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Musikstadt

Bremen: Steife Kulturbrise

Die Auszeichnung »Opernhaus des Jahres 2007« soll kein bequemes Ruhekissen sein: Dank GMD Markus Poschner und Intendant Hans-Joachim Frey herrscht weiterhin Aufbruchstimmung in Bremen. Und mit der Deutschen Kammerphilharmonie verfügt man über eines der aufregendsten Kammerensembles der Republik. Jörg Königsdorf hörte sich um in der Hansestadt.

Den Höhepunkt seiner Tour hat sich Albert Schmitt bis zum Schluss aufgespart. »Nun unser Saal«, verkündet der Geschäftsführer der Deutschen Kammerphilharmonie feierlich, während er eine unscheinbare graue Tür aufschließt und ein Leuchten in den Augen seine Vorfreude auf das Staunen der Besucher verrät. Und es klappt auch diesmal: Die lichtdurchflutete weiße Halle mit ihrer eleganten, auf halber Höhe umlaufenden Galerie macht auf Anhieb begreiflich, weshalb Deutschlands derzeit aufregendstes Kammerorchester sich ausgerechnet hier, in der Gesamtschule Bremen-Ost im Problemstadtteil Osterholz niedergelassen hat. Seit gut einem halben Jahr haben die Musiker hier ihre Heimat gefunden, proben ihre Konzertprogramme, nehmen CDs auf, veranstalten Kurse für innovationsfreudige Manager und haben es sich vor allem zur Aufgabe gemacht, bei ihren Nachbarn, gut 800 Schülern, die sonst eher auf Tokio Hotel und Gangsta-Rap stehen, Begeisterung für klassische Musik zu wecken. Und das klappt bestens: Gerade erst haben die Kammerphilharmonie und die Schule für ihr Projekt den »Zukunfts- award 2007« als »beste soziale Innovation« verliehen bekommen, und Ende November steigt im Probensaal die erste Folge einer von Schülern und Musikern entwickelten Soap-Opera mit dem Titel »Melodie des Lebens«.
Es macht durchaus Sinn, eine Tour durch die Musikstadt Bremen nicht im Zentrum oder bei den Bremer Stadtmusikanten zu beginnen, sondern zwischen heruntergekommenen Hochhaussiedlungen, wo ein Viertel der Menschen von Hartz IV lebt. Denn Kultur hat in Bremen, der vielleicht sozialdemokratischsten aller deutschen Städte, immer auch etwas mit sozialem Verantwortungsgefühl zu tun gehabt, und auch vor ihrem Umzug hat sich die Kammerphilharmonie regelmäßig mit pädagogischen Projekten profiliert. Den Stadtherrn, die immerhin 40 Prozent des Etats bereitstellen, imponiert solch ein Engagement im Zweifelsfall mehr als preisgekrönte CDs und Gastspiele in der Carnegie Hall.
Kein Wunder, dass das knapp 40-köpfige Ensemble in den letzten 15 Jahren neben den Philharmonikern, der Oper und dem alljährlich im Spätsommer stattfindenden Musikfest Säule des Bremer Musiklebens geworden ist: Die beiden Aboreihen im historischen Konzertsaal der Stadt, der 1928 eingeweihten Glocke, sind fast immer ausverkauft, und die Beethoven-CDs mit dem Chefdirigenten Paavo Järvi gehen weg wie warme Semmeln. Unter dem Esten hat das Orchester noch einmal einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht, zum erfrischenden Zugriff, für den Järvis Vorgänger Daniel Harding stand, ist nun das Spannungsverhältnis der großen sinfonischen Form dazugekommen. Inzwischen, sagt Schmitt, könnten die Musiker, die allesamt als Gesellschafter in einer GmbH organisiert sind, von den Erträgen der Kammerphilharmonie sogar leben – wenn es weiter so gut läuft, werden vermutlich bald Aktien ausgegeben.
Bremens direkt neben dem romanischen Dom gelegene Glocke mit ihrer vielgerühmten Akustik ist der Dreh- und Angelpunkt des städtischen Konzertlebens: Im kleinen Saal läuft die hochkarätige Kammermusikreihe der Philharmonischen Gesellschaft, bei der in dieser Saison Ensembles wie das Hagen Quartett und das Trio Jean Paul auftreten. Im 1.400 Plätze fassenden Großen Saal mit seinem expressionistisch zackigen Dekor und seiner etwas gewöhnungsbedürftigen lindgrünen Farbgebung dagegen wechseln sich die Deutsche Kammerphilharmonie und die Bremer Philharmoniker ab, die gerade unter ihrem neuen Chef Markus Poschner einen glänzenden Auftakt hingelegt haben. Konkurrenz belebt offenbar das Geschäft, und der Bayer hat sich für seine erste große Chefposition viel vorgenommen. »Bevor ich hierher kam, habe ich erstmal die Geschichte dieses Orchesters durchgeackert«, erzählt er. »Hans von Bülow war hier Chef, Brahms hat sein ›Deutsches Requiem‹ für Bremen geschrieben, Richard Strauss hat hier dirigiert, und Beethoven hat hier sein erstes öffentliches Konzert als Klaviersolist gegeben. Das ist eine Tradition, an die wir anknüpfen wollen, indem wir versuchen, gerade die ›Schlachtrösser‹ des Repertoires neu zu überdenken.« Wie das aussieht, erklärt der Maestro an Strauss’ »Don Juan«, mit dem er seine erste Spielzeit gestartet hat: Zwischen Strauss’ Eigenaufnahme und der Karajaneinspielung aus den späten 70ern lägen etwa vier Minuten Unterschied. Sein Ziel sei es, zum schlankeren, entpathetisierten Straussbild zurückzukehren – unter Berücksichtigung der historischen Quellen. Auch für den »Tristan«, den er in dieser Spielzeit dirigiert, ist Poschner schon seit Monaten am Studieren des Klavierauszugs mit den Originalanmerkungen des Wagnerfreundes und Dirigenten Felix Mottl. Man darf vermuten, dass der dynamische Herr Generalpersönlimusikdirektor mit den beiden Liebenden nicht lange fackeln wird. Auch die beiden ersten Opernproduktionen der Saison, Ligetis »Le grand macabre« und Verdis »Nabucco« zeigen, dass die lange Zeit ohne Chef dahindümpelnden (und übrigens ebenfalls als GmbH organisierten) Bremer Philharmoniker von Aufbruchstimmung erfasst sind: Von der schneidigen Präzision, mit der die Musiker und ihr Chef Verdis Partitur elektrisieren, könnten sich etliche Orchester eine Scheibe abschneiden. Kein Wunder, dass schon zwei Tage nach der Premiere bereits alle Vorstellungen restlos ausverkauft waren.

