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Musikstadt

Warschau: Warschauer Frühling

In keiner Stadt Polens wird so sichtbar um die Identität der jungen Demokratie gerungen wie in Warschau. Und auch die polnische Musikszene ist im Umbruch. Der osteuropäische musikalische Nachwuchs hat zum Start auf die Überholspur angesetzt. Carsten Niemann lauschte auf seiner Reise im Sommer 2007 der Sinfonie der polnischen Hauptstadt.

Der Berlin-Warszawa-Express hat uns im Zentralbahnhof ausgespuckt, der wie ein großer grauer Käfer in der Innenstadt hockt. Wir treten ins Freie. Wo mag wohl das musikalische Herz dieser Metropole schlagen? Wir denken an den berühmtesten polnischen Komponisten und marschieren gleich zum Chopindenkmal im Łazienski-Park. Ein freundlicher Passant beschreibt uns auf Deutsch den Weg. Wir passieren eine Gruppe demonstrierender Abtreibungsgegner. Das Denkmal von Chopins Kollegen, dem etwas verlassen und griesgrämig in Bronze auf seinem Stuhl sitzenden Pianisten, Komponisten und Ministerpräsidenten Ignacy Paderewski, lassen wir links liegen. Vor dem Chopindenkmal ist dagegen kaum noch eine freie Bank zu finden. Dabei hat die Saison für die kostenlosen Klavierkonzerte, die hier in den Sommermonaten abgehalten werden, noch gar nicht begonnen. Die Menschen, die sich im Angesicht Chopins von der Sonne bescheinen lassen, stört es nicht: Sie sehen aus, als lauschten sie zusammen mit dem Komponisten einer verborgenen Melodie.
Der Łazienki-Park, der die weitgehend unversehrt aus dem Inferno des Kriegs hervorgegangene Sommerresidenz des Königs Stanisław August Poniatowski einfasst, birgt neben verschiedenen stimmungsvollen Aufführungsorten für Musik auch eines der wenigen weltweit erhaltenen Hoftheater des 18. Jahrhunderts. Hier führte 1961 ein kleines Ensemble um den Oboisten Stefan Sutkowski das Opernintermezzo »La serva padrona« von Pergolesi auf. Was als charmante Off-Theater-Initiative begann, entwickelte sich zu einer der bemerkenswertesten musikalischen Institutionen der Hauptstadt: die Warschauer Kammeroper. Zehn mühevolle Jahre schlug man sich im sozialistischen System als Privattheater durch, bevor man als Oper der Woiwodschaft Masowien ein eigenes Budget erhielt. 1986 wurde der Traum von der eigenen Spielstätte wahr. Man bezog eine liebevoll zum Theater umgebaute ehemalige reformierte Kirche aus dem 18. Jahrhundert, die in einer städtebaulichen Oase am Rande des ehemaligen jüdischen Ghettos liegt. 46 bewegte Jahre leitet Stefan Sutkowski sein Theater. »Ich war nie in einer Partei, ich bin immer unabhängig gewesen«, sagt der umgängliche Patriarch mit dem weißen Bürstenschnitt bedächtig. Mit einem flexibel einsetzbaren Pool aus etwa 300 engagierten, oft jungen Musikern gelang Sutkowski das Kunststück, Frische und Pioniergeist eines Off-Theaterensembles auf Dauer in einer leistungsfähigen Musiktheaterinstitution zu erhalten. Die leistet Erstaunliches: Von der Barockopernausgrabung bis zu Verdiopern und Uraufführungen neuer polnischer Komponisten reicht die Bandbreite der Warschauer Kammeroper. Mit drei Orchestern, darunter der Musicae Antiquae Collegium Varsoviense auf historischen Instrumenten, veranstaltet man zudem zahlreiche Konzerte. Immer wieder im Fokus sind dabei Wiederentdeckungen polnischer Komponisten, die Sutkowski mustergültig edieren und mit Hilfe der Stiftung Pro Musica Camerata auf CD herausbringen lässt – unter ihnen das Gesamtwerk des Warschauer Barockkomponisten Stanisław Sylwester Szarzy´nski oder eine leidenschaftliche Passion von Chopins Lehrer Józef Elsner. Mit sämtlichen (!) Bühnenwerken Mozarts im Repertoire veranstaltet man ein jährliches Mozartfestival, das für Touristen und Kenner gleichermaßen interessant ist. Beharrlich hat Sutkowski auch an seinem Vorsatz festgehalten, historische Opern, so weit es die räumlichen und finanziellen Verhältnisse zulassen, im Stil ihrer Zeit aufzuführen. Was auch bedeutet, mühsam die historische Schauspielkunst mit ihren plastischen malerischen Gesten wiederzuentdecken. Dass in Warschau ein tieferes emotionales Verhältnis zu Rekonstruktionen herrscht, kann Stefan Sutkowski, der sich noch an die unzerstörte Stadt erinnert, nur bestätigen: »Wir haben erlebt, dass man sein Gesicht verlieren kann«, sagt er.

