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25 Jahre Akademie für Alte Musik

Tanz den Henry Purcell

Sie spielen auf alten Instrumenten – und sie erfinden sich ständig neu. Im Gegensatz zu anderen Barockensembles hält die Akademie für Alte Musik treu zu ihrem angestammten Repertoire. Jörg Königsdorf porträtiert ein Orchester, das mit der Choreografin Sasha Waltz im Berliner Radialsystem aufregende Wege gegangen ist.

Es muss ein lausig kalter Wintertag gewesen sein, an dem das neue Foto der Akademie für Alte Musik geschossen wurde. Tief eingemummelt sitzen die Musiker auf der Terrasse des Radialsystems, während hinter ihnen träge und grau die Spree vorbeifließt, blicken halb erschöpft, halb erleichtert wie Auswanderer, die nach vielen Strapazen endlich in ihrer neuen Heimat angelangt sind. Und ein bisschen ist es ja wirklich so: Nach 24 Jahren ohne feste Bleibe hat sich Berlins Spitzen-Kammerorchester seit Herbst letzten Jahres in dem großzügig renovierten Industriebau unweit des Ostbahnhofs niedergelassen und zugleich ein neues Kapitel seiner Existenz aufgeschlagen. Mit Sasha Waltz, Berlins berühmtester Choreografin, will man hier, dicht an der pulsierenden Ostberliner Clubszene, die zum Ritual erstarrte klassische Konzertform aufbrechen und ausprobieren, wie durch die Verbindung mit Tanz und Szene den alten Werken neues Leben eingehaucht werden kann. Kennen gelernt hatten sich Waltz und die Akademisten vor drei Jahren bei der Kultproduktion von Purcells »Dido and Eneas«. Man verstand sich auf Anhieb, und weil auch Waltz nach ihrem Auszug aus der Schaubühne auf der Suche nach einem festen Proben- und Aufführungsort in Berlin war, tat man sich einfach zusammen.
Doch erst das gemeinsame Projekt von Vivaldis »Vier Jahreszeiten« in diesem Frühjahr habe das Eis endgültig gebrochen, erzählt Akademie-Konzertmeister Georg Kallweit: »Auf einmal haben wir begriffen, dass die Bilder, die der Tanz aus der Musik entwickelt, ja gar nicht so weit entfernt von dem sind, was wir ohnehin tun. Wir erzählen doch auch immer Geschichten, wenn wir spielen.« Wer die Musiker bei diesen »Vier Jahreszeiten« erlebt, kann über ihren Mut nur staunen: Wenn Konzertmeisterin Midori Seiler teufelsgeigend auf den Schultern des Tänzers Juan Cruz de Esnaiola sitzt, wenn das Ensemble sich im Sommergewitter und bei den herbstlichen Jagdszenen im Raum immer wieder neu formiert, erreicht dieser Abend eine Poesie und Bildkraft, die den Evergreen tatsächlich völlig neu klingen lässt. Teilweise, räumt Kallweit ein, liege das sogar am Tanz selbst: »Wenn man sich beim Spiel bewegen muss, ist das eine ganzkörperliche Erfahrung, die natürlich die Musik beeinflusst. Andante heißt zum Beispiel ›gehend‹, und wenn man dabei geht, findet man automatisch das richtige Tempo.«
Diese Vivaldi-Selbsterfahrung lässt sich auch aus der neuen, im direkten Umfeld der »Jahreszeiten«-Produktion eingespielten CD mit Konzerten des Venezianers heraushören: Der forsche, ungestüme Stil, der lange das Kennzeichen der Akademie war, ist dort durch größere Finesse gemildert, unter Leitung der beiden Konzertmeister Kallweit und Midori Seiler setzt das Ensemble nicht mehr vorrangig auf Sturm-und-Drang-Impetus, sondern stärker auf Klangkultur. Zugute kommen wird diese Stilkorrektur in der Hauptsache weiterhin der deutschen Barockmusik. Denn anders als Konkurrenten wie Concerto Köln oder das Freiburger Barockorchester, die immer weiter ins 19. Jahrhundert vorstoßen, will die Akademie bei ihrem angestammten Repertoire bleiben – selbst die Vivaldi-CD, die erste in 25 Jahren Ensemblegeschichte, war nur ein Kurztrip. »Ich glaube, wir sollten nicht mit den Sinfonieorchestern wetteifern, sondern lieber unseren Kompetenzvorsprung in der Barockmusik ausbauen«, bekräftigt Kallweit. »Es gibt da noch so viel unbekannte, ausgezeichnete Musik, die in den Archiven schlummert. Und unsere nächsten Einspielungen mit Ouvertüren von Johann Joseph Fux und Konzerten des Würzburger Kapellmeisters Giovanni Benedetto Platti, die wir in der Bibliothek des Grafen Schönborn-Wiesentheid entdeckt haben, sind gute Beispiele dafür.« Und vielleicht lässt sich das eine oder andere Stück ja sogar vertanzen.

Neu erschienen:

Antonio Vivaldi

Doppelkonzerte

Akademie für Alte Musik Berlin

harmonia mundi

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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