CD einem Werk, das nicht zufällig mit Aachen assoziiert wird. Händel ließ sich – zur Entstehungszeit – von Aachener Nonnen nach einem Schlaganfall kurieren. Mit seiner spezifischen Programmatik – locker und persönlich bei großer musikalischer Qualität – zeigt der in Hamburg, Berlin und München gefragte Operndirigent, wie man das musikalische Leben vorantreiben kann. Act local, conduct global. Von dem Mann wird man noch hören.

Neu erschienen:

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9

Sinfonieorchester Aachen, Marcus Bosch

Coviello/Note 1

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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