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Frido Mann

Natur ist wichtiger als Kunst

Vor 60 Jahren erschien Thomas Manns letzter großer Künstlerroman »Doktor Faustus« – die Geschichte des Tonsetzers Adrian Leverkühn. Sein Lieblingsenkel Frido war das lebende Vorbild für die Romanfigur des liebreizenden Kindes »Echo«. Frido Mann, Jahrgang 1940, ist in mehrfacher Hinsicht ein echter »Mann«: Erfolgreich als Autor und der Musik aufs Engste verbunden. Über seine Erinnerungen an den Großvater, seine musikalischen Einsichten und seine Bewunderung für Daniel Barenboim sprach mit ihm Volker Mertens in seinem Haus in der Schweiz.

RONDO: Herr Mann, Ihr Großvater gilt als der Musiker unter den großen Erzählern. Können Sie sich noch gut an ihn erinnern?

Frido Mann: Ich war als Kind oft bei meinen Großeltern in Kalifornien und dann in der Schweiz. Ich erinnere mich gut an den Ritus des allabendlichen Musikhörens nach dem Essen. Thomas Mann nahm dann die Brille ab, hielt die ganze Zeit die Augen geschlossen, lehnte den Kopf zurück und lauschte der Musik. Es wurde viel über Musik, vor allem über Konzerte und Musiker geredet – bei Tisch und bei Spaziergängen. Mein Großvater war nicht selbst Musiker, er war »Dilettant«, Liebhaber im besten Sinne und als solcher sehr anerkannt. Musik stand im Zentrum seines Wesens. Er hat geschrieben wie ein Musiker komponiert. Er hat einmal gesagt: »Mein ganzes Werk ist eine einzige Partitur.«

RONDO: Er meinte damit, dass seine Romane nach musikalischen Prinzipien, mit Leitmotiven und Motivverknüpfungen, strukturiert sind. Thomas Mann hat selbst Geige gespielt und auf dem Flügel improvisiert – haben Sie ihn je spielen hören?

Mann: Nein, ich erinnere mich an ein Weihnachten, von dem ich meinte, er hätte Geige gespielt. Aber das hatte er schon lange aufgegeben. Sein Spiel genügte den eigenen Ansprüchen nicht. Es war vielmehr mein Vater ...

RONDO: Ihr Vater Michael Mann war Berufsmusiker ...

Mann: Er spielte Bratsche und Geige. Mein Großvater hielt zuerst nicht so viel davon, aber das änderte sich, als er ihm einen Aufsatz über Zwölftonmusik für den »Doktor Faustus« lieferte. Als ich so zwölf oder dreizehn Jahre alt war, habe ich ihn gefragt, wie mein Vater denn spiele. Und mein Großvater hat gesagt: »Das darfst Du ihm nie sagen – Dein Vater spielt sehr schön, aber er hat einen etwas dünnen Ton.«

RONDO: Sie selbst wollten wie ihre Eltern die Musik als Beruf ergreifen?

Mann: Ich habe Klavier und Dirigieren studiert und mit Diplom abgeschlossen.

RONDO: Sie haben an der Zürcher Oper in den 1960er Jahren an der Einstudierung des »Parsifal« mitgewirkt. Was bedeutete und bedeutet Ihnen Wagners Musik?

Mann: Mich hat die geistige Dimension des »Parsifal« fasziniert, zur Musik aber hatte ich große Distanz, die Wagnerei war mir zu sehr Familienerbe. Vor etwa zwölf Jahren habe ich einen Versuch mit dem »Lohengrin« gemacht, der kommt ja auch in den »Buddenbrooks« in einer wichtigen Funktion vor, denn es ist Hannos erster Opernbesuch. Ich wählte die Aufnahme unter Abbado mit Siegfried Jerusalem und Cheryl Studer und war ganz verzaubert von der Musik – bis zu dem Moment, als die Brabanter zu Fanfarenklängen auftreten. Das war »Nazimusik«. Und dann sah ich 1994 eine alte Wochenschau, in der Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli verwundete Offiziere besucht. Und die Musik dazu: die Fanfaren aus dem »Lohengrin«! Ich habe statt Wagner Brahms geliebt, ihn ganz oft gehört und gespielt. Er stammt zwar aus der gleichen Epoche, aber er ist ein Antipode Wagners. Meine besondere Liebe galt Johann Sebastian Bach. Mit sieben Jahren hörte ich die »Johannespassion« zum ersten Mal und war sehr beeindruckt. Mein späterer Klavierprofessor, Hans Andreae, hat Cembalo gespielt. Ich habe dann bei ihm studiert und das Wohltemperierte Klavier durchgearbeitet. Noch heute habe ich die Ausgabe mit den Eintragungen für Dynamik und Agogik, und selbst, wenn ich jahrelang nichts daraus gespielt habe, ich habe es noch im Kopf und in den Fingern, wenn ich es mir wieder vorhole.

»Der Parsifal war für mich ein Einschlag, ich entdeckte das Religiöse.«

RONDO: Sie musizieren mit Ihrer Familie?

Mann: Mein Sohn ist ein tüchtiger Geiger, wir spielen gerade die 15 Mozartsonaten und haben auch schon Beethovens sämtliche Violinsonaten aufgeführt. Meine Frau spielt Bratsche, mein zwölfjähriger Enkel Geige, meine Enkelin Cello.