Inszenierungsangebot mit Balance aus Tradition und Moderne

Mit Einschränkungen muss man mit knapp kalkulierten Budgets und in einem 160 Zuschauer fassenden Haus zwar auch umgehen können. Wenn Stars des Ensembles wie die Sopranistin Marta Boberska auf die winzige Bühne treten, dann ahnt man, was möglich ist: Die Eleganz, Lebendigkeit und Klarheit, mit der sie die Titelrolle in der ersten szenischen Wiederaufführung von Montéclairs spannender Barockoper »Issé« gestaltet, lässt spielend die Distanz der Jahrhunderte vergessen. Wir werden Marta Boberska noch ein zweites Mal bei unserem Besuch begegnen: diesmal als Solistin in Brahms’ Deutschem Requiem, das die polnische Nationalphilharmonie zum Gedenken an den zweiten Todestag von Papst Johannes Paul II. aufführt. Dem populären Pontifex scheint neben der Rolle des Nationalheiligen auch die Rolle eines Werbeträgers für Musik bevorzustehen: Allein am Gebäude der Nationalphilharmonie tragen drei unterschiedliche Konzertplakate sein Konterfei. Während der bestens einstudierte Chor der Nationalphilharmonie überzeugt, so enttäuscht das Orchester im Vergleich zu anderen Warschauer Ensembles wie etwa der engagierten Sinfonia Varsovia an diesem Abend ein wenig.
Wir beenden unseren Besuch im Teatr Wielki, dem Heim der polnischen Nationaloper. Das Haus hat die unterschiedlichsten Entwürfe polnischer Nationalopern gesehen, wobei der jüngste und frecheste Beitrag allerdings eine Fremdveranstaltung war: Letztes Jahr gastierte hier das Neue-Musik-Festival Warschauer Herbst mit einer trashigen Opernparodie der jungen polnischen Komponistin Aleksandra Gryka, in der ein Raumschiff namens Warschau in den Einfluss gefährlicher »Twins« gerät. Zurück in die Geschichte entführt uns dagegen die Eigenveranstaltung der Nationaloper, die wir an diesem Abend besuchen – auch wenn sie ebenfalls im Zeichen der Nachwuchsförderung steht. Primadonna ist die junge Sopranistin Aleksandra Kurzak: Sie ist Preisträgerin des Stanisław-Moniuszko-Gesangswettbewerbs, der jährlich am Haus ausgetragen wird. Die Oper, in der sie singt, stammt selbstverständlich aus der Feder des polnischen Nationalkomponisten Stanisław Moniuszko: »Straszny Dwór« (»Das unheimliche Schloss«) heißt sie. Wir sind nicht die Einzigen, die Werk und Theater zum ersten Mal kennen lernen – zahlreiche Schulklassen füllen mit uns den 1832 Plätze fassenden Saal. Im lockeren Gewande einer Spieloper daherkommend, brachte das Stück, das hier 1865 unter russischer Herrschaft uraufgeführt wurde, zum ersten Mal das polnische Nationalgefühl musiktheatralisch auf den Punkt. Der Frage, welche Bedeutung die Handlung für die Gegenwart, für das neue Selbstbild der jungen dritten polnische Republik haben könnte, weicht die konventionelle Inszenierung, an deren Ende das aufwändig kostümierte Ballett vor der gemalten Kulisse des alten Warschauer Königsschlosses tanzt, allerdings aus. Ein Maler, der das Geschehen auf der Bühne in großen Ölgemälden festhält, soll historische Distanz andeuten. Und doch: Als die Primadonna im vierten Akt in einer großen Arie selbstbewusst den Patriotismus der polnischen Mutter preist, müssen wohl nicht nur wir für einen Augenblick an die Abtreibungsgegner vor dem Sejm denken.
Die Inszenierung ist Teil des Erbes, das der neue Intendant Ryszard Karczykowski mitten in der Spielzeit 2006/2007 übernommen hat. Der international erfolgreiche Tenor blickt mit dem Ehrgeiz des Kosmopoliten, aber auch mit dem Realismus des Theaterpraktikers auf das Haus. Ungeduld und Tatendrang sind ihm dabei anzumerken. »Ein Koloss«, ruft er unwillkürlich aus, als er uns durch das riesige Treppenhaus führt. Das 1833 eröffnete Teatr Wielki wurde nach dem Krieg zwar äußerlich originalgetreu erhalten, aber in seinem Innern in überdimensionaler Größe wieder aufgebaut: »Allein auf Bühne und Seitenbühnen könnte man die gesamte Mailänder Scala hinstellen«, klärt uns der Intendant auf. Um das Haus auf Dauer mit Publikum und Inhalt zu füllen, setzt Karczykowski auf geduldige Aufbauarbeit von innen: Eine »Zauberflöte« für Kinder, wie sie an anderen europäischen Bühnen gang und gäbe sei und überhaupt jährlich eine neue Kinderopernproduktion, sind die ersten Projekte der neuen Spielzeit 2007/2008, die ihm einfallen. Kammeroperninszenierungen wie Brittens »Rape of Lucrezia« und barocke Studioproduktionen sollen jungen Künstlern eine Chance geben, ihr Talent behutsam zu entwickeln. Das Inszenierungsangebot im großen Haus will er mit einer besseren Balance aus Tradition und Moderne beleben. Bei der Suche nach Stars bereiten ihm neben den niedrigen Gagen lange Planungsfristen und bürokratische Hürden Sorge: So müsse man ab einer bestimmten Gage Stellen für Solisten ausschreiben. Große Hoffnungen setzt der Intendant auf den Nachwuchs aus polnischen Musikhochschulen. Zwar hätten die deutschen Hochschulen klingende Namen und seien in Lied und Oratorien unerreicht – »aber in der Opernausbildung«, sagt er mit dem gesunden Stolz des wetteifernden Nachbarn, »da seid Ihr nicht besser«.

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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