»Die Leute sollen begreifen: Jetzt ist ›Nabucco‹-Time«

Ein bisschen liegt der Run aber wohl auch an der geschickten Marketing-Strategie von Bremens neuem Intendanten Hans-Joachim Frey: Während sein Vorgänger Klaus Pierwoß, der seine 13-jährige Ära zum Abschluss mit dem Titel »Opernhaus des Jahres« krönen durfte, neue Produktionen über die gesamte Spielzeit streute, setzt Frey auf kurze Laufzeiten: Schon das »Nabucco«-Plakat macht mit der Angabe der Aufführungsdaten klar, dass man sich rechtzeitig kümmern muss, wenn man den Verdi-Hit erleben will. »Die Leute sollen begreifen: Jetzt ist ›Nabucco‹-Time«, bekräftigt der Hannoveraner, der zuvor zehn Jahre lang als zweiter Mann hinter dem Intendanten an der Dresdner Semperoper wirkte. Im Gegensatz zu Pierwoß, dessen Theaterverständnis ganz von der 68er Generation und ihrem Willen zur Volksaufklärung durch die Kunst geprägt war, setzt Frey auf große, durchaus auch kulinarische Oper. Er sei kein Weltverbesserer, erklärt er, ihm sei wichtig, dass überhaupt erstmal mehr Menschen ins Theater kämen als bisher. Um das zu erreichen, krempelt der neue Chef den Laden ziemlich um: Internetauftritt, Buchungsmöglichkeiten und Marketing wurden schon überholt, die Foyers des renovierten Theaters am Goetheplatz dienen tagsüber als Galerie und werden für Empfänge auch an Unternehmen vermietet. Im nächsten Jahr schultert das Theater parallel zum normalen Spielbetrieb noch eine viermonatige Musicalproduktion (»Marie Antoinette«) – wenn es darum geht, den gerade nochmals um 1,3 Millionen Euro abgesenkten Etat durch Drittmittel aufzustocken, kennt Frey keine Denkverbote und Berührungsängste. Auch nicht, was die Organisation seines Theaters betrifft: Parallel zur Entflechtung des Spielplans und der Ausweitung auf Barocktheater – in dieser Spielzeit Reinhard Keisers »Fredegunda« – hat der neue Chef auch seine persönliche Vorstellung von Ensembletheater durchgesetzt. »Um gute Leute zu kriegen, muss ich ihnen auch die Freiheit bieten, mal wegzugehen«, beschreibt der Stimmfachmann, der in Dresden einen internationalen Gesangswettbewerb initiierte, seinen Kurs. »Statt eines kleinen, fest verpflichteten Ensembles von 20 Kräften setze ich lieber auf einen Pool von 40 Sängern, zu dem noch ein neu eingerichtetes Opernstudio mit sechs bis acht jungen Sängern kommt. Schließlich will das Publikum doch auch nicht immer dieselben Nasen sehen.« Wenn das Ergebnis so aussieht wie in den beiden ersten Premieren, kann man die Bremer nur beglückwünschen: Mit dem Venezolaner Juan Orozco präsentiert sich ein Verdi-Bariton der Extraklasse, die Amerikanerin Kelly Hogan zeigt mit gleißender Sopranattacke für die Abigaille echten Diven-Furor, und die anschaulichen Bilder, die der Regisseur Karsten Wiegand für das Hebräerdrama findet, zeigen, dass kulinarische Oper nicht unbedingt den Verzicht auf kluges, modernes Theater bedeutet. Kein Zweifel: Es weht ein frischer Wind durch die Hansestadt. Windstärke steigend.

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 6 / 2007



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