RONDO: Auf Ihrem Flügel liegen die Noten von Richard Strauss’ »Im Abendrot« ...

Mann: Ich begleite meine Frau. Der Flügel stammt aus dem Besitz von Thomas Mann, auf ihm haben schon Bruno Walter und Adorno gespielt. Und mein Großvater hat über »Tristan«-Akkorde improvisiert, obwohl er eigentlich gar nicht spielen konnte.

RONDO: Sehen Sie die Musik als ein Erbteil der Familie Mann?

Mann: Sie ist, wie alles Künstlerische, durch meine brasilianische Urgroßmutter Julia da Silva Bruns in die Familie gekommen. Die Manns waren eher prosaisch. Sie hat in Lübeck musikalisch-literarische Soireen veranstaltet, selbst gesungen und sich am Klavier begleitet. Ich beschäftige mich viel mit ihrer Heimat, Brasilien kommt in meinen Romanen immer wieder vor, so auch in meinem Musikerroman »Nachthorn«. Der Held ist Organist, das kommt von seiner böhmischen Mutter. Er verlässt Brasilien und geht nach Europa. Bei einer Aufführung von Haydns »Schöpfung«, in der er Cembalo spielt, verlässt er das Podium nach dem Schlusschor des zweiten Teils »Vollendet ist das große Werk«, den dritten, das Paradies, hält er für nicht mehr zeitgemäß, denn er stimmt nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Er komponiert einen neuen dritten Teil, das Chaos, das die Menschen aus der Schöpfung gemacht haben. In das D-Dur des Schlussakkords mischen sich Es und As, es entsteht ein Cluster, eine Disharmonie. Ich habe für dieses Stück ein Vorbild gehabt, die Komposition »Irre parabel« der slowakischen Komponistin Viera Jánarceková. Schließlich kehrt mein Musiker nach Brasilien zurück, gibt das Komponieren auf und lauscht dem Gesang des Zaubervogels wie zu Beginn. Die Natur ist wichtiger als die Kunst.

RONDO: Musik hat für Sie auch eine gesellschaftliche Dimension?

Mann: Unbedingt. Der »Parsifal« war für mich ein Einschlag, ich entdeckte das Religiöse. Ich habe dann katholische Theologie studiert und darin promoviert. Zu Hause wurde nie über Religion gesprochen, daher war das für mich auch so etwas wie Nestflucht. Meine Großmutter Katia hatte gar nichts mit Religion zu tun, aber dem späten Thomas Mann wurde unter dem Schock des Nationalsozialismus und des Krieges die religiöse Dimension wichtig. Er hat dafür gesorgt, dass seine vier Enkel unitarisch getauft wurden. Und sein »Faustus« endet schließlich mit einem Gebet, sein nächster Roman, »Der Erwählte«, ist eine »Sünden- und Gnadenmär« trotz und mit seiner Ironie. Hans Küng hat das sehr schön in einem Buch dargestellt. Ich selbst bin dann von der Theologie zur Psychologie gekommen, die ja heutzutage die Stelle einer »säkularisierten Seelsorge« eingenommen hat. Jetzt engagiere ich mich in einem spirituell- ethisch geprägten sozialen Projekt, der von Hans Küng gegründeten Stiftung »Weltethos«. Ich würde sehr gern Daniel Barenboim dafür gewinnen, den ich als universalen Künstler und in seinem politischen Engagement mit dem West-Östlichen Divan-Orchester sehr bewundere, auch dafür, dass er so mutig war, Wagner nach Israel zu bringen.

RONDO: Welche Musiker bewundern Sie noch?

Mann: Zuerst die großen Alten: Bruno Walter, Otto Klemperer, den ich bei meinen Großeltern erlebt habe, und Wilhelm Furtwängler, obwohl er bei ihnen verfemt war. In der nächsten Generation: Georg Solti, Claudio Abbado und Barenboim. David Zinman leistet hier mit dem Tonhalle Orchester Großartiges. Bei den Pianisten sind es Christian Zacharias und Alexander Longquich, der mit Frank Peter Zimmermann die Mozartsonaten so wunderbar eingespielt hat.

RONDO: Haben Sie Lieblingsplatten?

Mann: Für den NDR habe ich einmal folgende Aufnahmen ausgesucht: Die Vorstellung des Chaos aus Haydns »Schöpfung«, das g-Moll-Klavierquartett von Mozart, das ich schon oft gespielt habe, den dritten Satz aus Beethovens B-Dur Quartett op. 130, »Er weidet seine Herde« aus Händels »Messias«. Dann wollte ich etwas mit Barenboims Divan-Orchester und habe »Nimrod« aus Elgars Enigma-Variationen ausgesucht, ungeheuer dicht gespielt von den jungen Musikern. Zwischen ihnen herrscht hohe Spannung, sie sind auch einmal aggressiv zueinander, aber die Musik verbindet sie wieder. Das ist für mich eine verwirklichte Utopie.

Buch-Tipps:

Volker Mertens: Groß ist das Geheimnis. Thomas Mann und die Musik

Militzke

Hans Rudolf Vaget: Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik.

Fischer

Ruprecht Wimmer: Doktor Faustus. Kommentarband

Fischer

Frido Mann: Nachthorn (Roman)

Nymphenburger

Rondo Autor, RONDO Ausgabe 5 / 2007



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